Weihe und Widmung


5. Kapitel

Vollständiges Leben

Gott verheißt: „Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen." (Jer. 29, 13. 14.) Unser ganzes Herz muß sich vor Gott demütigen, ehe der Wechsel eintreten kann, welcher uns wieder in den Zustand der Gottähnlichkeit zurückversetzt. Unsere sündhafte Natur hat uns von Gott entfremdet. Der Heilige Geist schildert unseren Zustand treffend mit den Worten: „Da ihr tot wahret durch Übertretungen und Sünden." (Eph. 2, 1.) „Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt. Von der Fußsohle bis aufs Haupt ist nichts Gesundes an ihm." (Jes. 1, 5. 6.) Satan hält uns in seinen Schlingen, von denen wir „gefangen sind zu seinem Willen." (2. Tim. 2, 26.) Gott will uns heilen von unseren Sünden. Da dies aber eine gänzliche Erneuerung des Herzens‚ einen vollständigen Wechsel unseres eigenen „Ich" bedingt, so müssen wir uns auch gänzlich vor ihm demütigen, uns gänzlich ihm anheimstellen.

Der Kampf gegen das eigene Ich ist der gewaltigste Kampf, der je gefochten wurde. Das Aufgeben der eigenen Interessen, die Übergabe der ganzen Persönlichkeit erfordert schwere Kämpfe; aber die Seele muß sich Gott unterwerfen, ehe sie von neuem in Heiligkeit wiedergeboren werden kann.

Gottes Herrschaft ist nicht, obgleich Satan uns dies glauben machen will, auf ein blindes Unterwerfen, auf einen vernunftlosen Zwang gegründet. Nein - er appelliert an Vernunft und Gewissen. „So kommt denn, und lasst uns miteinander rechten, spricht der Herr" (Jes. 1, 18), lautet die Einladung des Schöpfers an seine Geschöpfe; er will sie nicht zwingen. Er kann keine Ehrerbietung und Huldigung von uns annehmen, die wir ihm nicht aus freiem Antriebe darbringen. Eine erzwungene Huldigung würde die freie Entwicklung des Verstandes und Willens hindern; sie würde uns zur Maschine herabwürdigen. Solches konnte unmöglich die Absicht des Schöpfers sein. Sein Wunsch ist es, daß der Mensch, die Krone der Schöpfung, die größtmögliche Vollkommenheit erreiche. Er stellt die herrlichsten Segnungen, deren wir nur durch seine Gnade teilhaftig werden können, vor unsere Augen. Er lädt uns ein, zu ihm zu kommen, damit er sein Werk in uns vollbringen kann. Es liegt einzig und allein an uns, die Wahl zu treffen zwischen steter Knechtschaft und Sünde, oder der wunderbaren Freiheit der Kinder Gottes.

In unserer Hingabe an Gott müssen wir natürlich alles das aufgeben, was uns von ihm trennt. Deshalb sagt auch der Heiland: „Also auch ein jeglicher unter euch, der nicht absaget allem, das er hat, kann nicht mein Jünger sein." (Luk. 14, 33.)  Wir müssen alles aufgeben und verlassen, was unsere Herzen von Gott trennen kann. Reichtum ist der Götze vieler Menschen. Die Liebe zum Geld, das Verlangen nach Reichtum sind die goldenen Ketten, die sie an Satan fesseln. Ein sorgloses, bequemes, von Verantwortungen freies Leben, Rang und Würden sind andere Götzen. Aber diese Sklavenfesseln müssen zerbrochen werden. Wir können nicht halb Gott und halb der Welt angehören; wir müssen ganz und gar Gottes Kinder sein. Es gibt viele Menschen, die da vorgeben, Gott zu dienen, während sie sich ganz auf ihre eigene Kraft stützen, um seinem Gesetz gehorsam zu sein, einen richtigen Charakter zu entwickeln und einst selig zu werden. Ihre Herzen sind noch nicht von der Liebe Christi gerührt; aber sie suchen die von Gott ihnen auferlegten Pflichten zu erfüllen, um den Himmel zu gewinnen. Eine solche Religion ist ohne jeglichen Wert. Hat Christus aber erst Einzug in unsere Herzen gehalten, dann werden dieselben so erfüllt mit seiner reinen Liebe, mit solch heiliger Freude an seiner Gemeinschaft, daß eine Trennung unmöglich ist. Wenn wir zu ihm aufblicken, dann vergessen wir uns selbst. Die Liebe Christi wird zur Quelle unseres Lebens und unserer Tätigkeit. Haben wir erst etwas von der innigen Liebe Christi und Gottes in unseren Herzen verspürt, dann fragen wir nicht, wie wenig notwendig ist, um Gottes Gebote zu halten; dann streben wir nicht nach der niedrigsten Stufe, sondern nach vollkommener Übereinstimmung mit dem Willen unseres Erlösers. Wir streben mit allem Ernst darnach und opfern willig alles, wir zeigen ein reges Interesse daran, welches der in Aussicht gestellten Herrlichkeit entspricht. Ein Bekennen Christi ohne tiefe Liebe zu ihm ist nur ein leeres Geschwätz, eine bloße Formalität, ein schweres knechtisches Joch.

Glauben wir, es sei ein allzu großes Opfer, alles dem Herrn zu opfern? Ein jeder lege sich die Frage vor: „Was gab Christus für mich?" Alles - sein Leben, seine Liebe und sein Leiden - opferte der Sohn Gottes, um uns zu erlösen. Ach, kann es möglich sein, daß wir, die unwürdigen Gegenstände so unendlich großer Liebe, unsere Herzen von ihm fern halten wollen? Jeden Augenblick in unserem Leben haben wir seinen Gnadensegnungen genossen; aus diesem Grunde können wir die tiefe Unwissenheit, das unsägliche Elend, von dem er uns gerettet hat, nicht völlig verstehen. Ach, können wir zu ihm aufblicken, den unsere Missetaten gekreuzigt, und dann noch solche Liebe und solch Opfer verschmähen? Sollten wir im Hinblick auf die tiefe Demütigung des Herrn der Herrlichkeit darüber murren, daß wir nur durch Kampf und Selbstverleugnung zum Leben eingehen können?

Manch stolzes Herz fragt: Warum muß ich mich erst demütigen und Buße tun, ehe ich der Kindschaft Gottes gewiß sein kann? O, ich weise euch hin auf Christus. Er war ohne Sünde, ja noch mehr, er war der Fürst des Himmels, der, um die sündige Menschheit vom Tode zu retten, in diese Welt kam. „... darum daß er sein Leben in den Tod gegeben hat, und den Übeltätern gleich gerechnet ist, und er vieler Sünde getragen hat, und für die Übeltäter gebeten." (Jes. 53, 12.)

Was opfern wir denn, was geben wir auf, wenn wir auch alles aufgeben? Ein von Sünden beflecktes Herz, damit Jesus es mit seinem eigenen Blut reinige und durch seine unbeschreibliche Liebe erlöse. Und dennoch zaudern die Menschen, dieses Opfer zu bringen! O, wie beschämend ist solcher Gedanke, wie beschämend, es niederzuschreiben.

Gott verlangt nicht, daß wir das aufgeben sollen, was uns von Nutzen sein kann. In all seinem Walten und Tun hat Gott nur das Beste für seine Kinder im Auge. O, möchten doch alle, die Christus noch nicht als ihr Teil erwählt haben, zur Erkenntnis kommen, daß er ihnen viel bessere und höhere Güter geben kann, als sie selbst für sich suchen! Der Mensch begeht an seiner eignen Seele das größte Unrecht und die größte Ungerechtigkeit, wenn er dem Willen Gottes entgegen handelt. Wirkliche Freude kann man nicht auf verbotenen Wegen finden, verboten von dem, der weiß, was am besten ist und der nur das Beste für die Seinen will. Der Weg des Sünders ist ein Weg des Elends und ewigen Todes.

Wir sind in großem Irrtum befangen, wenn wir glauben, daß Gott seine Geschöpfe gern leiden sieht. Der ganze Himmel nimmt Anteil an dem Glück der Menschen. Unser himmlischer Vater verschließt keiner seiner Kreaturen die irdischen Freuden. Er verlangt nur, daß wir solche Freuden meiden, die uns Leiden und bittere Enttäuschungen bringen, uns schon im Leben unglücklich machen, ja schließlich die Himmelstüre verschließen. Der Erlöser der Welt nimmt die Menschen an, wie sie sind, mit all ihrer Armut, ihren Unvollkommenheiten und Schwächen. Er will mit seinem heiligen Blut uns nicht nur reinigen von Sünde, sondern will das heiße Verlangen nach Erlösung in allen denen stillen, die geduldig sein Joch auf sich nehmen und seine Last tragen. Allen, die mit dem Verlangen nach dem Brot des Lebens zu ihm kommen, will er Frieden und Ruhe geben. Er erlegt uns nur solche Pflichten auf, die unsere irdischen Schritte nach den himmlischen Segnungen leiten, die der Sünder nie erlangen kann. Ein Leben der Freude zu führen, bedeutet, daß Christus, die Hoffnung der Herrlichkeit, in uns Gestalt gewinne.

Viele fragen: Wie kann ich mich Gott ganz übergeben? Dies ist euer Wunsch; denselben aber aus eigener Kraft zu erfüllen, seid ihr zu ohnmächtig und schwach, denn ihr seid in Banden des Zweifels und in den Gewohnheiten eines sündigen Lebens gefangen. Eure Versprechungen und Vorsätze sind auf Sand gebaut; ihr seid nicht imstande, eure Gedanken und Begierden im Zaum zu halten. Eure gebrochenen Versprechen und ungehaltenen Gelübde haben euer Vertrauen in eure eigene Aufrichtigkeit schwankend gemacht; ihr seid verzagt und meint, Gott könne euch nicht annehmen. Doch, liebe Seele, verzweifle nicht! Lerne nur erst die echte, wahre Willensstärke erkennen. Sie ist die entscheidende Macht, welche die Natur des Menschen beherrscht; die Macht der Entscheidung oder der Wahl. Alles hängt von der richtigen Tätigkeit des Willens ab. Es liegt an dir, die Kraft, welche Gott den Menschen gab, das Rechte von dem Unrechten zu unterscheiden, auszuüben. Du kannst zwar dein Herz nicht verändern, du kannst aus eigener Natur und Kraft Gott nicht lieben; es liegt aber in deiner freien Wahl, ihm zu dienen. Du kannst ihm deinen Willen übergeben, dann wird er in dir wirken das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen. Dann wird deine ganze Natur dem Geiste Christi untertan; all deine Liebe konzentriert sich in ihm, du lebst in engster Harmonie mit ihm.

Mit unseren Wünschen nach Frömmigkeit und Heiligkeit ist nichts getan, so lange es nur dabei bleibt. Viele werden auf ewig verloren gehen, während sie hoffen und darauf warten, Christen zu werden. Sie kommen nie zu dem Punkt, den Willen Gott zu übergeben. Sie treffen gerade
jetzt nicht die Entscheidung: Christen zu sein.

Wenn du deinen Willen und Wunsch bestätigst, kann ein völliger Wechsel in deinem Leben stattfinden. Wenn du deinen Willen gänzlich Christus unterwirfst, vereinst du dich mit einer über alle Herrschaft und Gewalt erhabenen Macht. Du wirst Stärke von oben erhalten, standhaft zu bleiben, und indem du dich Gott stets von neuem übergibst, wirst du imstande sein, ein neues Leben, ein Glaubensleben zu führen.


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