Jesus vor Hannas und Kaiphas
Kapitel  75


Matthäus 26:57-75, Matthäus 27:1, Markus 14:53-72, 15:1, Lukas 22:54-71, Johannes 18:13-27

Über den Bach Kidron, an Gärten und Olivenhainen vorbei, durch die Straßen der schlafenden Stadt trieben sie den Heiland. Mitternacht war vorüber, und das Geschrei des höhnenden Pöbels, der ihm folgte, brach sich schrill an der nächtlichen Stille. Der Heiland war gefesselt und scharf bewacht; er konnte sich nur unter Schmerzen fortbewegen. Dennoch trieben ihn seine Wächter eiligst zu dem Palast des Hohenpriesters Hannas.

Hannas war das Oberhaupt der amtierenden Priesterfamilie. Mit Rücksicht auf sein Alter wurde er vom Volk als Hoherpriester anerkannt; sein Rat war gesucht und als Stimme Gottes geachtet. Darum mußte Jesus als Gefangener der Priester zuerst zu Hannas gebracht werden; dieser mußte bei dem Verhör dabeisein aus der Befürchtung heraus, der noch wenig erfahrene Kaiphas könnte ihre ausgeklügelte Anklagebegründung zum Scheitern bringen. Seine arglistige, schlaue und spitzfindige Art wurde in diesem Fall gebraucht, um die Verurteilung Jesu unter allen Umständen zu sichern.

Nach der Voruntersuchung durch Hannas sollte Jesus vor dem Hohen Rat verhört werden. Unter der römischen Besatzung durfte der Hohe Rat keine Todesurteile vollstrecken lassen; er durfte nur den Gefangenen verhören und gegebenenfalls verurteilen; das Urteil mußte aber von der römischen Obrigkeit bestätigt werden. Die Priester mußten darum die Anklage auf solche Vergehen stützen, die bei den Römern als Verbrechen galten und die gleichzeitig Jesus in den Augen des jüdischen Volkes verdammten. Nicht wenige Priester und Oberste waren durch Jesus überzeugt worden; nur die Furcht, in den Bann getan zu werden, hinderte sie daran, sich zu ihm zu bekennen. Die Priester erinnerten sich noch gut der Frage des Nikodemus: „Richtet unser Gesetz auch einen Menschen, ehe man ihn verhört hat und erkennt, was er tut?" Johannes 7:51. Wegen dieser Frage war damals ihre Sitzung abgebrochen worden, so daß ihre Pläne durchkreuzt wurden. Nikodemus und auch Joseph von Arimathia sollten daher jetzt nicht eingeladen werden; doch es könnten andere wagen, für Recht und Gerechtigkeit einzutreten. Das Verhör mußte deshalb so geschickt geleitet werden, daß alle Mitglieder des Hohen Rates Jesus einstimmig verurteilten. Zwei Anklagen waren es, die die Priester erheben wollten. Wenn man Jesus als Gotteslästerer bezichtigen könnte, dann würde ihn das jüdische Volk verurteilen. Gelänge es ferner, ihn des Aufruhrs für schuldig zu erklären, dann wäre auch seine Verurteilung durch die Römer gewiß. Die zweite Anklage versuchte Hannas zuerst zu begründen. Er fragte Jesus nach seinen Jüngern und nach seinen Lehren, wobei er hoffte, der Gefangene, würde etwas sagen, daß Anlaß böte, gegen ihn vorzugehen. Könnte Hannas auch nur einige Bemerkungen aus Jesus herauslocken als Beweis dafür, daß er einen Geheimbund gründen wollte mit der Absicht, ein neues Königreich aufzurichten, dann würden die Priester einen Grund haben, ihn als Friedensstörer und Unruhestifter den Römern auszuliefern.

Christus durchschaute die Absicht der Priester. Als ob er ihre verborgensten Gedanken lesen würde, verneinte er, daß es einen geheimen Bund zwischen ihm und seinen Jüngern gäbe und daß er sie heimlich und bei Dunkelheit versammelte, um seine Absichten zu verbergen. Sein Vorhaben und seine Lehren waren frei von Geheimnissen. „Ich habe frei öffentlich geredet vor der Welt", sagte er. „Ich habe allezeit gelehrt in der Synagoge und im Tempel, wo alle Juden zusammenkommen, und habe nichts im Verborgenen geredet." Johannes 18,20.

Der Heiland verglich die Art seines Wirkens mit den Methoden seiner Ankläger. Monatelang hatten sie Jagd auf ihn gemacht, um ihn in eine Falle zu locken und vor ein geheimes Gericht zu bringen, wo sie, notfalls durch Meineid, erreichen konnten, was bei einem ehrlichen Verfahren unmöglich war. Nun führten sie ihre Absicht aus. Die mitternächtliche Festnahme durch den Pöbel, seine Verspottung und Mißhandlung, bevor er verurteilt oder zumindest angeklagt war, entsprach ihrer Art zu handeln und nicht seiner. Ihr Vorgehen stand im Widerspruch zum Gesetz. Ihre eigenen Gesetze verlangten, daß jeder als unschuldig zu gelten habe, solang seine Schuld nicht erwiesen sei. Von ihren eigenen Geboten wurden die Priester verurteilt.

Darauf wandte er sich an den Fragesteller, den Hohenpriester, und sagte: „Was fragst du mich?" Hatten nicht die Priester und Obersten Kundschafter ausgesandt, sein Tun und Treiben zu beobachten und jedes seiner Worte mitzuteilen? Hatten diese nicht an jeder Versammlung teilgenommen und dann ihren Auftraggebern über seine Schritte Bericht erstattet? „Frage die, die gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe", erwiderte er dem Hohenpriester. „Siehe, diese wissen, was ich gesagt habe." Johannes 18,21.

Hannas wurde durch diese entschiedene Antwort zum Schweigen gebracht. Er befürchtete, daß Christus seine verwerfliche Handlungsweise enthüllen würde, und sagte jetzt nichts mehr zu ihm. Einer seiner Diener, der vor Zorn ergrimmte, als er sah, daß Hannas schwieg, schlug dem Herrn ins Gesicht und sprach: „Antwortest du so dem Hohenpriester?"

Christus entgegnete gelassen: „Habe ich übel geredet, so beweise, daß es böse sei; habe ich aber recht geredet, warum schlägst du mich dann?" Johannes 18:22,23. Er sprach keine flammenden Worte der Rache, sondern seine ruhige Antwort kam aus einem sündlosen Herzen voller Geduld und Sanftmut, das sich nicht erzürnen ließ.

Innerlich aber litt der Herr schwer unter den Mißhandlungen und Beleidigungen. Aus den Händen derer, die er selbst geschaffen hatte und für die er sich aufzuopfern bereit war, empfing er jede nur denkbare Schmach. Er litt so sehr, wie es dem Unterschied zwischen seiner Vollkommenheit und dem Ausmaß der menschlichen Sünde entsprach. Sein Verhör durch Menschen, die sich wie Teufel aufführten, war für ihn ein fortwährendes Opfer. Von Menschen umgeben zu sein, die sich unter der Macht Satans befanden, war empörend für ihn. Er wußte, daß er durch ein plötzliches Aufblitzen seiner göttlichen Kraft seine Peiniger auf der Stelle in den Staub werfen konnte. Gerade das machte seine Prüfung noch schwerer erträglich.

Die Juden warteten auf einen Messias, der sich in äußerlichem Glanz offenbaren würde. Sie erwarteten von ihm — durch ein Hervorbrechen seines alles überwältigenden Willens —, die Gedanken der Menschen zu ändern und sie zur Anerkennung seiner Herrschaft zu zwingen. Dadurch, so glaubten sie, sichere er seine eigene Erhöhung und befriedige auch ihre ehrgeizigen Hoffnungen. Als Christus nun Verachtung begegnete, war er versucht, sein göttliches Wesen zu offenbaren. Durch ein Wort, durch einen Blick konnte er seine Verfolger zu dem Bekenntnis zwingen, daß er Herr war über Könige und Fürsten, über Priester und Tempel. Doch es war seine schwere Aufgabe, sich zu der Stellung zu bekennen, die er als ein Mensch „gleichwie wir" erwählt hatte.

Die Engel im Himmel beobachteten jede Tat, die sich gegen ihren Herrn richtete. Sie sehnten sich danach, ihn zu befreien. Unter göttlicher Führung haben sie unbegrenzte Gewalt — sie hatten bei einer Gelegenheit auf Christi Befehl einhundertfünfundachtzigtausend Mann der assyrischen Streitkräfte in einer Nacht geschlagen. Wie leicht hätten die Engel beim Anblick des schmachvollen Verhörs Jesu ihre Empörung beweisen können, indem sie die Feinde Gottes vernichteten! Doch sie hatten dazu keinen Auftrag. Er, der seine Feinde mit dem Tode hätte strafen können, erduldete ihre Grausamkeit. Die Liebe zu seinem Vater und sein von Anbeginn der Welt gegebenes Versprechen, der Welt Sünde auf sich zu nehmen, veranlaßten ihn, ohne Klagen die rohe Behandlung derer zu ertragen, die zu retten er gekommen war. Es war ein Teil seiner Aufgabe, den ganzen Hohn und alle Verachtung, die Menschen auf ihn häufen konnten, zu tragen. Die einzige Hoffnung der Menschheit lag in dieser Unterwerfung Jesu.

Jesus hatte nichts gesagt, woraus seine Ankläger einen Vorteil hätten ziehen können; dennoch wurde er gebunden als Zeichen, daß er verurteilt war. Um aber den Schein der Gerechtigkeit zu wahren, mußte eine gerichtliche Untersuchung erfolgen, und die Obersten waren entschlossen, rasch zu handeln. Sie unterschätzten nicht das Ansehen, daß Jesus beim Volk genoß, und sie fürchteten deshalb Versuche, ihn zu befreien, sobald die Nachricht von seiner Haft erst überall bekannt wäre. Außerdem würden sich Verhör und Urteilsvollstreckung, brächte man das Verfahren nicht sofort zum Abschluß, wegen des Passahfestes eine Woche verzögern, und dies hätte ihre Pläne vereiteln können. Um Jesu Verurteilung zu sichern, ließ man dem Geschrei des Pöbels breitesten Raum. Sollte sich das ganze um eine Woche verzögern, würde die Erregung abklingen und vermutlich eine Gegenwirkung einsetzen. Der besonnenere Teil des Volkes träte auf die Seite Jesu; viele würden sich melden, um ein Zeugnis zu seiner Rechtfertigung abzulegen, und so die mächtigen Werke offenbar machen, die er getan hatte. Dies riefe allgemeinen Unwillen gegen den Hohen Rat hervor. Dessen Verfahren würde mißbilligt und Jesus wieder in Freiheit gesetzt werden, wo er aufs neue die Huldigung der Menge entgegennähme. Die Priester und Obersten beschlossen deshalb, ehe ihre Absichten mißlingen konnten, Jesus den Römern zu übergeben.

Vor allem aber mußte ein ausreichender Anklagepunkt gefunden werden; bisher hatten sie jedoch nichts erreicht. Hannas befahl kurz entschlossen, den Herrn zu Kaiphas zu bringen. Dieser gehörte zu den Sadduzäern, die mit zu den erbittertsten Feinden Jesu zählten. Er war, obschon ihm jede charakterliche Stärke fehlte, genauso streng, unbarmherzig und gewissenlos wie Hannas; er würde kein Mittel unversucht lassen, um Jesus zu vernichten. Es war früh am Morgen und noch dunkel. Mit Fackeln und Laternen zog der bewaffnete Haufe mit Christus zum Palast des Hohenpriesters. Hier wurde, während sich unterdessen der Hohe Rat versammelte, der Herr wiederum von Hannas und Kaiphas verhört, aber auch jetzt ohne Erfolg.

Als der Rat in der Gerichtshalle versammelt war, nahm Kaiphas seinen Platz als Vorsitzender dieser Versammlung ein. Auf beiden Seiten standen die Richter und alle, die ein sachlich begründetetes Interesse an dem Verhör hatten. Die römischen Soldaten standen auf einer Art Tribüne unterhalb des Präsidentenstuhles; vor diesem Stuhl stand Jesus. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet; es herrschte ungeheure Aufregung im Saal. Nur Christus war ruhig und gelassen. Die unmittelbare Atmosphäre, die ihn umgab, schien von einer heiligen Kraft durchdrungen.

Kaiphas hatte Jesus als seinen Nebenbuhler betrachtet; denn der Eifer des Volkes, ihn zu hören, und die offensichtliche Bereitschaft, seine Lehren anzunehmen, hatten die erbitterte Eifersucht des Hohenpriesters geweckt. Doch als Kaiphas auf den Gefangenen blickte, konnte er eine in ihm aufsteigende Bewunderung für dessen edles und würdiges Verhalten nicht unterdrücken. Es ging ihm auf, daß dieser Mann göttlicher Herkunft sein mußte. Doch schon im nächsten Augenblick wies er diesen Gedanken verächtlich von sich. Sogleich befahl er dem Herrn mit spöttischer, anmaßender Stimme, vor dieser erwählten Versammlung eines seiner mächtigen Wunder zu tun. Aber seine Worte fanden keinerlei Echo beim Herrn. Das Volk verglich das aufgeregte, bösartige Verhalten der Hohenpriester Hannas und Kaiphas mit der ruhigen, majestätischen Haltung Jesu. Selbst in den Herzen jener gefühllosen Menge erhob sich die Frage, ob dieser Mann von gottähnlichem Auftreten als ein Verbrecher verurteilt werden könne.

Kaiphas bemerkte diesen Einfluß auf die Menge und beschleunigte das Verhör. Jesu Feinde waren in großer Verwirrung. Sie waren entschlossen, ihn zu verurteilen, aber sie wußten nicht, wie sie es machen sollten. Die Mitglieder des Rates setzten sich aus Pharisäern und Sadduzäern zusammen. Zwischen ihnen bestanden Spannungen und Feindschaften. Manche strittigen Themen wagte man aus Angst vor Zänkereien nicht anzusprechen. Mit wenigen Worten hätte Jesus ihre gegenseitigen Vorurteile erregen und so ihren Zorn von sich abwenden können. Kaiphas wußte das, und genau das wollte er vermeiden. Viele konnten bezeugen, daß Christus die Priester und Schriftgelehrten angegriffen und sie Heuchler und Mörder genannt hatte. Doch dieses Zeugnis reichte nicht aus, um gegen ihn vorzugehen, hatten doch die Sadduzäer bei ihren scharfen Auseinandersetzungen mit den Pharisäern ähnliche Ausdrücke gebraucht. Eine solche Anschuldigung hätten auch die Römer, die von dem anmaßenden Verhalten der Pharisäer angewidert waren, als belanglos angesehen. Es waren genug Beweise vorhanden, daß Jesus die Überlieferungen der Juden mißachtet und über viele ihrer Vorschriften unziemlich gesprochen hatte; doch bezüglich der Auslegung der Tradition standen sich Pharisäer und Sadduzäer feindlich gegenüber. Außerdem hätte eine solche Beweisführung keinerlei Eindruck auf die Römer gemacht. Die Feinde Jesu wagten es nicht, ihn wegen der Übertretung des Sabbatgebotes anzuklagen, weil sie fürchteten, daß eine Untersuchung das göttliche Wesen seines Wirkens offenbaren würde. Wenn nämlich seine Wundertaten alle bekannt würden, dann wäre die Absicht der Priester vereitelt.

Falsche Zeugen waren gedungen worden, um Jesus des Aufruhrs und des versuchten Landesverrats anzuklagen. Ihre Aussagen aber erwiesen sich als unklar und widerspruchsvoll. Im Verhör widerlegten sie ihre eigenen Behauptungen.

Jesus hatte einst, am Beginn seines Dienstes, gesagt: „Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten." Johannes 2:19. In der bildhaften Sprache der Weissagung hatte er seinen Tod und seine Auferstehung vorhergesagt; „er ... redete von dem Tempel seines Leibes". Johannes 2:21. Die Juden hatten diese Worte Jesu buchstäblich aufgefaßt und gemeint, sie bezögen sich auf den Tempel in Jerusalem. Unter allem, was Christus gesagt hatte, konnten die Priester nichts finden, um es gegen ihn zu verwenden, als nur diese Worte. Indem sie sie falsch auslegten, hofften sie, einen Vorteil zu gewinnen. Die Römer hatten zu dem Wiederaufbau und zu der Ausschmückung des Tempels beigetragen und waren stolz auf ihn; ihn zu mißachten, würde gewiß ihren Unwillen hervorrufen. Hier konnten Römer und Juden, Pharisäer und Sadduzäer sich einigen; denn sie alle hielten den Tempel in hohen Ehren. Es wurden zwei „Zeugen" gefunden, deren Aussagen nicht so widerspruchsvoll waren wie die der beiden ersten. Einer von ihnen, der bestochen war, Jesus anzuklagen, sagte nun aus: „Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen aufbauen." Matthäus 26,61. So wurden Jesu Worte entstellt, die selbst vor dem Hohen Rat zu einer Verurteilung nicht ausgereicht hätten, wenn sie wahrheitsgemäß wiedergegeben worden wären. Wäre Jesus nur ein einfacher Mann gewesen, wie die Juden behaupteten, so hätte man seine Äußerungen nur als Ausdruck eines unvernünftigen, prahlerischen Geistes werten und sie nicht als Lästerung hinstellen können. Selbst in der mißdeuteten Darstellung der falschen Zeugen enthielten seine Worte nichts, was von den Römern als todeswürdiges Verbrechen angesehen werden konnte.

Geduldig hörte Jesus die sich widersprechenden Aussagen an; kein Wort äußerte er zu seiner Verteidigung. Schließlich verwickelten sich seine Ankläger in Widersprüche, wurden verwirrt und wütend. Das Verhör brachte keinerlei Fortschritte; es schien, als würden die Anschläge der Obersten fehlschlagen. Kaiphas war verzweifelt. Nun blieb nur noch eine letzte Möglichkeit offen: Christus mußte gezwungen werden, sich selbst schuldig zu sprechen. Der Hohepriester sprang von seinem Richterstuhl auf, sein Gesicht war vor Zorn entstellt, seine Stimme und sein Verhalten verrieten deutlich, daß er den vor ihm stehenden Gefangenen niederschlagen würde, wenn er dazu die Macht hätte." Antwortest du nichts zu dem, was diese wider dich zeugen?" (Matthäus 26:62) rief er aus.

Jesus schwieg. „Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf." Jesaja 53:7.

Schließlich erhob Kaiphas seine rechte Hand zum Himmel und drang in Jesus: „Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, daß du uns sagest, ob du seist der Christus, der Sohn Gottes." Matthäus 26:63.

Auf diese Frage mußte Jesus antworten. Es gibt eine Zeit zu schweigen, aber es gibt auch eine Zeit zu reden. Er hatte nicht gesprochen, bis er direkt gefragt wurde. Er wußte, daß diese Frage zu beantworten seinen Tod besiegeln würde; doch diese Aufforderung wurde von dem Vertreter der höchsten Obrigkeit des jüdischen Volkes und im Namen des Allerhöchsten an ihn gerichtet. Christus wollte nicht versäumen, dem Gesetz den schuldigen Respekt zu erweisen; darüber hinaus war seine ganze Beziehung zu seinem himmlischen Vater in Zweifel gezogen. Er mußte nun unmißverständlich sein Amt und seinen Auftrag bekennen; denn einst hatte er seinen Jüngern erklärt: „Wer nun mich bekennet vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater." Matthäus 10:32. Jetzt bekräftigte er diese Lehre durch sein eigenes Beispiel.

Jedes Ohr war gespitzt, jeder Blick unverwandt auf ihn gerichtet, als er antwortete: „Du sagst es." Ein himmlisches Licht schien sein bleiches Antlitz zu erleuchten, als er hinzufügte: „Auch sage ich euch: Von nun an wird's geschehen, daß ihr sehen werdet des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels." Matthäus 26:64.

Für einen Augenblick leuchtete Christi Göttlichkeit durch seine menschliche Gestalt hindurch. Der Hohepriester wich vor den durchdringenden Blicken des Heilands zurück. Sie schienen seine geheimen Gedanken zu lesen und brannten in seinem Herzen. Sein Leben lang vergaß er nicht diesen forschenden Blick, den der gepeinigte Sohn Gottes auf ihn geworfen hatte.

„Von nun an wird's geschehen", sagte Jesus, „daß ihr sehen werdet des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels." Matthäus 26:64. Mit diesen Worten schilderte Jesus das Gegenteil der gegenwärtigen Lage. Er, der Herr des Lebens und aller Herrlichkeit, wird zur Rechten des Allerhöchsten sitzen und über die Erde richten. Gegen seine Entscheidung kann es keine Berufung geben. Dann werden alle Geheimnisse im Licht der Gegenwart Gottes offenbar, und über jeden Menschen wird das Urteil gesprochen werden nach seinen Werken.

Jesu Worte erschreckten den Hohenpriester. Der Gedanke, daß es eine Auferstehung gebe, nach welcher alle Menschen vor dem Richterstuhl Gottes stehen und sie nach ihren Werken gerichtet würden, bereitete Kaiphas größtes Unbehagen. Er wollte nicht glauben, daß er nach seinem Tode den Urteilsspruch nach seinen Werken empfangen würde. Blitzschnell zogen an seinem geistigen Auge die Szenen des Jüngsten Gerichtes vorüber. Er sah die Gräber sich öffnen und die Toten hervorkommen mit all ihren Geheimnissen, die sie auf ewig verborgen gewähnt hatten. Er fühlte sich in diesem Augenblick selbst vor dem ewigen Richter stehen, der ihn mit einem Blick, dem alle Dinge offenbar sind, durchschaute und all seine Geheimnisse ans Licht brachte, die er mit sich ins Grab genommen hatte.

Der Priester fand aus jenem Geschehen wieder in die Wirklichkeit zurück. Christi Worte hatten ihn, den Sadduzäer, bis ins Innerste getroffen. Er hatte die Lehre von der Auferstehung, dem Gericht und dem zukünftigen Leben geleugnet. Nun wurde er von satanischer Wut befallen. Sollte dieser Mann, ein Gefangener, seine vornehmsten Lehren angreifen? Er zerriß sein Kleid, damit alle Anwesenden seine angebliche Erregung wahrnehmen konnten, und forderte, den Gefangenen ohne weitere Verhandlungen wegen Gotteslästerung zu verurteilen. „Was bedürfen wir weiter Zeugnis?" rief er. „Siehe, jetzt habt ihr seine Gotteslästerung gehört. Was dünkt euch?" Matthäus 26::65.66. Da sprachen sie ihn alle des Todes schuldig.

Überzeugung und Leidenschaft bewogen Kaiphas zu dem, was er tat. Er war auf sich selber wütend, weil er Christi Worten glaubte; aber statt sein Herz unter das tiefe Verlangen nach Wahrheit zu demütigen und Jesus als den Messias zu bekennen, zerriß er sein Priestergewand in entschlossenem Widerstand. Dieser Vorgang war von tiefer Bedeutung. Kaiphas wurde sich ihr kaum bewußt. Mit diesem Akt, der die Richter beeinflussen und die Verurteilung Christi herbeiführen sollte, verurteilte der Hohepriester sich selbst. Nach dem Gesetz Gottes war er zum Priestertum unfähig geworden. Er hatte sich selbst das Todesurteil gesprochen.

Ein Hoherpriester durfte nicht sein Gewand zerreißen. Nach dem levitischen Gesetz war das bei Todesstrafe verboten; es durfte unter gar keinen Umständen, bei keiner Gelegenheit geschehen. Dabei gehörte es zum Brauch der Juden, beim Tode eines Freundes das Kleid zu zerreißen; nur die Priester waren davon ausgeschlossen. Christus hatte dazu durch Mose entsprechende Verordnungen gegeben. „Da sprach Mose zu Aaron und seinen Söhnen Eleasar und Ithamar: Ihr sollt euer Haupthaar nicht wirr hängen lassen und eure Kleider nicht zerreißen, daß ihr nicht sterbet und der Zorn über die ganze Gemeinde komme." 3.Mose 10:6.

Jedes Kleidungsstück, das der Priester trug, mußte ganz und fehlerlos sein. Durch das vollkommene priesterliche Amtskleid sollte das makellose Wesen des großen Vorbildes Jesus Christus dargestellt werden. Allein die Vollkommenheit in Kleidung und Gebaren, in Wort und Geist war Gott angenehm. Gott ist heilig, und seine göttliche Herrlichkeit und Vollkommenheit mußten durch den irdischen Dienst versinnbildet werden; nur etwas Vollkommenes konnte die Heiligkeit des himmlischen Dienstes in geeigneter Weise darstellen. Der sterbliche Mensch mochte sein Herz zerreißen, indem er sich reuevoll und demütig zeigte; das würde Gott erkennen. Aber ein priesterliches Kleid mußte fehlerlos sein, sonst würde das Bild des Himmlischen entstellt werden. Der Hohepriester, der es wagte, mit einem zerrissenen Gewand an sein heiliges Amt zu gehen und den Dienst im Heiligtum auszuüben, wurde angesehen, als hätte er sich von Gott getrennt. Indem er sein Kleid zerriß, entäußerte er sich selbst seiner besonderen priesterlichen Eigenschaft. Eine Handlungsweise wie die des Kaiphas verriet menschlichen Zorn und menschliche Unvollkommenheit.

Kaiphas machte durch das Zerreißen seines Gewandes das Gesetz Gottes wirkungslos, um menschlicher Überlieferung zu folgen. Eine menschliche Satzung gestattete einem Priester im Fall einer Gotteslästerung als Ausdruck des Abscheues vor der Sünde, seine Kleider zu zerreißen und dennoch schuldlos zu sein. So wurde Gottes Gebot durch Menschensatzungen aufgehoben.

Jede Handlung des Hohenpriesters wurde vom Volk mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, und Kaiphas wollte offen seine Frömmigkeit zeigen. Doch in seinem Tun, das als Anklage gegen Christus gedacht war, schmähte er den, von dem Gott gesagt hatte, daß sein Name in ihm sei. 2.Mose 23:21. Er selbst, Kaiphas, beging eine frevelhafte Lästerung. Und während er unter dem Verdammungsurteil Gottes stand, verurteilte er Christus als Gotteslästerer.

Als Kaiphas sein Gewand zerriß, zeigte diese Handlung an, welche Position die Juden als Volk Gott gegenüber einnehmen würden. Das einst begünstigte Volk Gottes trennte sich von ihm und wurde bald eine Nation, zu der Jahwe sich nicht mehr bekannte. Als Christus am Kreuz ausrief: „Es ist vollbracht!" und der Vorhang im Tempel zerriß, erklärte der heilige Wächter, daß das jüdische Volk den verworfen hatte, der das Vorbild ihres ganzen Gottesdienstes, das Wesen aller ihrer „Schatten" war. Israel war von Gott geschieden. Kaiphas mochte wohl sein Amtsgewand zerreißen, das ihn als Repräsentanten des großen Hohenpriesters auswies; denn es hatte von nun an keine Bedeutung mehr für ihn und sein Volk. Durchaus mit Recht konnte der Hohepriester aus Entsetzen vor sich und seinem Volk sein Kleid zerreißen.

Der Hohe Rat hatte Jesus die Todesstrafe zuerkannt; nach dem jüdischen Gesetz aber war es strafbar, einen Gefangenen in der Nacht zu verhören. Eine rechtskräftige Verurteilung konnte nur am Tage vor einer vollzähligen Versammlung des Hohen Rates geschehen. Trotzdem wurde der Heiland jetzt wie ein abgeurteilter Verbrecher behandelt und der Willkür niedrigster und gemeinster Knechte überlassen. Der Palast des Hohenpriesters umschloß einen großen Hof, in dem sich Soldaten und viele Neugierige versammelt hatten. Über diesen Hof wurde Jesus in den Wachraum geführt, begleitet von spöttischen Bemerkungen über seinen Anspruch, der Sohn Gottes zu sein. Seine eigenen Worte, daß sie sehen würden „des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels" (Matthäus 26:64), wurden ihm immer wieder höhnisch entgegengerufen. Niemand schützte ihn, während er im Wachraum auf sein rechtmäßiges Verhör wartete. Der unwissende Pöbel hatte die Roheit gesehen, mit der er vor dem Hohen Rat behandelt worden war; deshalb erlaubten sie sich, alle satanischen Züge ihres Wesens hervorzukehren. Christi würdevolles und gottähnliches Verhalten reizte ihren Zorn. Seine Sanftmut, seine Unschuld und seine göttliche Geduld erfüllten sie mit satanischem Haß. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit wurde mit Füßen getreten. Niemals wurde ein Verbrecher so unmenschlich behandelt wie der Sohn Gottes.

Doch eine tiefere Qual zerriß das Herz des Heilandes: der Schlag, den er hinnehmen mußte, kam nicht von eines Feindes Hand. Während er vor Kaiphas die Niederträchtigkeiten des Verhörs ertrug, verleugnete ihn einer seiner Getreuesten.

Nachdem die Jünger ihren Meister im Garten Gethsemane verlassen hatten, wagten es zwei von ihnen, Petrus und Johannes, der Schar, die Jesus gefangengenommen hatte, in einiger Entfernung zu folgen. Den Priestern war Johannes als Jünger Jesu gut bekannt. Sie gestatteten ihm den Zutritt zum Verhandlungshaus in der Hoffnung, daß er sich als Zeuge der Demütigung Jesu von der Auffassung lossage, daß dieser Gottes Sohn sei. Durch Johannes erhielt auch Petrus die Erlaubnis, das Gebäude zu betreten.

Im Hof hatte man ein Feuer angezündet; denn es war die kälteste Stunde der Nacht, kurz vor Anbruch der Dämmerung. Eine Anzahl Menschen umstanden das Feuer, und Petrus drängte sich dreist mitten unter sie. Er wollte nicht als Jünger Jesu erkannt werden. Indem er sich unbekümmert unter die Menge mischte, hoffte er für einen von denen gehalten zu werden, die Jesus zum Gerichtsgebäude gebracht hatten.

Doch als ein Feuerschein auf sein Gesicht fiel, warf die Türhüterin einen prüfenden Blick auf ihn. Sie hatte ihn mit Johannes kommen sehen, hatte ihm auch seine gedrückte Stimmung gleich am Gesicht ablesen können und daher vermutet, daß dieser Mann ein Jünger Jesu sei. Sie gehörte zu den Dienerinnen im Hause des Kaiphas und war sehr neugierig. So sprach sie zu Petrus: „Du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa." Matthäus 26:69. Petrus erschrak und wurde verwirrt; alle schauten ihn an. Da tat er so, als hätte er sie nicht verstanden. Doch die Magd war hartnäckig, und sie sagte zu den Umstehenden, daß dieser Mann mit Jesus zusammen gewesen war. Petrus fühlte sich dadurch zu einer Antwort genötigt und erwiderte ärgerlich: „Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst." Markus 14:68. Das war die erste Verleugnung, und unmittelbar darauf krähte der Hahn. O Petrus, so bald schon schämst du dich des Meisters, so bald schon verleugnest du deinen Herrn!

Johannes hatte beim Betreten der Gerichtshalle gar nicht erst zu verbergen gesucht, daß er ein Nachfolger Jesu war. Er mischte sich nicht unter das grobe Volk, das seinen Herrn mit Schmähungen überhäufte. Es fragte ihn auch niemand; denn er verstellte sich nicht und setzte sich so keiner Verdächtigung aus. Er wählte sich eine einsame Ecke, wo er der Aufmerksamkeit des Pöbels verborgen blieb, aber doch Jesus so nahe wie möglich war. Hier konnte er alles sehen und hören, was beim Verhör seines Herrn vor sich ging.

Petrus hatte sich nicht zu erkennen geben wollen. Indem er sich jetzt gleichgültig stellte, begab er sich auf den Boden des Feindes und wurde eine leichte Beute der Versuchung. Wäre er berufen worden für seinen Meister zu kämpfen, er wäre bestimmt ein tapferer Streiter gewesen. Als man aber mit Verachtung auf ihn schaute, erwies er sich als Feigling. Viele, die den offenen Kampf für ihren Herrn nicht scheuen, werden durch Spott und Hohn dahin gebracht, ihren Glauben zu verleugnen. Durch den Umgang mit Menschen, die sie meiden sollten, lassen sie sich auf den Weg der Versuchung locken. Sie fordern den Feind geradezu heraus, sie zu verführen, und sie sagen und tun schließlich das, woran sie unter anderen Umständen niemals schuldig geworden wären. Der Nachfolger Christi, der in unseren Tagen seinen Glauben aus Furcht vor Leiden und Schmähungen nicht frei bekennt, verleugnet seinen Herrn genauso wie einst Petrus auf dem Hofe des Gerichtshauses.

Petrus versuchte gleichgültig zu scheinen; aber sein Herz litt schwer, als er die grausamen Schmähungen hörte und die Mißhandlungen sah, die Jesus zu ertragen hatte. Mehr als das: er war überrascht und ärgerlich zugleich, daß der Herr sich und seine Jünger derart demütigte, indem er sich solch eine schmachvolle Behandlung gefallen ließ. Um seine wahren Gefühle zu verbergen, bemühte sich Petrus, seine Verbundenheit mit den Verfolgern Jesu und ihren unziemlichen Spötteleien erkennen zu lassen. Doch sein Auftreten war unnatürlich, und er handelte unaufrichtig. Obgleich er versuchte, unbefangen zu reden, gelang es ihm doch nicht, seinen Unwillen über die auf seinen Meister gehäufte Schmach zu unterdrücken.

Zum zweiten Male richtete sich aller Aufmerksamkeit auf ihn, und er wurde abermals beschuldigt, ein Nachfolger Jesu zu sein. Aber Petrus schwor: „Ich kenne den Menschen nicht." Matthäus 26:72. Noch eine andere Gelegenheit wurde ihm gegeben. Es war etwa eine Stunde später, als ihn ein Diener des Hohenpriesters und naher Verwandter des Mannes, dem er das Ohr abgehauen hatte, fragte: „Sah ich dich nicht im Garten bei ihm?" — „Wahrlich, du bist einer von ihnen; denn du bist ein Galiläer." Johannes 18:26, Markus 14:70. Über diese Worte wurde Petrus zornig. Jesu Jünger waren gerade wegen ihrer einwandfreien Sprache bekannt. Um seine Fragesteller endgültig zu täuschen und um seine angenommene Haltung zu rechtfertigen, verleugnete Petrus seinen Herrn jetzt unter Fluchen und Schwören. Wiederum krähte der Hahn. Diesmal hörte ihn Petrus, und er erinnerte sich der Worte Jesu: „Ehe denn der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen." Markus 14,30.

Noch während die herabsetzenden Schwüre aus dem Munde des Petrus kamen und das schrille Krähen des Hahnes in dessen Ohren klang, wandte sich Jesus von den finster blickenden Richtern ab und schaute seinen armen Jünger voll an. Im gleichen Augenblick fühlten sich auch des Petrus Augen zu seinem Meister hingelenkt. Jesu Angesicht drückte tiefes Mitleid und großen Kummer aus; kein Zorn war in ihm zu lesen.

Der Anblick jenes bleichen, gequälten Antlitzes, jener bebenden Lippen und jener erbarmenden und vergebenden Züge drang ihm gleich einem Stachel tief ins Herz. Das Gewissen war erwacht, die Erinnerung wurde lebendig. Petrus dachte an sein vor wenigen Stunden gegebenes Versprechen, seinen Herrn ins Gefängnis, ja sogar in den Tod zu begleiten. Er erinnerte sich seines Kummers, als der Heiland ihm beim Abendmahl erzählte, daß er ihn noch in dieser Nacht dreimal verleugnen würde. Eben erst hatte er erklärt, Jesus nicht zu kennen, doch nun wurde ihm in bitterem Schmerz bewußt, wie gut der Herr ihn kannte und wie genau er in seinem Herzen jene Falschheit gelesen hatte, die ihm selbst unbekannt geblieben war.

Eine Flut von Erinnerungen überströmte Petrus. Die Barmherzigkeit des Heilandes, seine Freundlichkeit und Langmut, seine Güte und Geduld gegen seine irrenden Jünger — all das kam ihm wieder zum Bewußtsein. Ihm fiel auch Jesu Warnung ein: „Simon, Simon, siehe, Satan hat euer begehrt, daß er euch möchte sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre." Lukas 22:31,32. Er war entsetzt über seine Undankbarkeit, seine Falschheit und seinen Meineid. Noch einmal schaute er seinen Heiland an, und er sah eine frevelhafte Hand erhoben, bereit, Jesus ins Gesicht zu schlagen. Unfähig, diesen Anblick länger zu ertragen, stürzte er mit bekümmertem Herzen aus dem Haus.

Es trieb ihn vorwärts in Einsamkeit und Dunkelheit; er wußte nicht wohin. Schließlich fand er sich im Garten Gethsemane wieder. Die Ereignisse der letzten Stunden wurden wieder in ihm lebendig. Das leidende Antlitz seines Herrn, vom Blutschweiß entstellt und vor Angst völlig verkrampft, stand ihm wieder vor Augen. In tiefer Reue dachte er daran, daß Jesus allein geweint und allein im Gebet gerungen hatte, während sie, die in dieser Stunde der Prüfung mit ihm verbunden sein sollten, schliefen. Er erinnerte sich der ernsten Aufforderung Jesu: „Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet!" Matthäus 26:41. Noch einmal erlebte er das Geschehen in der Gerichtshalle. Für sein wundes Herz war es eine Marter zu wissen, daß er zu der Erniedrigung und zu dem Schmerz des Heilandes den größten Beitrag geleistet hatte. An demselben Platz, an dem Jesus in Todesangst seine Seele dem himmlischen Vater anvertraut hatte, fiel Petrus auf sein Angesicht nieder und wünschte sich den Tod.

Indem Petrus schlief, obwohl Jesus geboten hatte, zu wachen und zu beten, geriet er auf den Weg der Sünde. Alle Jünger erlitten einen schweren Verlust, weil sie in dieser kritischen Stunde schliefen. Christus kannte die Feuerprobe, durch die sie gehen mußten. Er wußte, wie Satan wirken würde, um ihre Sinne zu lähmen, damit sie der großen Prüfung unvorbereitet gegenüberstünden. Aus diesem Grund hatte er sie gewarnt. Hätten sie diese Stunden im Garten Gethsemane gewacht und gebetet, dann würde sich Petrus nicht auf seine eigene schwache Kraft verlassen haben. Er hätte seinen Herrn nicht verleugnet. Hätten die Jünger mit Christus während seines Ringens im Garten gewacht, wären sie vorbereitet gewesen, Zeugen seines Leidens am Kreuz auf Golgatha zu sein. Sie hätten das Ausmaß seiner unaussprechlichen Qual annähernd verstanden. Sie wären auch fähig gewesen, sich der Worte zu erinnern, mit denen er seine Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung vorhergesagt hatte. Inmitten der Düsternis dieser schwersten Stunde hätte mancher Hoffnungsstrahl die Finsternis erhellt und ihren Glauben gestärkt.

Sobald es Tag war, versammelte sich der Hohe Rat aufs neue, und wieder wurde Jesus in den Versammlungsraum gebracht. Er hatte erklärt, der Sohn Gottes zu sein, und seine Verfolger hatten dieses Bekenntnis in eine Anklage gegen ihn selbst umgemünzt. Auf Grund dessen konnten sie ihn aber nicht verurteilen, denn viele der Ratsmitglieder hatten an dem nächtlichen Verhör nicht teilgenommen und deshalb seine Worte nicht gehört. Außerdem wußten sie sehr genau, daß das römische Gericht an diesen Worten nichts finden würde, was eine Todesstrafe rechtfertigen könnte. Doch wenn sie alle Zeugen seiner eigenen Worte wären, dann könnte ihr Vorhaben noch Erfolg haben. Seinem Anspruch, der Messias zu sein, würden sie ein aufrührerisches, politisches Ziel unterstellen.

„Bist du der Christus, so sage es uns!" fragten sie ihn. Aber Christus schwieg. Mit immer neuen Fragen drangen die Priester in ihn. Schließlich antwortete er ihnen mit trauriger Stimme: „Sage ich's euch, so glaubet ihr's nicht; frage ich aber, so antwortet ihr nicht." Um ihnen aber jeden Rechtfertigungsgrund zu nehmen, fügte er hinzu: „Von nun an wird des Menschen Sohn sitzen zur rechten Hand der Kraft Gottes."

„Bist du denn Gottes Sohn?" fragten sie darauf wie aus einem Munde, und er antwortete ihnen: „Ihr sagt's, ich bin's." Sie aber riefen: „Was bedürfen wir weiter Zeugnis? Wir haben's selbst gehört aus seinem Munde." Lukas 22:67-71.

So wurde Jesus zum drittenmal von den jüdischen Obersten zum Tode verurteilt. Alles, was sie jetzt noch brauchten, war, so dachten sie, daß die Römer das Urteil bestätigten und ihnen den Herrn auslieferten. Dann kam es zum drittenmal zu Mißhandlungen und Schmähungen, die noch schlimmer waren als jene, die Jesus von dem unwissenden Pöbel hinnehmen mußte. Dies alles geschah in der Gegenwart der Priester und Obersten und mit ihrer Billigung. Jedes Gefühl der Teilnahme oder der Menschlichkeit hatte sie verlassen. Reichten ihre Argumente nicht aus, seine Stimme zum Schweigen zu bringen, sie hatten andere Waffen, solche wie sie zu allen Zeiten angewandt wurden, um Andersgläubige zum Verstummen zu bringen — Leiden, Gewalttat und Tod.

Als das Urteil gegen Jesus von den Richtern verkündet war, bemächtigte sich des Volkes eine satanische Wut. Das Geschrei ihrer Stimmen glich dem Brüllen wilder Tiere. Die Menge stürzte auf den Herrn zu und rief: „Er ist es Todes schuldig." Matthäus 26:66. Wären nicht die römischen Soldaten gewesen, Jesus hätte nicht mehr lebendig ans Kreuz geschlagen werden können. Er wäre vor seinen Richtern zerrissen worden, würden nicht die Römer dazwischengetreten sein und mit Waffengewalt die Ausschreitungen des Pöbels verhindert haben.

Heidnische Männer ärgerten sich über die brutale Behandlung dessen, dem keine Schuld hatte nachgewiesen werden können. Die römischen Offiziere erklärten, die Juden hätten mit der Verurteilung Jesu nicht nur gegen die römische Macht verstoßen, sondern auch gegen das jüdische Gesetz, das eindeutig verbiete, einen Menschen auf Grund seiner eigenen Aussage zum Tode zu verurteilen. Dieser Einwand ließ die Verhandlungen vorübergehend ins Stocken geraten, doch die jüdischen Obersten fühlten weder Schande noch Scham.

Priester und Oberste vergaßen die Würde ihres Amtes und beleidigten den Sohn Gottes durch gemeine Redensarten. Sie verhöhnten ihn wegen seiner Geburt, und sie erklärten, daß seine Anmaßung, sich selbst als Messias auszugeben, den schimpflichsten Tod verdient hätte. Die wüstesten Gesellen waren dabei, den Heiland auf infame Weise zu mißhandeln. Ein altes Gewand wurde über seinen Kopf geworfen, und seine Verfolger schlugen ihn ins Gesicht und riefen dabei: „Weissage uns, Christe, wer ist's der dich schlug?" Matthäus 26:68. Als ihm das Tuch wieder abgenommen wurde, spie ein heruntergekommener Bösewicht dem Herrn ins Angesicht.

Die Engel Gottes verzeichneten gewissenhaft jeden beleidigenden Blick, jedes Wort und jede Tat, die gegen ihren Herrn gerichtet waren. Einst werden alle, die das stille, bleiche Antlitz Christi verhöhnten und besudelten, dieses Antlitz in einer Herrlichkeit erblicken, die glanzvoller leuchtet als die Sonne.


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