In der Schlinge
Kapitel  50


Gemäß Johannes 7:16-36,40-53; Johannes 8:1-11.

Während der ganzen Zeit, die Christus in Jerusalem auf dem Fest verbrachte, wurde er beobachtet und umlauert; jeden Tag entstanden neue Pläne, um ihn zum Schweigen zu bringen. Die Priester und Obersten versuchten mit aller List, ihn in eine Falle zu locken, sich seiner zu bemächtigen und ihn vor dem ganzen Volk zu demütigen.

Schon bei Jesu erstem Erscheinen auf dem Fest hatten ihn die Pharisäer umringt und ihn gefragt, in wessen Vollmacht er lehre. Man versuchte dadurch die Aufmerksamkeit von seinen Worten abzulenken und die Berechtigung seiner Sendung in Frage zu stellen. Damit wollten sie zugleich ihre eigene Wichtigkeit und Macht unterstreichen.

"Meine Lehre ist nicht mein", sagte Jesus, „sondern des, der mich gesandt hat. Wenn jemand will des Willen tun, der wird innewerden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selbst rede." Johannes 7:16,17. Die Frage dieser Kritiker widerlegte Jesus nicht dadurch, daß er auf ihre Spitzfindigkeit einging, sondern indem er ihnen das Verständnis für die Wahrheit öffnete, die für das Heil der Seele lebenswichtig ist. Die Fähigkeit, die Wahrheit zu erkennen und wertzuschätzen, so erklärte Jesus, hängt weniger vom Verstand als vielmehr vom Herzen ab. Der Mensch muß die Wahrheit in sich aufnehmen. Das erfordert die Unterordnung des Willens. Wenn die Wahrheit nur dem Verstand unterworfen zu werden brauchte, würde der Stolz kein Hindernis für ihre Annahme sein. Die Wahrheit kann jedoch nur durch das Werk der Gnade in das Herz gelangen, und das hängt davon ab, daß wir jeder Sünde absagen, die der Geist Gottes offenbart. Der Vorteil, von der Wahrheit Kenntnis zu erhalten — wie erhaben sie auch sein mag —, erweist sich für einen Menschen nur dann als heilsam, wenn sein Herz bereit ist, sie aufzunehmen. Dazu gehört aber, gewissenhaft auf alle Gewohnheiten und Verhaltensweisen zu verzichten, die den Grundsätzen der Wahrheit widerstreiten. Allen jenen, die sich Gott mit dem aufrichtigen Wunsch ergeben, seinen Willen zu erfahren und danach zu handeln, wird sich die Wahrheit als eine Gotteskraft zu ihrer Erlösung erweisen. Sie können dann entscheiden, ob jemand wirklich von Gott oder nur von sich selbst spricht. Die Pharisäer hatten ihren Willen nicht dem Willen Gottes unterstellt. Sie wollten nicht die Wahrheit erforschen, sondern einen Grund finden, sich ihr zu entziehen. Christus machte deutlich, daß dies die Ursache war, weshalb sie seine Lehre nicht verstanden.

Der Herr kennzeichnete den Unterschied zwischen einem wahrhaftigen Lehrer und einem Betrüger mit folgenden Worten: „Wer von sich selbst redet, der sucht seine eigne Ehre; wer aber sucht die Ehre des, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig, und es ist keine Ungerechtigkeit an ihm." Johannes 7:18. Wer seine eigene Ehre sucht, spricht von sich selbst; der Geist der Selbstsucht verrät seinen Ursprung. Christus suchte die Ehre Gottes; er sprach des Vaters Worte — das war seine Vollmacht als Lehrer der Wahrheit.

Jesus bewies den Rabbinern seine Gottheit, indem er ihnen ihre Gedanken offenbarte. Seit der Heilung am Teich Bethesda hatten sie seinen Tod beschlossen. Sie brachen damit selbst das Gesetz, das sie zu verteidigen vorgaben. „Hat euch nicht Mose das Gesetz gegeben?" fragte er sie. „Und niemand unter euch tut das Gesetz. Warum suchet ihr mich zu töten?" Johannes 7:19.

Wie ein greller Blitz erhellten diese Worte Jesu den Rabbinern den Abgrund des Verderbens, in den sie zu stürzen drohten. Für Augenblicke waren sie mit Schrecken erfüllt; sie erkannten, wie unvorstellbar die Macht Jesu war, gegen die sie kämpfen wollten. Aber sie ließen sich nicht warnen; sie nahmen den Kampf auf. Um ihren Einfluß beim Volk nicht zu verlieren, mußten sie ihre hinterlistigen Mordgedanken geheimhalten. So wichen sie auch der Frage Jesu aus und riefen: „Du hast einen bösen Geist; wer sucht dich zu töten?" Johannes 7:20. Sie deuteten an, daß die Wunderwerke Jesu von einem bösen Geist stammten.

Der Heiland überging diese boshafte Verdächtigung und erklärte ihnen, daß die Heilung am Teich Bethesda durchaus mit dem Wesen des Sabbatgebotes übereinstimmte und auch durch die jüdische Auslegung des Gesetzes gerechtfertigt war. Er sagte ihnen: „Mose hat euch doch die Beschneidung gegeben — nicht daß sie von Mose kommt, sondern von den Vätern —, und ihr beschneidet den Menschen auch am Sabbat." Johannes 7:22. Nach der Vorschrift des Gesetzes mußte jeder Knabe am achten Tage beschnitten werden; auch wenn dieser achte Tag auf einen Sabbat fiel, genügten die Juden dem Gesetz. Wieviel mehr mußte es nun mit dem Wesen des Gesetzes übereinstimmen, „den ganzen Menschen" am Sabbat gesund zu machen! Eindringlich warnte Jesus die Juden. „Richtet nicht nach dem, was vor Augen ist, sondern richtet ein rechtes Gericht." Johannes 7:24.

Die Obersten mußten schweigen; aber viele aus der Menge sprachen: „Ist das nicht der, den sie suchen zu töten? Und siehe, er redet frei, und sie sagen ihm nichts. Sollten unsre Obersten nun wahrhaftig erkannt haben, daß er der Christus sei?" Johannes 7:25,26.

Viele unter Christi Zuhörern, die in Jerusalem wohnten und von den Anschlägen wußten, die die Oberen des Volkes gegen ihn schmiedeten, fühlten sich mit unwiderstehlicher Kraft von ihm angezogen. Schwer lastete auf ihnen die Gewißheit, daß er der Sohn Gottes war. Doch Satan war entschlossen, Zweifel zu säen. Der Weg dazu war durch ihre eigenen irrigen Vorstellungen vom Messias und seinem Kommen vorbereitet. So wurde allgemein angenommen, daß Christus zwar in Bethlehem geboren werden würde, doch nach einer gewissen Zeit sollte er wieder verschwinden. Bei seinem zweiten Erscheinen würde dann niemand wissen, woher er käme. Viele waren davon überzeugt, daß der Messias keine natürlichen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Menschen unterhalten würde. Da Jesus dieser volkstümlichen Vorstellung von der Herrlichkeit des Messias nicht entsprach, schenkten viele der Einflüsterung Beachtung: „Wir wissen, woher dieser ist; wenn aber der Christus kommen wird, so wird niemand wissen, woher er ist." Johannes 7:27.

Während sie so zwischen Zweifel und Glauben schwankten, nahm Jesus ihren Gedanken auf und antwortete ihnen: „Ihr kennet mich und wisset, woher ich bin. Aber von mir selbst bin ich nicht gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, welchen ihr nicht kennet." Johannes 7,28. Sie maßten sich an, über die Herkunft Jesu Bescheid zu wissen, in Wirklichkeit aber wußten sie überhaupt nichts von ihm. Hätten sie in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes gelebt, dann würden sie seinen Sohn erkannt haben, als er öffentlich unter ihnen auftrat.

Die Zuhörer konnten nicht umhin, Christi Worte zu verstehen, die eine klare Wiederholung des Anspruches waren, den er einige Monate zuvor in Gegenwart des Hohen Rates erhoben hatte, als er sich selbst als Sohn Gottes bezeichnete. Die Obersten des Volkes hatten daraufhin beraten, wie sie ihn töten könnten; jetzt suchten sie ihn zu greifen. Doch daran wurden sie von einer unsichtbaren Macht gehindert, die ihrer Wut Grenzen setzte und ihnen sagte: Bis hierher und nicht weiter!

"Viele vom Volk glaubten an ihn und sprachen: Wenn der Christus kommen wird, wird er etwa mehr Zeichen tun, als dieser tat?" Johannes 7:31. Die jüdischen Würdenträger verfolgten mit ängstlicher Spannung den Verlauf der Dinge. Sie bemerkten die wachsende Anteilnahme des Volkes, eilten zu den Hohenpriestern und berieten mit diesen, wie man Jesus unschädlich machen könnte. Sie hielten es jedoch für ratsam, ihre Absicht erst dann zu verwirklichen, wenn Jesus allein sein würde; ihn vor dem Volk gefangenzunehmen, wagten sie nicht. Erneut bewies ihnen der Herr, daß er ihre Absichten kannte. Er sagte ihnen: „Ich bin noch eine kleine Zeit bei euch, und dann gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat. Ihr werdet mich suchen und nicht finden; und wo ich bin, könnt ihr nicht hinkommen." Johannes 7:33,34. Bald würde er eine Zufluchtsstätte finden, wo ihn der Juden Haß und Verachtung nicht mehr erreichen konnte; er würde wieder zu seinem Vater im Himmel auffahren und dort als der Angebetete der Engel leben. Nie würden seine Mörder und Verächter dorthin kommen!

Höhnisch fragten die Rabbiner: „Wo will dieser hingehen, daß wir ihn nicht finden werden? Will er zu denen gehen, die in der Zerstreuung unter den Griechen wohnen, und die Griechen lehren?" Johannes 7:35. Es wurde ihnen nicht bewußt, daß sie mit ihren Worten das Werk Jesu beschrieben. Den ganzen Tag über hatte der Heiland seine Hände nach einem ungehorsamen, widerstreitenden Volk ausgestreckt; er würde aber von denen gefunden werden, die ihn nicht suchten; er würde denen erscheinen, die nicht nach ihm gefragt hatten.

Viele, die davon überzeugt waren, daß Jesus der Sohn Gottes ist, ließen sich durch die falsche Beweisführung der Priester und Rabbiner irreführen. Diese Lehrer hatten mit großem Nachdruck die Weissagungen wiederholt, nach denen der Messias „König sein wird auf dem Berg Zion und zu Jerusalem und vor seinen Ältesten in Herrlichkeit" und „von einem Meer bis ans andere, und von dem Strom bis zu den Enden der Erde" herrschen solle. Jesaja 24:23; Psalm 72:8. Dann stellten sie geringschätzige Vergleiche an zwischen der hier geschilderten Herrlichkeit und dem ärmlichen Auftreten Jesu. Die klaren prophetischen Worte wurden derart entstellt, daß sie den Irrtum bekräftigten. Hätte das Volk selbst Gottes Wort ernsthaft erforscht, dann wäre es nicht fehlgeleitet worden. Das einundsechzigste Kapitel des Jesaja bezeugt, daß Christus genau das tun sollte, was er schließlich auch tat. Das dreiundfünfzigste Kapitel kündigt seine Verwerfung und sein Leiden in der Welt an, während das neunundfünfzigste Kapitel den Charakter der Priester und Rabbiner enthüllt.

Gott zwingt die Menschen nicht, ihren Unglauben aufzugeben. Vor ihnen liegen Licht und Finsterni, Wahrheit und Irrtum. Sie selbst müssen sich für das eine oder das andere entscheiden. Der menschliche Geist ist mit der Fähigkeit ausgestattet, Recht und Unrecht zu erkennen. Nach Gottes Willen dürfen sich die Menschen nicht von einer Augenblicksregung bestimmen lassen, sondern von der Gewichtigkeit der Beweise, wobei sie sorgfältig Schriftwort mit Schriftwort vergleichen sollen. Hätten die Juden ihr Vorurteil überwunden und das prophetische Wort mit den Tatsachen verglichen, die Jesu Leben kennzeichneten, so hätten sie eine wunderbare Übereinstimmung zwischen den Prophezeiungen und deren Erfüllung im Leben und im Dienst des demütigen Galiläers erkannt.

Heute werden viele in der gleichen Weise irregeführt wie damals die Juden. Geistliche Lehrer lesen die Bibel im Lichte ihres eigenen Verständnisses oder der überlieferten Anschauungen. Die Menschen forschen nicht in der Heiligen Schrift und beurteilen nicht selbst, was Wahrheit ist. Sie verzichten auf eine eigene Meinung und liefern sich ihren führenden Männern aus. Sein Wort zu predigen und zu lehren ist eines der Mittel, die Gott für die Ausbreitung der Wahrheit vorgesehen hat. Aber alles, was Menschen lehren, müssen wir anhand der Bibel prüfen. Wer immer die Heilige Schrift unter Gebet durchforscht, weil er die Wahrheit erfassen und ihr gehorchen möchte, wird von Gott so erleuchtet werden, daß er sie versteht. „Wenn jemand will des Willen tun, der wird innewerden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selbst rede." Johannes 7:16,17.

Am letzten Tag des Festes kamen die Häscher, die im Auftrage der Obersten und Priester Jesus fangen sollten, ohne ihn zurück. Zornig fragte man sie: „Warum habt ihr ihn nicht gebracht?" Tiefer Ernst lag auf ihren Zügen, als sie antworteten: „Es hat nie ein Mensch so geredet wie dieser Mensch." Johannes 7:45,46.

So verhärtet die Herzen der Knechte waren, Jesu Worte hatten sie doch angerührt. Während er im Vorhof redete, waren sie in seiner Nähe geblieben, um zu hören, ob sich seine Worte gegen ihn selbst wenden ließen; je mehr sie aber hörten, desto weniger dachten sie an ihren Auftrag. Sie standen bald ganz unter dem Eindruck seiner Worte. Christus offenbarte sich ihren Seelen; sie erkannten, was die Obersten und Priester nicht einsehen wollten: menschliche Natur von göttlicher Herrlichkeit durchdrungen! Sie waren von seinen Gedanken und Worten so beeindruckt, daß sie auf alle Vorwürfe nur sagen konnten: „Es hat nie ein Mensch so geredet wie dieser Mensch."

Die Obersten und Priester mußten sich eingestehen, daß auch sie einst unter dem gleichen Eindruck gestanden hatten, als sie zum erstenmal in Jesu Gegenwart getreten waren; auch sie mußten einst ihre Herzen unter das zwingende Wort Jesu beugen. Doch gewaltsam hatten sie die Überzeugung, daß der Heilige Geist am Wirken sei, unterdrückt. Wütend darüber, daß jetzt selbst die Hüter des Gesetzes von dem verhaßten Galiläer beeindruckt waren, schrien sie die Knechte an: „Seid ihr auch verführt? Glaubt auch irgendein Oberster oder Pharisäer an ihn? Nur das Volk tut's, das nichts vom Gesetz weiß: verflucht ist es!" Johannes 7:47-49.

Nur wenige derer, denen die Wahrheitsbotschaft verkündigt wird, wollen wissen: „Ist sie wahr?" Ihnen geht es darum: „Wer tritt für sie ein?" Die meisten urteilen danach, wie viele sie annehmen. Noch immer wird gefragt: „Haben jemals kluge Männer und religiöse Führer daran geglaubt?" Den Menschen fällt heutzutage wahre Frömmigkeit keineswegs leichter als in den Tagen Christi. Sie sind genauso auf irdische Güter erpicht und schlagen die Reichtümer der Ewigkeit aus. Es spricht jedoch nicht gegen die Wahrheit, daß die große Masse sie nicht annehmen will und daß die Mächtigen der Welt oder gar die religiösen Führer sie nicht als gültig anerkennen.

Aufs neue schmiedeten die Priester und Obersten Pläne, um Jesus gefangenzunehmen. Sie wiesen darauf hin, daß er das Volk den verordneten jüdischen Führern abspenstig machen werde, wenn sie ihn noch länger ungehindert sprechen ließen; es sei deshalb nötig, ihn unverzüglich zum Schweigen zu bringen. Mitten in ihren Beratungen stellte Nikodemus plötzlich die Frage: „Richtet unser Gesetz auch einen Menschen, ehe man ihn verhört hat und erkannt, was er tut?" Johannes 7:51. Peinliche Stille folgte diesen Worten; es wurde allen bewußt, daß sie niemanden richten durften, der nicht gehört worden war. Das war es jedoch nicht allein, was die hochmütigen Obersten schweigen ließ, sondern es war die Tatsache, daß sich jemand aus ihrer Mitte zum Verteidiger des Nazareners aufwarf. Nachdem sie sich von ihrem Erstaunen erholt hatten, fragten sie Nikodemus mit beißendem Spott: „Bist du auch ein Galiläer? Forsche und siehe, aus Galiläa steht kein Prophet auf." Johannes 7:52.

Die Frage des Nikodemus aber hatte bewirkt, daß der Rat die Verhandlungen abbrach und die Absicht, Jesus ohne Verhör zu verurteilen, von den Obersten nicht ausgeführt werden konnte. Für den Augenblick unterlegen, ging „ein jeglicher ... heim. Jesus aber ging an den Ölberg". Johannes 7:53; Johannes 8:1.

Nach den aufregenden Erlebnissen auf dem Fest, nach dem lauten Durcheinander in der Stadt suchte Jesus Ruhe und Erholung in den stillen Olivenhainen am Ölberg. Hier konnte er mit Gott allein sein. Am nächsten Morgen aber „kam er wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm; und er setzte sich und lehrte sie". Johannes 8:2.

Er wurde aber bald unterbrochen. Einige Schriftgelehrte und Pharisäer näherten sich ihm und zogen eine von Schrecken ergriffene Frau mit sich. Mit roher Gewalt zwangen sie die Frau vor Jesus und klagten sie mit harten, eifernden Worten der Übertretung des siebenten Gebotes an. Zum Herrn sagten sie mit erheuchelter Ehrerbietung: „Meister, diese Frau ist ergriffen auf frischer Tat im Ehebruch. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche zu steinigen. Was sagst du?" Johannes 8:4,5.

Ihre gespielte Hochachtung sollte eine schlau angelegte Verschwörung zu seiner Vernichtung verbergen. Sie hatten diese Gelegenheit ergriffen, um seine Verurteilung sicherzustellen, dachten sie doch, sie würden auf jeden Fall eine Ursache finden, ihn anzuklagen, ganz gleich, welche Entscheidung Jesus treffen sollte. Spräche er die Frau frei, würden sie ihn der Mißachtung des mosaischen Gesetzes beschuldigen. Erklärte er sie dagegen des Todes würdig, dann könnten sie ihn bei den Römern anklagen, daß er sich eine Amtsgewalt anmaße, die nur ihnen zustehe.

Jesus schaute um sich — er sah das zitternde Opfer in seiner Schande und die strengblickenden Würdenträger, bar jedes menschlichen Erbarmens. In seinem reinen Sinn fühlte er sich angewidert von diesem Schauspiel. Er wußte ganz genau, warum diese Angelegenheit ihm vorgetragen worden war. Er las in den Herzen und kannte den Charakter sowie die Lebensgeschichte eines jeden in seiner Nähe. Diese angeblichen Hüter der Gerechtigkeit hatten selbst die Frau zur Sünde verleitet, um ihn zu fangen. Ohne auf die Frage der Juden einzugehen, bückte sich Christus, schaute lange zu Boden und begann in den Sand zu schreiben.

Ungeduldig ob seines Zögerns und seiner scheinbaren Gleichgültigkeit, kamen die Schriftgelehrten und Pharisäer immer näher und baten dringend um seine Aufmerksamkeit. Als aber ihre Blicke des Herrn Hand folgten, die auf dem sandigen Boden immer noch schrieb, und sie die Schrift entzifferten, die sich vor ihnen deutlich vom Boden abhob, erbleichten sie. Sie lasen die verborgenen Sünden ihres Lebens. Die Umstehenden, die den plötzlichen Wechsel im Ausdruck der Ankläger gewahrten, drängten sich enger an Jesus heran, um zu erkennen, was diese so mit Scham und Verwunderung erfüllte.

Trotz ihrer Beteuerung, das Gesetz zu achten, mißachteten sie doch seine Vorschriften, indem sie ihre Anklagen gegen das beim Ehebruch ergriffene Weib vorbrachten. Es wäre vielmehr des Ehegatten Pflicht gewesen, ein gesetzliches Verfahren einzuleiten; daraufhin wären die Übeltäter gleichermaßen bestraft worden. Die Anklage vor Christus war somit völlig unberechtigt. Der Herr aber begegnete ihnen mit ihren eigenen Waffen. Das Gesetz befahl, daß bei der Steinigung des Übeltäters die Zeugen den ersten Stein auf den Verurteilten zu werfen hatten. Jesus richtete sich wieder auf, schaute die Ankläger an und sagte: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie." Johannes 8:7. Dann bückte er sich abermals und fuhr fort, in den Sand zu schreiben.

Er hatte sich weder gegen Moses Gesetz vergangen, noch das römische Recht gebrochen. Die Ankläger aber waren geschlagen; das Gewand ihrer erheuchelten Frömmigkeit war von ihnen gerissen. Nun standen sie schuldig und überführt im Angesicht des gerechten Richters. Sie zitterten vor Furcht, daß ihr sündhaftes Treiben dem ganzen Volk bekannt werden könnte, und schlichen nacheinander mit gebeugtem Haupt und niedergeschlagenen Augen davon; die Ehebrecherin aber überließen sie dem barmherzigen Heiland.

Jesus schaute die Frau an und sprach zu ihr: „Weib, wo sind sie, deine Verkläger? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Herr, niemand. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort nicht mehr." Johannes 8:10,11.

Die Frau hatte, von Furcht überwältigt, vor ihm gestanden. Seine Worte: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie", hörte sie an wie ihr Todesurteil. Sie wagte nicht, ihre Augen zum Heiland zu erheben, sondern erwartete schweigend ihre Strafe. Mit größtem Erstaunen bemerkte sie, wie ihre Verkläger einer nach dem andern sich verwirrt und wortlos entfernten; sie hörte Jesu tröstliche Worte: „So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort nicht mehr." Erschüttert warf sie sich dem Heiland zu Füßen, stammelte ihre dankbare Liebe und bekannte unter heißen Tränen ihre Sünden.

Sie begann ein neues Leben; ein Leben der Reinheit und des Friedens, geweiht dem Dienste Gottes. Dadurch, daß Jesus dieses gefallene Menschenkind aufrichtete, vollbrachte er ein größeres Wunder, als wenn er es von einem ganz schlimmen körperlichen Gebrechen geheilt hätte. Er befreite es von der geistlichen Krankheit, die zum ewigen Tode geführt hätte. Diese reumütige Frau war hinfort eine seiner treuesten Nachfolgerinnen. Mit aufopfernder Liebe und Hingabe erwiderte sie die vergebende Gnade Jesu.

Daß Jesus der Frau vergab und sie ermutigte, ein besseres Leben zu führen, wirft auf die vollkommene Gerechtigkeit seines Wesens ein helles Licht. Er hat weder die Sünde gutgeheißen noch die Größe der Schuld verringert; doch er wollte nicht verdammen, sondern retten. Die Welt hatte für dieses irrende Menschenkind nur Hohn und Verachtung, aber Jesus spricht Worte des Trostes und richtet auf, was gefallen ist. Der Sündlose erbarmt sich der Schwäche des Sünders und streckt ihm seine hilfreiche Hand entgegen. Die scheinheiligen Pharisäer klagen an und verurteilen — Jesus aber spricht: „Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr."

Wer abgewandten Blickes den Irrenden den Rücken zukehrt und sie nicht daran hindert, ihren Weg ins Verderben fortzusetzen, ist kein Nachfolger Christi. Wer darauf aus ist, andere anzuklagen und sie vor den Richter zu bringen, lädt in seinem eigenen Leben oftmals mehr Schuld auf sich als sie. Die Menschen hassen den Sünder und lieben die Sünde. Christus dagegen haßt die Sünde und liebt den Sünder. Von diesem Geist müssen auch alle seine Nachfolger beseelt sein. Die christliche Liebe hält sich zurück im Tadeln, nimmt aber schnell echte Reue wahr. Sie ist immer bereit, dem Irrenden zu vergeben, ihn zu stärken, auf den Pfad der Gottesfurcht zu bringen und darauf zu erhalten.


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