Kapitel 28  -  Levi-Matthäus


Gemäß Matthäus 9:9-17; Markus 2:14-22; Lukas 5:27-39.

Von den römischen Beamten in Palästina waren keine verhaßter als die Zöllner. Die Tatsache, daß die Steuern von einer fremden Macht auferlegt wurden, bildete für die Juden ein stetes Ärgernis und erinnerte sie ständig daran, daß sie ihre Unabhängigkeit eingebüßt hatten. Hinzu kam, daß die Steuereintreiber nicht allein die Werkzeuge römischer Unterdrückung waren, sondern Erpresser zum eigenen Vorteil, die sich auf Kosten des Volkes bereicherten. Ein Jude, der dieses Amt aus der Hand der Römer annahm, galt als Verräter der Ehre seiner Nation. Als Abtrünniger wurde er verachtet und zu den Verworfensten der Gesellschaft gezählt.

Levi-Matthäus gehörte zu dieser Gruppe. Nach den vier Jüngern am See Genezareth berief Christus ihn als nächsten in seinen Dienst. Die Pharisäer hatten Matthäus nur nach seinem Beruf beurteilt, Jesus dagegen sah das Herz dieses Menschen, das bereit war, die Wahrheit zu empfangen. Matthäus hatte den Lehren des Heilandes gelauscht. Während der Geist Gottes in ihm das Bewußtsein der Sündhaftigkeit weckte, sehnte er sich danach, Hilfe bei Christus zu suchen. Er war aber so sehr an die Unnahbarkeit der Rabbiner gewöhnt, daß ihm überhaupt nicht der Gedanke kam, dieser Lehrer könnte ihn beachten.

Eines Tages saß der Zöllner an seiner Bude und sah Jesus kommen. Höchst verwundert vernahm er die an ihn gerichteten Worte: „Folge mir nach!"

Matthäus „verließ alles, stand auf und folgte ihm nach". Lukas 5:27,28. Er zögerte nicht. Er fragte nicht. Ihm kam gar nicht der Gedanke, nun das einträgliche Geschäft gegen Armut und Ungemach tauschen zu sollen. Ihm genügte es, bei Jesus zu sein, seinen Worten zu lauschen und sich seinem Wirken anzuschließen.

Genauso hatten sich schon die zuvor berufenen Jünger verhalten. Als Jesus Petrus und seine Gefährten aufforderte, ihm nachzufolgen, verließen sie auf der Stelle ihre Boote und Netze. Einige dieser Jünger hatten für Verwandte zu sorgen. Sie zögerten jedoch nicht, als die Einladung des Heilandes an sie erging, und fragten auch nicht: Wovon soll ich leben und meine Familie ernähren? Sie gehorchten der Aufforderung. Als Jesus sie später fragte: „Sooft ich euch ausgesandt habe ohne Beutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr auch je Mangel gehabt?" konnten sie antworten: „Nie." Lukas 22:35.

Sowohl Matthäus in seinem Wohlstand als auch Petrus und Andreas in ihrer Armut standen vor der gleichen Entscheidung — jeder traf sie mit der gleichen Hingabe. Angesichts des Erfolges, als die Netze mit Fischen zum Zerreißen voll und die Anreize des gewohnten Lebens am stärksten waren, forderte Jesus die Jünger am See auf, dies alles für die Evangeliumsarbeit aufzugeben. In gleicher Weise wird jede Seele geprüft, was stärker in ihr ist: ihr Verlangen nach weltlichen Gütern oder nach der Gemeinschaft mit Christus.

Grundsätze stellen hohe Anforderungen. Im Dienste Gottes kann niemand erfolgreich sein, er bringe denn sein ungeteiltes Herz mit ein und „achte ... alles für Schaden gegen die überschwengliche Größe der Erkenntnis Christi". Philipper 3:8. Wer den geringsten Vorbehalt geltend macht, kann kein Jünger Jesu, noch viel weniger sein Mitarbeiter sein. Menschen, die das große Erlösungswerk schätzen, werden in ihrem Leben jene Selbstaufopferung offenbaren, die im Leben Jesu sichtbar war. Wohin immer er vorangeht, werden sie ihm freudig folgen.

Die Berufung des Matthäus in die Jüngerschaft Jesu erregte großen Unwillen. Es war ein Verstoß gegen die religiösen, gesellschaftlichen und nationalen Bräuche, wenn ein Glaubenslehrer einen Zöllner in sein engstes Gefolge aufnahm. Die Pharisäer hofften durch geschicktes Ausnutzen der Voreingenommenheit des Volkes dessen Gefühle gegen Jesus lenken zu können.

Unter den Zöllnern erwachte ein weitgespanntes Interesse. Ihre Herzen fühlten sich zu dem göttlichen Lehrer hingezogen. Aus Freude an seiner neuen Jüngerschaft wollte Matthäus seine früheren Kollegen unbedingt zu Jesus bringen. Deshalb veranstaltete er ein Fest in seinem Hause und lud dazu seine Verwandten und Freunde ein. Es erschienen nicht nur die Zöllner, sondern auch viele andere Leute zweifelhaften Rufes, die von ihren überängstlichen Nachbarn geächtet waren.

Das Gastmahl wurde Jesus zu Ehren gegeben, und er zögerte nicht, die Gunstbezeigung anzunehmen, obwohl er sich bewußt war, daß dies für die Sekte der Pharisäer ein Ärgernis bedeutete und ihn zugleich in den Augen des Volkes bloßstellte. Doch „diplomatische" Rücksichtnahme konnte sein Verhalten nicht beeinflussen. Bei ihm galten äußerliche Unterschiede nichts. Sein Herz sprach auf Seelen an, die nach dem Lebenswasser dürsteten.

Jesus saß als Ehrengast zwischen den Zöllnern an der Tafel. Durch sein Wohlwollen und sein umgängliches Wesen zeigte er ihnen seine Wertschätzung der Würde des Menschen, so daß sie danach verlangte, sich seines Vertrauens würdig zu erweisen. In ihre durstigen Herzen fielen seine Worte mit beglückender, lebenspendender Kraft. Neue Impulse wurden geweckt, und diesen Ausgestoßenen der Gesellschaft eröffnete sich die Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen.

Bei solchen Zusammenkünften wurden nicht wenige von den Lehren des Heilandes beeindruckt; sie bekannten sich aber erst nach seiner Himmelfahrt zu ihm. Als der Heilige Geist ausgegossen wurde und sich an einem Tage dreitausend Menschen bekehrten, waren viele unter ihnen, die die Wahrheit zuerst an der Tafel der Zöllner gehört hatten. Einige von ihnen wurden Boten des Evangeliums. Für Matthäus selbst war das Verhalten Jesu auf dem Fest eine stete Mahnung. Der verachtete Zöllner wurde zu einem der hingebungsvollsten Evangelisten, der sich in seinem Dienst genau nach dem Beispiel seines Meisters richtete.

Als die Rabbiner von der Teilnahme Jesu an dem Fest des Matthäus erfuhren, ergriffen sie die Gelegenheit, ihn anzuklagen, und zwar gedachten sie es mit Hilfe der Jünger zu tun. Indem sie ihre alten Vorurteile wieder hervorkramten, hofften sie, die Jünger ihrem Meister entfremden zu können. Christus bei den Jüngern und die Jünger bei Christus anzuschuldigen, das war ihre Verfahrensweise. Dabei richteten sie ihre Pfeile auf die verwundbarsten Stellen. Seit dem Streit im Himmel hat Satan sich stets dieser Methode bedient, und alle, die Unstimmigkeit und Entfremdung verursachen, sind von seinem Geist getrieben.

Die mißgünstigen Rabbiner fragten: „Warum isset euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?" Matthäus 9:11.

Jesus wartete nicht die Antwort seiner Jünger auf diesen Angriff ab, sondern erwiderte selbst: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Gehet aber hin und lernet, was das ist: ‚Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.' Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten." Matthäus 9:12,13; Hosea 6:6. Die Pharisäer beanspruchten, geistlich gesund zu sein und deshalb keines Arztes zu bedürfen. Die Zöllner und Heiden dagegen würden an ihren Seelennöten zugrunde gehen. War es dann nicht Jesu Aufgabe als Arzt, gerade jenen nachzugehen, die seine Hilfe brauchten?

Obwohl die Pharisäer eine so hohe Meinung von sich hatten, war ihre Situation in Wirklichkeit viel schlimmer als die Lage jener, die sie verachteten. Die Zöllner waren nicht so frömmlerisch und hochmütig und standen daher dem Einfluß der Wahrheit sehr viel aufgeschlossener gegenüber. Jesus sprach zu den Rabbinern: „Gehet aber hin und lernet, was das ist? ‚Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.'" Damit zeigte er ihnen: Ihr behauptet zwar, das Wort Gottes auslegen zu können, von seinem Geist aber habt ihr nichts begriffen.

Für den Augenblick waren die Pharisäer zwar zum Schweigen gebracht; in ihrer Feindseligkeit aber wurden sie um so entschlossener. Als nächstes machten sie die Jünger Johannes des Täufers ausfindig und suchten sie gegen den Erlöser aufzuhetzen. Diese Pharisäer hatten den göttlichen Auftrag des Täufers nicht anerkannt. Mit Verachtung hatten sie auf seine enthaltsame Lebensführung, seine Anspruchslosigkeit und seine gewöhnliche Kleidung hingewiesen und ihn zum Fanatiker gestempelt. Seiner Verkündigung hatten sie Widerstand geleistet, und sie hatten das Volk gegen ihn aufzuwiegeln versucht, weil ihre Heuchelei von ihm öffentlich gebrandmarkt worden war. Obwohl der Geist Gottes die Herzen dieser Verächter bewegt und sie ihrer Sünden überführt hatte, widerstrebten sie Gottes Rat und erklärten sogar, Johannes sei von einem bösen Geist besessen.

Als jetzt Jesus auftrat, sich unter das Volk mischte und an dessen Tischen aß und trank, beschuldigten sie ihn, „ein Fresser und Weinsäufer" zu sein. Matthäus 11:19. Dabei hatten sich ausgerechnet die Männer, die diese Anklage vorbrachten, deren selbst schuldig gemacht. Genau wie Satan Gott falsch darstellt und ihm seine eigenen Charakterzüge nachsagt, so handelten diese boshaften Menschen an den Boten des Herrn.

Die Pharisäer wollten nicht wahrhaben, daß Jesus mit Zöllnern und Sündern aß, um ihnen, die in der Finsternis lebten, das Licht des Himmels zu bringen. Sie wollten nicht eingestehen, daß jedes von dem göttlichen Lehrer gesprochene Wort wie ein Same war, der zur Verherrlichung Gottes keimte und Frucht hervorbrachte. Sie hatten sich entschlossen, das Licht nicht anzunehmen. Obwohl sie sich dem Dienst des Täufers widersetzt hatten, warben sie jetzt bereitwillig um die Freundschaft seiner Jünger in der Hoffnung, sich ihrer Mithilfe gegen Jesus versichern zu können. Sie schilderten, wie Jesus sich über die alten Überlieferungen hinwegsetze, und verglichen die ernste Frömmigkeit des Täufers mit dem Verhalten Jesu, der mit Zöllnern und Sündern Feste feierte.

Gerade damals befanden sich die Johannesjünger in großer Bedrängnis. Das war, ehe Johannes sie mit seiner Botschaft zu Jesus sandte. Ihr geliebter Lehrer saß im Kerker, und sie brachten ihre Tage zu mit Klagen. Jesus unternahm nichts, um Johannes zu befreien. Ja, er schien sogar dessen Lehre in Mißkredit zu bringen. Weshalb schlugen Jesus und seine Jünger einen so erheblich unterschiedlichen Weg ein, wenn Johannes von Gott gesandt war?

Die Jünger des Johannes hatten kein klares Verständnis vom Wirken Christi. Sie meinten, es müsse wohl einige Gründe für die Anklagen der Pharisäer geben. Auch sie hielten viele Vorschriften der Rabbiner und hofften sogar, durch Gesetzeswerke gerechtfertigt zu werden. Fasten galt bei den Juden als verdienstvolle Tat; die strengsten unter ihnen fasteten in jeder Woche an zwei Tagen. Die Johannesjünger fasteten gerade gemeinsam mit den Pharisäern, als sie sich mit der Frage an Jesus wandten: „Warum fasten wir und die Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht?" Matthäus 9:14; Markus 2:18.

Jesus antwortete ihnen sehr rücksichtsvoll. Er versuchte nicht, ihre irrige Einstellung zum Fasten zu berichtigen; nur in Bezug auf seine eigene Sendung wollte er sie aufklären. Er benutzte dazu dasselbe Bild, das auch der Täufer in seinem Zeugnis von sich und Jesus gebraucht hatte. Johannes hatte gesagt: „Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund aber des Bräutigams steht und hört ihm zu und freut sich hoch über des Bräutigams Stimme. Diese meine Freude ist nun erfüllt." Johannes 3:29. Die Jünger des Johannes konnten nicht umhin, an diese Worte ihres Lehrers zu denken, als Jesus dieses Bild aufgriff und erwiderte: „Wie können die Hochzeitleute fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist?" Markus 2:19.

Der Fürst des Himmels befand sich unter seinem Volk. Gottes größte Gabe war der Welt geschenkt worden. Wohl den Armen; denn Jesus war gekommen, sie zu Erben seines Reiches zu machen. Wohl den Reichen; denn er lehrte sie, wie sie sich ewiger Reichtümer versichern könnten. Wohl den Einfältigen; er würde sie klug zur Seligkeit machen. Wohl den Gelehrten; Jesus wollte ihnen tiefere Geheimnisse offenbaren, als sie je ergründet hatten. Wahrheiten, die von Anbeginn der Welt verborgen gewesen waren, sollten durch das Wirken des Erlösers den Menschen verständlich werden.

Johannes der Täufer hatte sich glücklich geschätzt, den Heiland zu sehen. Welch ein Anlaß zur Freude war es doch für die Jünger, die mit der himmlischen Majestät wandeln und sprechen durften! Wie sollten sie da klagen und fasten! Sie mußten ihre Herzen für das Licht seiner Herrlichkeit öffnen, damit sie über alle, die in der Finsternis und im Schatten des Todes lebten, dieses Licht verbreiten konnten.

Die Worte Christi entrollten ein prächtiges Bild, über dem ein dunkler Schatten lag, den nur seine Augen wahrnehmen konnten. Er sagte: „Es wird aber die Zeit kommen, daß der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage." Markus 2:20. Angesichts ihres verratenen und gekreuzigten Herrn würden die Jünger klagen und fasten. In seinen letzten Worten, die er nach dem Abendmahl an sie richtete, heißt es: „Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden." Johannes 16:19,20.

Sobald der Herr aus dem Grab hervorträte, würde sich ihre Traurigkeit in Freude verwandeln. Nach seiner Himmelfahrt sollte er als Person abwesend sein. Durch den Tröster würde er sie jedoch ständig begleiten. Deshalb sollten sie ihre Zeit nicht mit Trauern zubringen. Aber gerade dies wünschte Satan. Sie sollten der Welt den Eindruck vermitteln, betrogen und enttäuscht worden zu sein. Im Glauben sollten sie aufschauen zum himmlischen Heiligtum, wo Jesus für sie seines priesterlichen Amtes waltete. Sie sollten dem Heiligen Geist, seinem Stellvertreter, ihre Herzen öffnen und sich an dem Glanz seiner Gegenwart erfreuen. Doch Tage der Anfechtung und Heimsuchung würden über sie kommen, wenn der Kampf mit den Herrschern dieser Welt und den Anführern des Reiches der Finsternis ausbrechen wird. Wenn Christus dann nicht mehr persönlich bei ihnen weilt, sie aber versäumten, den Tröster zu erkennen, dann allerdings werden sie unbedingt fasten müssen.

Durch strenge Befolgung religiöser Formen trachteten die Pharisäer sich selbst zu erhöhen, während ihre Herzen voll Mißgunst und Streitsucht waren. In der Heiligen Schrift heißt es: „Siehe, ihr fastet, um zu zanken und zu streiten und dreinzuschlagen mit gottloser Faust; ihr fastet gegenwärtig nicht so, daß euer Schreien in der Höhe Erhörung finden könnte. Meint ihr, daß mir ein solches Fasten gefällt, wenn der Mensch sich selbst einen Tag lang quält und seinen Kopf hängen läßt wie ein Schilfhalm und sich in Sacktuch und Asche bettet? Willst du das ein Fasten nennen und einen dem Herrn wohlgefälligen Tag?" Jesaja 58:4,5.

Wahres Fasten ist nicht nur ein äußerlicher Dienst. Die Schrift bezeichnet als gottgewolltes Fasten: „Laß los, die du mit Unrecht gebunden hast, laß ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!" Laß „den Hungrigen dein Herz finden" und sättige „den Elenden". Jesaja 58:6,10. Hierin kommt der wahre Geist und Charakter des Dienstes Christi zum Ausdruck. Sein ganzes Leben war freiwillige Hingabe zur Rettung der Welt. Ob er in der Wüste an der Stätte der Versuchung fastete oder mit den Zöllnern beim Fest des Matthäus aß, er gab sein Leben für die Rettung der Verlorenen. Wahre Frömmigkeit zeigt sich nicht in unnützem Trauern, in leiblicher Erniedrigung und in ungezählten Opfern, sondern in der Hingabe des Ich's an einen bereitwilligen Dienst für Gott und die Menschen.

Jesus ergänzte seine Antwort an die Johannesjünger mit einem Gleichnis: „Niemand reißt einen Lappen von einem neuen Kleid und flickt ihn auf ein altes Kleid; sonst zerreißt er das neue, und der Lappen vom neuen paßt nicht auf das alte." Lukas 5:36. Die Botschaft Johannes des Täufers durfte nicht mit Überlieferung und Aberglaube verquickt werden. Ein Versuch, die Anmaßung der Pharisäer mit der Frömmigkeit des Johannes zu vermischen, ließe die Kluft zwischen ihnen nur noch deutlicher hervortreten.

Auch die Grundbegriffe der Lehren Christi konnten mit dem Formengeist des Pharisäismus nicht in Einklang gebracht werden. Christus sollte nicht etwa die durch die Lehren des Johannes aufgerissene Lücke schließen, vielmehr wollte er das Trennende zwischen dem alten und dem neuen verdeutlichen. Diese Tatsache veranschaulichte Jesus mit den Worten: „Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; denn sonst wird der neue Wein die Schläuche zerreißen, und er wird verschüttet, und die Schläuche verderben." Lukas 5:37. Man verwandte die Lederschläuche zur Aufbewahrung des neuen Weines. Nach einer gewissen Zeit wurden sie trocken und brüchig. Es war sinnlos, sie weiterhin für den gleichen Zweck zu verwenden. Mit diesem alltäglichen Beispiel verglich Jesus den Zustand der jüdischen Führer. Priester, Schriftgelehrte und Oberste verharrten in dem alten Trott der Überlieferungen und Zeremonien. Ihre Herzen waren hart geworden wie die ausgedörrten Weinschläuche, mit denen der Herr sie verglich. Da sie sich mit einer Gesetzesreligion begnügten, konnten sie unmöglich Gefäße der lebendigen, himmlischen Wahrheit werden. Sie hielten ihre eigene Gerechtigkeit für völlig ausreichend und wünschten nicht, daß ihrer Religion auch nur ein neues Glaubenskörnchen hinzugefügt werde. Die guten Absichten Gottes für die Menschen nahmen sie für sich selbst als eine Selbstverständlichkeit hin. Sie verbanden sie mit ihrem eigenen Verdienst — auf Grund ihrer guten Werke. Der Glaube, der durch Liebe tätig ist und das Herz reinigt, fand keinen Platz in der Religion der Pharisäer; denn diese Religion bestand aus frommen Zeremonien und Menschengeboten. Alle Bemühungen, die Lehren Jesu mit der überkommenen Religion zu vereinen, mußten fehlschlagen. Die lebendige göttliche Wahrheit mußte, dem gärenden Wein gleich, die alten, verrotteten Schläuche pharisäischer Überlieferung zum Bersten bringen.

Die Pharisäer dünkten sich für zu weise, um belehrt zu werden, für zu gerecht, um Erlösung zu empfangen, für zu hochgeehrt, um der Ehre zu bedürfen, die von Jesus Christus kommt. Der Heiland wandte sich von ihnen ab, um andere zu suchen, die die Botschaft des Himmels annehmen würden. In den ungebildeten Fischern, dem Zöllner am Markt, der Frau aus Samaria und in dem einfachen Volk, das ihm freudig zuhörte, fand er seine neuen Gefäße für den neuen Wein. Werkzeuge im Dienste der Evangeliumsverkündigung sind jene Menschen, die mit Freuden das ihnen von Gott gesandte Licht aufnehmen. Sie sind seine Botschafter, die der Welt die Wahrheit mitteilen sollen. Wenn die Christusgläubigen durch seine Gnade neue Gefäße werden, wird er sie mit neuem Wein füllen.

Obwohl die Predigt Christi mit neuem Wein verglichen wurde, war sie doch keine neue Lehre, sondern nur die Offenbarung dessen, was von Anfang an verkündigt worden war. Doch für die Pharisäer hatte Gottes Wahrheit ihre ursprüngliche Bedeutung und Schönheit verloren. Daher war Christi Lehre für sie in fast jeder Hinsicht neu. Sie wurde weder anerkannt noch beherzigt.

Jesus verwies auf die Macht falscher Lehre, die imstande ist, die Wertschätzung der Wahrheit und das Verlangen nach ihr auszutilgen. „Niemand", so sagte er, „der vom alten [Wein] trinkt, will neuen; denn er spricht: Der alte ist milder." Lukas 5:39. Jede Wahrheit, die der Welt durch die Patriarchen und Propheten gegeben wurde, erstrahlte in den Worten Christi zu neuer Schönheit. Die Schriftgelehrten und Pharisäer hatten jedoch kein Verlangen nach dem köstlichen neuen Wein. Bevor sie sich nicht der alten Überlieferungen, Gewohnheiten und Bräuche entledigten, war für die Lehren Christi weder in ihrem Herzen noch in ihrem Verstand Platz. Sie klammerten sich an tote Formen und wandten sich von der lebendigen Wahrheit und der Kraft Gottes ab.

Dies bewies den Verfall des jüdischen Volkes, und auch in unserer Zeit bestätigt es das Scheitern vieler Menschen. Tausende begehen den gleichen Fehler wie die Pharisäer, die Christi Teilnahme am Fest des Matthäus mißbilligten. Viele widerstreben der Wahrheit, die vom Vater des Lichts herabkommt, statt eine liebgewonnene Idee aufzugeben oder den Götzen ihrer vorgefaßten Meinung zu stürzen. Sie vertrauen dem eigenen Ich, stützen sich auf ihre eigene Klugheit und gestehen sich ihre geistliche Armut nicht ein. Sie dringen darauf, in einer Weise erlöst zu werden, zu der sie durch ein bedeutsames Werk beitragen können. Wenn sie feststellen, daß sie sich an dem Heilswirken Jesu nicht beteiligen können, weisen sie die Erlösung zurück.

Ein Gesetzesglaube kann niemals Menschen zu Christus führen; denn er ist ohne Liebe und ohne Christus. In Gottes Augen sind Fasten und Beten, in selbstgerechtem Geist geübt, verabscheuungswürdig. Die feierliche Zusammenkunft zum Gottesdienst, der Ablauf der religiösen Handlungen, die zur Schau gestellte Demut und die großartige Opfergabe künden davon, daß der Täter dieser Werke sich selbst für gerecht hält und einen Anspruch auf das Himmelreich habe. Welch eine Täuschung! Mit unseren eigenen Werken können wir uns niemals die Seligkeit erkaufen.

Heute ist es genau wie in den Tagen Christi. Die Pharisäer kennen ihre geistliche Armut nicht. Doch an sie ergeht die folgende Botschaft: „Du sprichst: Ich bin reich und habe gar satt und bedarf nichts! und weißt nicht, daß du bist elend und jämmerlich, arm, blind und bloß. Ich rate dir, daß du Gold von mir kaufest, das mit Feuer durchläutert ist, daß du reich werdest, und weiße Kleider, daß du dich antust und nicht offenbar werde die Schande deiner Blöße." Offenbarung 3:17,18. Glaube und Liebe sind das im Feuer geläuterte Gold. Für viele büßte das Gold jedoch seinen Glanz ein, und der reiche Vorrat ging verloren. Ihnen bedeutet die Gerechtigkeit Christi soviel wie ein ungetragenes Kleid und eine ungenutzte Quelle. Ihnen wird gesagt: „Ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest. Gedenke, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke. Wo aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wenn du nicht Buße tust." Offenbarung 2:4,5.

„Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, ein geängstetes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten." Psalm 51:19. Bevor jemand im wahrsten Sinne des Wortes ein Christusgläubiger zu sein vermag, muß er von seinem Ich frei sein. Nur aus einem Menschen, der seinem Ich entsagt hat, kann der Herr eine neue Kreatur schaffen. Neue „Schläuche" können dann mit „neuem Wein" gefüllt werden. So beseelt die Liebe Christi den Gläubigen mit neuem Leben. In jedem, der auf den Anfänger und Vollender unseres Glaubens blickt, wird das Wesen Christi offenbar werden.


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