Im Vorhof des Tempels
Kapitel  68


Gemäß Johannes 12:20-43.

„Es waren aber etliche Griechen unter denen, die hinaufgekommen waren, daß sie anbeteten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der von Bethsaida aus Galiläa war, baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen. Philippus kommt und sagt's Andreas, und Philippus und Andreas sagten's Jesus weiter." Johannes 12:20-22.

Es schien, als ob Christi Werk zu dieser Zeit eine empfindliche Niederlage erlitten hätte. Christus war aus dem Wortstreit mit den Priestern und Pharisäern wohl als Sieger hervorgegangen, doch es war offensichtlich, daß er von ihnen nie als Messias anerkannt würde. Die Trennung war endgültig; den Jüngern schien die Lage hoffnungslos. Jesus aber näherte sich der Vollendung seines Werkes. Das große Ereignis, das nicht nur das jüdische Volk, sondern die ganze Welt betraf, stand nahe bevor. Als der Heiland die eifrig vorgetragene Bitte: „Wir wollten Jesus gerne sehen" vernahm und in ihr das sehnsüchtige Verlangen der ganzen Welt ausgedrückt fand, erhellte sich sein Angesicht, und er sagte: „Die Zeit ist gekommen, daß des Menschen Sohn verherrlicht werde." Johannes 12:23. In dem Verlangen der Griechen erkannte er einen ersten Hinweis auf die außerordentliche Wirkung seines großen Opfers.

Wie einst die Weisen aus dem Morgenland am Anfang seines irdischen Lebens zu Christus gekommen waren, so kamen jetzt am Ende seines Lebens die Männer aus dem Westen. Zur Zeit der Geburt Christi waren die Juden so sehr von ihren ehrgeizigen Plänen erfüllt, daß sie nichts von seiner Ankunft wußten. Die Weisen aus einem heidnischen Lande mußten mit ihren Geschenken zur Krippe kommen, um den Heiland anzubeten. Ebenso kamen jetzt die Griechen als Vertreter der Völker der Welt, um Jesus zu sehen. Auf die gleiche Weise würden die Menschen aller Länder und aller Zeiten durch das Kreuz Christi angezogen werden. „Viele werden kommen vom Osten und vom Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich sitzen." Matthäus 8:11.

Die Griechen hatten von Jesu triumphalen Einzug in Jerusalem gehört. Manche nahmen an — und sie hatten dieses Gerücht auch verbreitet —, daß Jesus die Priester und Obersten aus dem Tempel gejagt und von dem Thron Davids Besitz ergriffen hätte und nun als König über Israel herrsche. Die Griechen wollten sich jetzt über diesen Jesus und seine Mission Gewißheit verschaffen. „Wir wollten Jesus gerne sehen", sagten sie. Ihr Wunsch wurde erfüllt. Als Jesus von dem Verlangen der Griechen erfuhr, befand er sich gerade in jenem Teil des Tempels, in dem sich nur Juden aufhalten durften, doch er ging hinaus in den Vorhof und sprach dort mit ihnen.

Die Stunde der Verherrlichung Christi war gekommen. Er stand bereits im Schatten des Kreuzes, und das Verlangen der Griechen bestätigte ihm, daß durch das Opfer seines Lebens viele Seelen für Gott gewonnen würden. Er wußte auch, daß die Griechen ihn bald in einer Lage sehen würden, wie sie es niemals vermutet hätten; sie würden ihn bald neben Barabbas, einem Räuber und Mörder, erblicken, den man sogar ihm noch vorzöge. Sie würden auch hören, wie das von den Priestern und Obersten beeinflußte Volk seine Wahl träfe und auf die Frage des Pilatus: „Was soll ich denn mit Jesus tun?" antwortete: „Kreuzige ihn!" Matthäus 27:22. Der Herr wußte aber auch, daß durch dieses Sühnopfer für die Sünden der Welt sein Reich vollendet und über alle Völker ausgedehnt würde, daß er als Welterneuerer wirken und sein Geist endlich siegen würde. Für einen Augenblick schaute er in die Zukunft und hörte Stimmen in allen Teilen der Erde ausrufen: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt!" Johannes 1:29. Er sah in diesen Fremdlingen das Unterpfand einer großen Ernte, wenn die Scheidewand zwischen Juden und Heiden niedergerissen würde und alle Geschlechter, Sprachen und Zungen die Botschaft vom Reich hörten. Diese Erwartung, dieses Ziel seiner Hoffnungen fand seinen Ausdruck in den Worten: „Die Zeit ist gekommen, daß des Menschen Sohn verherrlicht werde." Johannes 12:23. Die Art und Weise dieser Verherrlichung war ihm durchaus bewußt. Das Einsammeln der Heiden würde nach seinem Tode beginnen; nur durch sein Opfer am Kreuz konnte die Welt erlöst werden. Gleich dem Weizenkorn mußte des Menschen Sohn in die Erde gelegt werden, sterben und begraben werden, um wiederum zu leben.

Christus sprach über seine Zukunft; dabei stütze er sich auf Beispiele aus der Natur, damit die Jünger verstehen sollten, daß die wahre Frucht seines Werkes nur durch seinen Tod reifen konnte. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt's allein; wenn es aber erstirbt, so bringt es viel Frucht." Johannes 12:24. Wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und stirbt, geht es auf und bringt seine Frucht. So würde auch der Tod Christi Frucht tragen für das Reich Gottes. In Übereinstimmung mit den Gesetzmäßigkeiten des Pflanzenreiches ist das Leben die Frucht des Todes Christi.

Ein Landmann ist sich dieses natürlichen Vorganges stets bewußt. Jahr für Jahr bewahrt er sich einen Kornvorrat, indem er scheinbar den ausgesuchtesten Teil wegwirft. Eine Zeitlang muß das Korn im Acker verborgen werden, wo der Herr selbst es bewacht. Dann erst sprießt der Halm; die Ähre bildet sich und in ihr schließlich die Frucht. Diese Entwicklung aber geschieht erst, wenn das Korn — unseren Augen entzogen — in der Erde verborgen wird und damit anscheinend verlorengeht.

Die ausgestreute Saat bringt Frucht, die dann aufs neue der Erde anvertraut wird. Auf diese Weise wird die Ernte ständig vervielfältigt. So bringt auch Christi Tod Frucht zum ewigen Leben. Den Menschen, die dank des Opfers Christi ewig leben werden, wird das Nachsinnen über das für sie gebrachte Opfer Herrlichkeit bedeuten.

Das Weizenkorn, das sein eigenes Leben behält, kann keine Frucht bringen; es wird allein bleiben. Christus konnte sich, wenn er wollte, vor dem Tod bewahren; dann würde er aber auch allein bleiben müssen und könnte nicht Söhne und Töchter zu Gott bringen. Nur durch die Dahingabe seines Lebens konnte er der Menschheit Leben schenken; nur dadurch, daß er in die Erde sank und starb, konnte er der Same jener reichen Ernte werden, die aus allen Völkern, Geschlechtern, Sprachen und Zungen für Gott erkauft wird.

Mit dieser Wahrheit verbindet der Herr die Lehre von der Selbstaufopferung, die alle lernen sollten: „Wer sein Leben liebhat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasset, der wird's erhalten zum ewigen Leben." Johannes 12:25. Jeder, der als Mitarbeiter Christi Frucht bringen will, muß erst in die Erde fallen und „sterben"; das Leben muß in die Ackerfurche der Weltnot geworfen werden, und Selbstliebe und Eigensucht müssen absterben. Das Gesetz der Selbstaufopferung ist das Gesetz der Selbsterhaltung. Der Landmann erhält sein Korn, indem er es fortwirft und der Erde anvertraut; so ist es auch im menschlichen Leben. Geben heißt leben! Das Leben, das erhalten bleibt, ist das Leben, welches freiwillig in den Dienst Gottes und der Menschen gestellt wird. Wer um Christi willen sein Leben in dieser Welt opfert, wird es für das ewige Leben bewahren.

Das eigennützige Leben gleicht dem Korn, das gegessen wird; es verschwindet, aber es vermehrt sich nicht. Ein Mensch mag dauernd für sich schaffen und sammeln; er mag für sich planen und denken — sein Leben wird vergehen und wird ihm nichts gebracht haben. Das Gesetz des Sich-selbst-Dienens ist im geistlichen Leben das Gesetz der Selbstvernichtung.

„Wer mir dienen will", sagte Jesus, „der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren." Johannes 12:26. Alle, die mit dem Herrn das Kreuz der Hingabe getragen haben, werden auch an seiner Herrlichkeit teilhaben. Es war des Heilandes Freude in seiner Erniedrigung und in seinem Schmerz, daß seine Jünger mit ihm verherrlicht würden. Sie sind die Frucht seiner Selbstaufopferung. Die Bekundung seines Wesens und seines Geistes im Leben der Jünger ist sein Lohn und wird in Ewigkeit seine Freude sein. Diese Freude teilen sie mit ihm, wenn sich die Frucht ihrer Arbeit und ihres Opfers im Leben und in den Herzen anderer zeigt. Sie sind des Herrn Mitarbeiter, und Gott wird sie ehren, wie er seinen Sohn ehrt.

Durch die Botschaft der Griechen, die die Einsammlung aller Heiden ankündigte, wurde Jesus an seine Sendung erinnert. Das ganze Erlösungswerk von der Zeit an, da es im Himmel geplant wurde, bis zu seinem baldigen Tode auf Golgatha zog an seinem geistigen Auge vorüber. Eine geheinnisvolle Wolke, deren Schatten alle Umstehenden bemerkten, schien den Sohn Gottes einzuhüllen, während er selbst gedankenverloren dasaß. Schließlich unterbrach er das Schweigen mit trauriger Stimme: „Jetzt ist meine Seele betrübt. Und was soll ich sagen? Vater, hilf mir aus dieser Stunde?" Johannes 12:27. Der Heiland schmeckte schon den bitteren Kelch, und das Menschliche in ihm schreckte zurück vor der Stunde des Verlassenseins, da er allem Anschein nach selbst von Gott verlassen sein würde, und wenn alle ihn sähen — gezüchtigt, von Gott verworfen, niedergeschlagen. Er schreckte zurück vor der öffentlichen Bloßstellung, davor, als schlimmster Verbrecher angesehen zu werden, und vor einem schmachvollen und unehrenhaften Tod. Eine Ahnung von dem Kampf mit den Mächten der Finsternis, ein Gefühl für die furchtbare Last aller menschlichen Übertretungen und für den Zorn des Vaters über die Sünden der Welt belasteten seinen Geist; Todesblässe überzog sein Angesicht.

Dann aber beugte er sich dem Willen seines Vaters und sprach: „Darum bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen!" Nur durch Christi Tod konnte Satans Reich gestürzt, nur so konnte der Mensch erlöst und Gott verherrlicht werden. Jesus ergab sich dem Todeskampf; er nahm das Opfer auf sich — die Majestät des Himmels zeigte sich bereit, als Sündenträger zu leiden. „Vater, verherrliche deinen Namen!" bat der Heiland. Als Christus diese Worte sprach, kam die Antwort aus der über ihm schwebenden Wolke: „Ich habe ihn verherrlicht und will ihn abermals verherrlichen." Johannes 12:27,28. Jesu ganzes Leben von der Krippe an bis zu der Zeit, da diese Worte gesprochen wurden, hatte Gott verherrlicht, und in der herannahenden Prüfung würden die göttlich-menschlichen Leiden des Heilandes den Namen des himmlischen Vaters aufs neue verherrlichen.

Als die „Stimme vom Himmel" ertönte, fuhr ein Lichtstrahl aus der Wolke und umgab Jesus, als ob die Arme der ewigen Macht ihn wie eine feurige Mauer umfingen. Das Volk schaute mit Schrecken und größtem Erstaunen auf dieses Geschehen. Niemand wagte zu reden. Schweigend, mit angehaltenem Atem standen sie alle, die Augen auf Christus gerichtet. Nachdem das Zeugnis des Vaters gegeben war, hob sich die Wolke und verteilte sich über ihnen. Die sichtbare Gemeinschaft zwischen dem Vater und dem Sohn war erst einmal wieder beendet.

„Da sprach das Volk, das dabeistand und zuhörte: Es hat gedonnert. Die andern sprachen: Ein Engel mit ihm geredet." Johannes 12:29. Die Griechen sahen die Wolke und hörten die Stimme, sie verstanden deren Bedeutung und erkannten wahrhaftig den Heiland; er wurde ihnen als der Gesandte Gottes offenbart.

Die Stimme Gottes, die bei der Taufe Jesu am Beginn seines Lehramtes und wiederum bei seiner Verklärung gehört worden war, war jetzt, am Schluß seines Dienstes, zum drittenmal vor einer großen Volksmenge und unter besonderen Umständen erklungen. Jesus hatte den Juden gerade die so sehr ernste Wahrheit hinsichtlich ihres Zustandes vor Augen gehalten. Er hatte ihnen eine letzte Warnung zugerufen und ihren Untergang angekündigt. Da setzte Gott wiederum sein Siegel auf die Botschaft seines Sohnes und bestätigte ihn, den Israel verworfen hatte. „Diese Stimme ist nicht um meinetwillen geschehen, sondern um euretwillen." Johannes 12:30. Sie war der krönende Beweis seiner göttlichen Sendung; sie war das Zeichen des Allmächtigen, daß Jesus die Wahrheit gesprochen hatte und daß er der eingeborene Sohn des Himmels war.

„Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt", sagte Jesus. „Nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden. Und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Das sagte er aber, um zu zeigen, welches Todes er sterben würde." Johannes 12:31-33. Damit wies der Herr auf die Entscheidungsstunde für die Welt. Wenn er die Sünden der Menschen versöhnen wird, dann wird die Welt erleuchtet, Satans Macht über die Seelen gebrochen, das entstellte Ebenbild Gottes im Menschen wiederhergestellt und eine Familie gläubiger Kinder Gottes schließlich in der himmlischen Heimat gesammelt werden. Dies ist das Ergebnis des Erlösungstodes Jesu. Der Heiland ist in Gedanken bei dem Siegesjubel, der sich entfalten wird; er sieht auch das Kreuz, das fürchterliche Fluchholz, mit all seinen Schrecken in Herrlichkeit erstrahlen.

Doch das Erlösungswerk für die Menschen ist nicht alles, was durch das Kreuz vollbracht wird. Gottes Liebe offenbart sich dem ganzen Weltall. Der Fürst dieser Welt ist ausgestoßen, die Anklagen Satans gegen Gott werden widerlegt, und die Vorwürfe, die er gegen den Himmel schleuderte, für immer beseitigt. Sowohl Engel als auch Menschen werden zu dem Erlöser gezogen. „Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen."

Viele Menschen waren um den Herrn versammelt, als er diese Worte sprach. „Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, daß der Christus in Ewigkeit bleibt; wie sagst du denn, der Sohn des Menschen müsse erhöht werden? Wer ist dieser Sohn des Menschen? Da sprach Jesus zu ihnen: Noch eine kleine Zeit ist das Licht bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht noch habt, damit euch die Finsternis nicht überfällt! Denn wer in der Finsternis wandelt, weiß nicht, wohin er geht. Solange ihr das Licht habt, glaubt an das Licht, damit ihr Kinder des Lichtes werdet ... Obwohl er aber so viele Zeichen vor ihnen getan hatte, glaubten sie nicht an ihn." Johannes 12:34-37.

Einst hatten sie Jesus gefragt: „Was tust du denn für ein Zeichen, auf daß wir sehen und dir glauben?" Johannes 6:30. Ungezählte Zeichen waren gegeben worden; aber sie hatten ihre Augen vor ihnen verschlossen und ihre Herzen verhärtet. Sogar jetzt, da der Allmächtige selbst geredet hatte und sie nicht weiter nach einem Zeichen fragen konnten, weigerten sie sich zu glauben.

„Doch auch der Obersten glaubten viele an ihn; aber um der Pharisäer willen bekannten sie es nicht, auf daß sie nicht in den Bann geraten würden." Johannes 12:42. Sie schätzten Menschenlob höher als das Wohlgefallen Gottes, und um sich selbst vor Tadel und Schande zu bewahren, verleugneten sie Christus und verwarfen das Angebot des ewigen Lebens. Wie viele haben in den folgenden Jahrhunderten das gleiche getan! Ihnen allen gilt die Warnung des Heilandes: „Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht auf, der hat schon seinen Richter: Das Wort, welches ich geredet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage." Johannes 12:48.

Wie schmerzlich für die, welche die Zeit ihrer Heimsuchung nicht erkannten! Langsam und mit trauerndem Herzen verließ der Heiland für immer den Bereich des Tempels.


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