Gethsemane  -  Kapitel  74


Gemäß Matthäus 26:36-56; Markus 14:32-50; Lukas 22:39-53; Johannes 18:1-12.

Langsam wanderte der Heiland mit seinen Jüngern nach dem Garten Gethsemane. Der Passah-Mond stand hell und voll am wolkenlosen Himmel; die Stadt der Pilgerzelte ruhte in tiefem Schweigen.

Jesus hatte sich bis hierher angelegentlich mit seinen Jüngern unterhalten und sie unterwiesen. Je näher sie jedoch dem Garten Gethsemane kamen, desto schweigsamer wurde er. Oft hatte er sich an diesen Ort zurückgezogen, um sich auszuruhen und um neue Kraft und Sammlung im Gebet zu finden; noch nie aber war er mit einem so bekümmerten Herzen hierhergekommen wie in dieser Nacht seines letzten Ringens. Während seines ganzen Erdenlebens war er im Licht der Gegenwart Gottes gewandelt, und selbst im Zwiespalt mit Menschen, die vom Geist Satans besessen waren, konnte er sagen: „Der mich gesandt hat, ist mit mir. Der Vater läßt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt." Johannes 8:29. Jetzt aber schien er von dem bewahrenden Licht der Gegenwart Gottes ausgeschlossen zu sein; er wurde nun zu den Übeltätern gerechnet. Er mußte die Schuld der gefallenen Menschheit tragen; auf ihn, der von keiner Sünde wußte, mußte alle unsere Missetat gelegt werden. So schrecklich erschien ihm die Sünde, so groß war die Last der Schuld, die er zu tragen hatte, daß er befürchtete, auf ewig von der Liebe des Vaters ausgeschlossen zu werden. Als er empfand, wie furchtbar der Zorn Gottes wegen der Übertretung seiner Gebote ist, rief er aus: „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod." Matthäus 26:38.

Als sie den Garten erreichten, bemerkten die Jünger die Veränderung, die mit ihrem Herrn vor sich gegangen war; sie hatten ihn noch nie so über alle Maßen traurig und still gesehen. Je weiter er ging, desto tiefer wurde diese ungewöhnliche Betrübnis; dennoch wagten sie nicht, ihn nach der Ursache seines Kummers zu fragen. Seine Gestalt schwankte, als würde er jeden Augenblick fallen. Nachdem sie den Garten betreten hatten, schauten die Jünger besorgt nach dem Platz, an den sich Jesus gewöhnlich zurückzog, und wünschten, daß ihr Meister dort ruhen möge. Jeder Schritt, den er nun vorwärts ging, wurde zur Anstrengung. Er stöhnte vernehmlich, als stünde er unter einer schrecklichen Belastung. Zweimal mußten ihn seine Gefährten stützen, sonst wäre er gefallen.

In der Nähe des Eingangs zum Garten ließ Jesus seine Jünger bis auf drei zurück und forderte sie auf, für sich selbst und für ihn zu beten. Mit Petrus, Jakobus und Johannes ging er an jenen Ort der Abgeschiedenheit - diese drei waren seine vertrautesten Gefährten. Sie hatten seine Herrlichkeit auf dem Verklärungsberg erlebt; sie hatten Mose und Elia mit ihm sprechen sehen; sie hatten auch die Stimme vom Himmel gehört — jetzt wollte sie Christus während seines großen Kampfes in seiner Nähe wissen. Oft schon hatten sie eine Nacht mit ihm in dieser Zurückgezogenheit verbracht, waren aber stets nach einer Zeit des Wachens und Betens abseits gegangen, um in einiger Entfernung von ihrem Meister ungestört zu schlafen, bis er sie morgens zu neuem Tagewerk weckte. Doch jetzt sollten sie nach des Meisters Wunsch die ganze Nacht mit ihm wachen und beten, obwohl es ihm unerträglich war, daß sie zu Zeugen seines Seelenkampfes, den er auf sich nehmen mußte, werden sollten.

„Bleibet hier", sagte er ihnen, „und wachet mit mir!" Matthäus 26:38.
Er ging einige Schritte abseits, gerade so weit, daß sie ihn noch sehen und hören konnten, und fiel auf die Erde nieder. Die Sünde trennte ihn von seinem Vater, das fühlte er. Der Abgrund war so breit, so dunkel und so tief, daß sein Geist davor zurückschauderte. Er durfte seine göttliche Macht nicht benutzen, um diesem Kampf zu entrinnen. Als Mensch mußte er die Folgen der Sünde der Menschheit erleiden, als Mensch mußte er den Zorn Gottes über die Übertretungen ertragen.

Die Stellung Jesu war jetzt eine andere als je zuvor. Sein Leiden läßt sich am besten mit den Worten des Propheten Sacharja ausdrücken: „Schwert, erwache gegen meinen Hirten, gegen den Mann, der mein Gefährte ist! spricht der Herr Zebaoth." Sacharja 13:7. Als Vertreter und Bürge der sündigen Menschen litt Christus unter der göttlichen Gerechtigkeit, deren ganzen Umfang er nun erkannte. Bisher war er ein Fürsprecher für andere gewesen, jetzt sehnte er sich danach, selbst einen Fürsprecher zu haben.

Als der Heiland fühlte, daß sein Einssein mit dem himmlischen Vater unterbrochen war, fürchtete er, in seiner menschlichen Natur unfähig zu sein, den kommenden Kampf mit den Mächten der Finsternis zu bestehen. Schon in der Wüste der Versuchung hatte das Schicksal des Menschengeschlechts auf dem Spiel gestanden — doch Jesus war Sieger geblieben. Jetzt war der Versucher zum letzten schrecklichen Kampf gekommen, auf den er sich während der dreijährigen Lehrtätigkeit des Herrn vorbereitet hatte. Alles hing von dem Ausgang dieses Kampfes ab. Verlor Satan, dann war seine Hoffnung auf die Oberherrschaft gebrochen; die Reiche der Welt würden schließlich Christus gehören; er selbst würde überwältigt und ausgestoßen werden. Ließe sich Christus aber überwinden, dann würde die Erde Satans Reich werden und das Menschengeschlecht für immer in seiner Gewalt bleiben. Die Folgen dieses Streites vor Augen, war Christi Seele erfüllt von dem Entsetzen über die Trennung von Gott. Satan sagte dem Herrn, daß er als Bürge für die sündige Welt ewig von Gott getrennt wäre; er würde dann zu Satans Reich gehören und niemals mehr mit Gott verbunden sein.

Was war durch dieses Opfer zu gewinnen? Wie hoffnungslos erschienen die Schuld und die Undankbarkeit der Menschen! In härtesten Zügen schilderte Satan dem Herrn die Lage: Alle jene, die für sich in Anspruch nehmen, ihre Mitmenschen in zeitlichen und geistlichen Dingen zu überragen, haben dich verworfen. Sie suchen dich zu vernichten, dich, der du der Grund, der Mittelpunkt und das Siegel aller Weissagungen bist, die ihnen als einem auserwählten Volk offenbart wurden. Einer deiner eigenen Jünger, der deinen Unterweisungen gelauscht hat, der einer der ersten deiner Mitarbeiter gewesen ist, wird dich verraten; einer deiner eifrigsten Nachfolger wird dich verleugnen, ja, alle werden dich verlassen!

Christi ganzes Sein wehrte sich bei diesen Gedanken. Daß jene, die er retten wollte und die er so sehr liebte, sich an Satans Plänen beteiligten, schnitt ihm ins Herz. Der Widerstreit war schrecklich. Sein Maßstab war die Schuld seines Volkes, seiner Ankläger und seines Verräters; die Schuld einer in Gottlosigkeit darniederliegenden Welt. Die Sünden der Menschen lasteten schwer auf ihm, und das Bewußtsein des Zornes Gottes überwältigte ihn.

Seht ihn über den Preis nachsinnen, der für die menschliche Seele bezahlt werden muß! In seiner Angst krallt er sich fest in die kalte Erde, als ob er verhindern wolle, seinem Vater noch ferner zu rücken. Der frostige Tau der Nacht legt sich auf seine hingestreckte Gestalt, aber er merkt es nicht. Seinen bleichen Lippen entringt sich der qualvolle Schrei: „Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber." Und er fügt hinzu: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!" Matthäus 26:39.

Das menschliche Herz sehnt sich im Schmerz nach Anteilnahme; auch Christus war in seinem Innersten von dieser Sehnsucht erfüllt. In äußerster seelischer Not kam er zu seinen Jüngern mit dem brennenden Verlangen, bei ihnen, die er so oft gesegnet und getröstet sowie in Kummer und Verzweiflung behütet hatte, einige Worte des Trostes zu finden. Er, der für sie stets Worte des Mitgefühls gehabt hatte, litt jetzt selbst übermenschliche Schmerzen und sehnte sich danach, zu wissen, daß sie für sich und für ihn beteten. Wie dunkel erschien die Boshaftigkeit der Sünde! Ungeheuer groß war die Versuchung, dem Menschengeschlecht selbst die Folgen der eigenen Schuld aufzubürden, während er unschuldig vor Gott stünde. Wenn er nur wüßte, daß seine Jünger das erkannten und begriffen; es würde ihn mit neuer Kraft erfüllen.

Nachdem er sich unter quälender Mühe erhoben hatte, wankte er zu dem Platz, an dem er seine Getreuen zurückgelassen hatte; aber er „fand sie schlafend." Matthäus 26:40. Wenn er sie betend gefunden hätte, wie würde es ihm geholfen haben! Wenn sie bei Gott Zuflucht gesucht hätten; damit die teuflischen Mächte sie nicht überwältigen könnten, dann wäre er durch ihren standhaften Glauben getröstet worden. Sie hatten aber seine mehrmalige Aufforderung: „Wachet und betet!" (Matthäus 26:41) schlecht beherzigt. Zuerst waren sie sehr beunruhigt gewesen, ihren Meister, der sonst so ruhig und würdevoll auftrat, mit einem Schmerz ringen zu sehen, der alle Fassungskraft überstieg. Sie hatten gebetet, als sie die laute Qual des Leidenden hörten, und sie wollten keineswegs ihren Herrn im Stich lassen. Doch sie schienen wie gelähmt von einer Erstarrung, die sie hätten abschütteln können, wenn sie beständig im Gebet mit Gott verbunden gewesen wären. So aber erkannten sie nicht die Notwendigkeit des Wachens und Betens, um der Versuchung widerstehen zu können.

Kurz bevor Jesus seine Schritte nach dem Garten lenkte, hatte er seinen Jüngern noch gesagt: „Ihr werdet alle an mir Ärgernis nehmen." Markus 14:27. Die Jünger aber hatten ihm mit starken Worten versichert, daß sie mit ihm ins Gefängnis und in den Tod gehen wollten. Und der bedauernswerte, selbstbewußte Petrus hatte hinzugefügt: „Und wenn sie alle an dir Ärgernis nähmen, so doch ich nicht." Markus 14:29. Die Jünger aber bauten auf sich selbst, sie blickten nicht auf den mächtigen Helfer, wie der Herr es ihnen geraten hatte; deshalb fand der Heiland sie schlafend, als er ihrer Anteilnahme und ihrer Gebete am meisten bedurfte. Selbst Petrus schlief.

Und Johannes, der liebevolle Jünger, der an Jesu Brust gelehnt hatte, schlief ebenfalls. Gewiß, die Liebe zu seinem Meister hätte ihn wachhalten sollen, seine aufrichtigen Gebete hätten sich in der Stunde der äußersten Qual mit den Gebeten seines geliebten Heilandes vereinigen sollen. Der Erlöser hatte in langen, einsamen Nächten für seine Jünger gebetet, daß ihr Glaube nicht aufhören möge. Hätte er jetzt an Jakobus und Johannes die Frage gerichtet, die er ihnen einmal gestellt hatte: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde und euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?" (Matthäus 20:22), sie würden nicht gewagt haben, diese noch einmal zu bejahen.

Jesu Stimme ließ die schlafenden Jünger erwachen, aber sie erkannten ihn kaum, so sehr hatte die auszustehende Qual sein Antlitz verändert. Jesus wandte sich an Petrus und fragte ihn: „Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen? Wachet und betet, daß ihr nicht in Versuchung fallet! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach." Markus 14:37,38. Die Schwachheit seiner Jünger erweckte Jesu Mitgefühl. Er fürchtete, daß sie die Prüfung, die durch den Verrat an ihm und durch seinen Tod über sie kommen würde, nicht bestehen könnten. Er tadelte sie nicht, sondern bat: „Wachet und betet, daß ihr nicht in Versuchung fallet!" Sogar in seiner großen Todesnot suchte er ihre Schwachheit zu entschuldigen. „Der Geist ist willig", sagte er, „aber das Fleisch ist schwach."

Aufs neue wurde der Heiland von übermenschlicher Angst ergriffen. Fast ohnmächtig vor Schwäche und völlig erschöpft, taumelte er an seinen Platz zurück. Seine Qual wurde noch größer als vorher, und in der Todesangst seiner Seele wurde „sein Schweiß wie Blutstropfen, die fielen auf die Erde." Lukas 22:44. Die Zypressen und Palmen waren stille Zeugen seines Ringens; von ihren blätterreichen Zweigen fielen schwere Tautropfen auf seine Gestalt, als ob die Natur über ihren Schöpfer weinte, der mit den Mächten der Finsternis einen einsamen Kampf ausfocht.

Erst kürzlich hatte Jesus gleich einer mächtigen Zeder dem Sturm des Widerstandes, der sich wütend gegen ihn erhob, Trotz geboten. Halsstarrige Köpfe sowie boshafte und verschlagene Herzen hatten vergebens versucht, ihn zu verwirren und zu überwältigen. In göttlicher Majestät hatte er sich als Sohn Gottes unbeugsam gezeigt. Jetzt dagegen glich er einem windgepeitschten Schilfrohr. Er war der Vollendung seiner Aufgabe wie ein Held entgegengegangen; mit jedem Schritt errang er einen Sieg über die Mächte der Finsternis. Als ein schon Verklärter hatte er seine Verbundenheit mit Gott behauptet; mit fester Stimme hatte er seine Lobgesänge ausströmen lassen und seine Jünger aufgemuntert und getröstet. Aber jetzt war die Stunde der Macht der Finsternis über ihn hereingebrochen. Seine Stimme klang wie der Hauch der Abendlüfte, sie hörte sich nicht an wie Triumphgesang, sondern war voller Angst und Sorge, als sie an die Ohren der schlaftrunkenen Jünger drang: „Mein Vater, ist's nicht möglich, daß dieser Kelch an mir vorübergehe, ich trinke ihn denn, so geschehe dein Wille!" Matthäus 26:42.

Der erste Gedanke der Jünger war, zu ihm zu gehen; aber der Herr hatte ihnen ja geboten, an ihrem Platz zu bleiben, zu wachen und zu beten. Als der Heiland erneut zu ihnen kam, fand er sie „abermals schlafend". Wieder hatte er sich nach ihrer Gesellschaft gesehnt, nach einigen Worten von ihnen, die ihm hätten Erleichterung bringen und die Zeit der Finsternis brechen können, die ihn fast überwältigte. Aber ihre Augen waren „voll Schlafs, und sie wußten nicht, was sie ihm antworten sollten." Markus 14:40. Seine Gegenwart machte sie wach; sie schauten sein vom blutigen Schweiß entstelltes Angesicht, und sie fürchteten sich. Sie konnten seine Seelenangst nicht verstehen, dazu war „seine Gestalt häßlicher ... als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder." Jesaja 52:14.

Wiederum wandte sich Jesus ab und ging an seinen Zufluchtsort zurück; von den Schrecken einer großen Finsternis überwältigt, fiel er zu Boden. Die menschliche Natur Jesu zitterte in dieser entscheidungsschweren Stunde; er betete jetzt nicht für seine Jünger, daß ihr Glaube nicht wankend werden möge, sondern für seine eigene geprüfte und gemarterte Seele. Der schreckliche Augenblick war gekommen, jene Stunde, die das Schicksal der Welt entscheiden sollte. Das Geschick der Menschenkinder war noch in der Schwebe. Noch konnte sich Christus weigern, den für die sündige Menschheit bestimmten Kelch zu trinken; noch war es nicht zu spät. Jesus konnte sich immer noch den blutigen Schweiß von seiner Stirn wischen und den Menschen in seiner Gottlosigkeit verderben lassen. Er konnte sagen: Laß den Übertreter die Strafe seiner Schuld empfangen; ich will zurückgehen zu meinem Vater im Himmel. Will der Sohn Gottes den bitteren Kelch der Erniedrigung und des Leidens bis zur Neige leeren? Will er, der unschuldig war, die Folgen des Fluches der Sünde erleiden, um die Schuldigen zu retten? Von den bleichen Lippen Jesu fielen — stammelnd — die Worte: „Mein Vater, ist's nicht möglich, daß dieser Kelch an mir vorübergehe, ich trinke ihn denn, so geschehe dein Wille!" Matthäus 26:42.

Dreimal hatte Jesus so gebetet; dreimal war das Menschliche in ihm vor dem letzten, krönenden Opfer zurückgeschreckt. Nun zieht im Geiste noch einmal die ganze Geschichte des Menschengeschlechtes an dem Welterlöser vorüber. Er sieht den Gesetzesbrecher untergehen, wenn dieser sich auf sich selbst verläßt; er sieht die Hilflosigkeit der Menschen und die Macht der Sünde. Das Elend und die Klagen einer verurteilten Welt steigen vor ihm auf, er erkennt deren drohendes Geschick, und — sein Entschluß ist gefaßt. Er will die Menschen retten, koste es, was es wolle. Er nimmt die Bluttaufe an, damit Millionen Verdammter das ewige Leben gewinnen können. Er hatte die himmlischen Höfe, wo Reinheit, Freude und Herrlichkeit herrschten, verlassen, um das eine verlorene Schaf — die durch Übertretung gefallene Welt — zu retten. Er will sich seiner Aufgabe nicht entziehen. Er wird dem der Sünde verfallenen Geschlecht die Versöhnung ermöglichen. Sein Gebet nun ist Ergebung in sein Schicksal: „So geschehe dein Wille!"

Nach dieser Entscheidung fiel er wie tot zu Boden, von dem er sich halb aufgerichtet hatte. Wo waren jetzt seine Jünger, um liebevoll ihre Hände unter das Haupt des ohnmächtigen Erlösers zu legen, um jene Stirn zu netzen, die stärker zerfurcht war als bei den Menschen sonst? Der Heiland trat die Kelter allein, und niemand unter den Völkern war bei ihm. Jesaja 63:3.

Aber der Vater im Himmel litt mit seinem Sohn, und die Engel waren Zeugen seiner Qualen. Sie sahen ihren Herrn inmitten von Legionen satanischer Kräfte, niedergebeugt von schauderndem, geheimnisvollem Entsetzen. Im Himmel herrschte tiefe Stille; kein Harfenklang ertönte. Hätten Sterbliche die Bestürzung der Engelscharen wahrgenommen, als diese in stillem Schmerz beobachteten, wie der himmlische Vater seinem geliebten Sohn die Strahlen des Lichts, der Liebe und der Herrlichkeit entzog, dann würden sie besser verstehen, wie verhaßt in seinen Augen die Sünde ist.

Die nicht gefallenen Welten und die himmlischen Engel hatten mit größter Anteilnahme zugeschaut, wie der Kampf sich seinem Ende näherte. Auch Satan und seine Verbündeten, Legionen der Abtrünnigen, beobachteten aufmerksam diese Stunde der Entscheidung im ganzen Heilsgeschehen. Die Mächte des Guten und des Bösen hielten sich zurück, um zu sehen, wie die Antwort auf Jesu dreimalige Bitte lautete. Die Engel hatten sich danach gesehnt, dem göttlichen Dulder Hilfe zu bringen, aber das durfte nicht geschehen. Es gab kein Entrinnen für den Sohn Gottes. In dieser furchtbaren Krise, da alles auf dem Spiel stand, da der geheimnisvolle Kelch in den Händen Jesu zitterte, öffnete sich der Himmel, und ein Licht durchbrach das unruhige Dunkel dieser entscheidungsschweren Stunde; der Engelfürst, der anstelle des ausgestoßenen Satans in der Gegenwart Gottes seinen Platz hat, trat an Jesu Seite. Der Engel kam nicht, um Christus den Leidenskelch aus der Hand zu nehmen, sondern um ihn durch die Versicherung der Liebe des Vaters zu stärken, den Kelch zu trinken. Er kam, um dem göttlich-menschlichen Bittsteller Kraft zu spenden. Er zeigte ihm den offenen Himmel und sprach zu ihm von den Seelen, die durch sein Leiden gerettet würden. Er gab ihm die Gewißheit, daß sein Vater im Himmel größer und mächtiger ist als Satan, daß sein Tod die vernichtendste Niederlage Satans bedeutet und daß das Königreich dieser Welt den Heiligen des Allerhöchsten gegeben werden wird. Er sagte ihm, daß „er das Licht sehen und die Fülle haben" werde, „weil seine Seele sich abgemüht hat" (Jesaja 53:11), denn eine große Schar auf ewig Erlöster würde für ihn zeugen.

Christi Seelenschmerz hörte nicht auf; aber die Niedergeschlagenheit und Entmutigung verließen ihn. Der Sturm in seiner Seele hatte keineswegs nachgelassen; aber Christus, gegen den sein Wüten gerichtet war, fühlte sich gekräftigt, ihm zu widerstehen. Ruhig und gefaßt ging er aus dem Kampf hervor; himmlischer Friede ruhte auf seinem Angesicht. Er hatte erduldet, was kein menschliches Wesen jemals würde ertragen können; denn er hatte die Leiden des Todes für alle Menschen durchlebt.

Die schlafenden Jünger waren durch das helle Licht, das den Heiland umstrahlte, plötzlich aufgeweckt worden. Sie sahen den Engel sich über ihren hingestreckt liegenden Meister beugen, dessen Haupt gegen seine Brust lehnen und die Hand zum Himmel erheben. Sie hörten den wundersamen Wohllaut seiner Stimme, die Worte des Trostes und der Hoffnung sprach. Sie riefen sich das Geschehen auf dem Verklärungsberge ins Gedächtnis zurück, sie erinnerten sich der Herrlichkeit, die Jesus im Tempel zu Jerusalem umgeben hatte, und der Stimme Gottes, die aus der Wolke an ihr Ohr gedrungen war. Nun offenbarte sich ihnen hier die gleiche Herrlichkeit, und fortan fürchteten sie nichts mehr für ihren Meister. Sie wußten ihn jetzt unter der Fürsorge Gottes, der einen mächtigen Engel zum Schutze des Erlösers gesandt hatte. Doch wieder überlassen sich die Jünger in ihrer Müdigkeit jenem ungewöhnlichen Dämmerzustand, und Jesus findet sie abermals schlafend.

Traurig blickt er auf die Schlafenden und spricht zu ihnen: „Ach, wollt ihr nun schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, daß des Menschen Sohn in der Sünder Hände überantwortet wird."

Noch während er diese Worte sprach, hörte er die Schritte derer, die ihn suchten, und er fügte hinzu: „Stehet auf, laßt uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät." Matthäus 26:45,46.

Jesus zeigte keinerlei Spuren mehr des eben überstandenen inneren Ringens, als er dem Verräter entgegentrat. Allein vor seinen Jüngern stehend, sagte er: „Wen suchet ihr?" Sie antworteten: „Jesus von Nazareth." Da sprach Jesus zu ihnen: „Ich bin's!" Johannes 18:4,5. In diesem Augenblick trat der Engel, der Jesus kurz zuvor erst gedient hatte, zwischen ihn und die Schar der Häscher. Göttliches Licht erhellte Jesu Angesicht, und ein taubenähnlicher Schatten fiel auf seine Gestalt. Die Gegenwart dieser himmlischen Herrlichkeit konnten die Mordgesellen nicht ertragen; sie wichen zurück, und Priester, Älteste, Soldaten, selbst Judas, sanken wie tot zu Boden.

Der Engel zog sich zurück, und das Licht verblaßte. Jesus hatte die Möglichkeit zu fliehen, doch er blieb, gelassen und seiner selbst gewiß. Wie ein Verklärter stand er inmitten dieser hartgesottenen Schar, die jetzt niedergestreckt und hilflos zu seinen Füßen lag. Die Jünger blickten schweigend, scheu und verwundert auf das Geschehen vor ihren Augen.

Doch das Bild änderte sich schnell. Die Häscher sprangen auf; die römischen Soldaten, die Priester und Judas umringten Christus. Sie schienen sich ihrer Schwäche zu schämen und fürchteten, er würde ihnen entrinnen. Da wiederholte Jesus nochmals die Frage: „Wen suchet ihr?" Sie hatten zwar schon einen ausreichenden Beweis dafür erhalten, daß der, der vor ihnen stand, der Sohn Gottes war, aber sie wollten sich nicht überzeugen lassen. Auf die Frage: „Wen suchet ihr?" antworteten sie wiederum: „Jesus von Nazareth." Johannes 18:7. Der Heiland sagte darauf: „Ich habe es euch gesagt, daß ich's bin. Suchet ihr denn mich, so lasset diese gehen!" (Johannes 18:8) — und zeigte auf seine Jünger. Er kannte ihren schwachen Glauben und wünschte sie vor Versuchungen und Anfechtungen zu bewahren. Er war bereit, sich für sie zu opfern.

Judas, der Verräter, vergaß seine Absicht nicht. Als die Häscher den Garten betraten, hatte er sie angeführt, dicht gefolgt von dem Hohen Priester. Mit den Verfolgern Jesu hatte er ein Zeichen vereinbart und zu ihnen gesagt: „Welchen ich küssen werde, der ist's; den greifet." Matthäus 26:48. Jetzt tat er so, als habe er mit ihnen gar keine Verbindung. Er ging auf den Herrn zu, ergriff freundschaftlich seine Hand, küßte ihn wiederholt mit den Worten: „Gegrüßet seist du, Rabbi!" und gab den Anschein, als weine er aus Mitleid mit ihm in dessen gefahrvoller Lage.

Jesus sprach zu ihm: „Mein Freund, warum bist du gekommen?" Seine Stimme zitterte vor Wehmut, als er hinzufügte: „Judas, verrätst du des Menschen Sohn mit einem Kuß?" Matthäus 26:49,50; Lukas 22:48. Diese Worte hätten das Gewissen des Verräters wachrütteln und sein verstocktes Herz anrühren müssen, aber Ehre, Treue und menschliches Empfinden hatten ihn verlassen. Dreist und herausfordernd stand er da, und er ließ durch nichts erkennen, daß er bereit war, nachzugeben. Er hatte sich Satan verschrieben und war völlig unfähig, ihm zu widerstehen. Jesus aber wies nicht einmal den Kuß des Verräters zurück.

Der Pöbel wurde kühn, als er sah, daß Judas den berührte, der soeben vor ihren Augen verklärt worden war. Sie ergriffen den Heiland und begannen die teuren Hände, die nur Gutes getan hatten, zu fesseln.

Die Jünger hatten nicht gedacht, daß sich ihr Meister gefangennehmen ließe. Die gleiche Macht, die die Verfolger wie tot zu Boden gestreckt hatte, konnte diese doch so lange zur Hilflosigkeit verurteilen, bis sie und ihr Meister gerettet wären. Sie waren enttäuscht und aufgebracht, als sie die Stricke sahen, mit denen die Hände dessen gebunden werden sollten, den sie liebten. Petrus zog in seinem Zorn rasch sein Schwert und wollte seinen Meister verteidigen; er traf den Diener des Hohenpriesters und hieb ihm ein Ohr ab. Als Jesus sah, was geschehen war, befreite er seine Hände aus der Gewalt der römischen Soldaten, sagte: „Haltet ein! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn." Lukas 22:51.

Dann sagte er zu dem heftigen Petrus: „Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen. Oder meinst du, daß ich nicht könnte meinen Vater bitten, daß er mir zuschickte alsbald mehr als zwölf Legionen Engel?" (Matthäus 26:52,53) — für jeden Jünger eine Legion. Warum, dachten die Jünger, rettet er nicht sich und uns!? Da antwortete ihnen der Herr auf ihre unausgesprochene Frage: „Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, daß es muß also geschehen?" — „Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?" Matthäus 26:54; Johannes 18:11.

Ihre amtliche Würde hatte die jüdischen Obersten nicht davon abhalten können, sich der Verfolgung Jesu anzuschließen. Seine Gefangennahme war eine zu wichtige Angelegenheit, um sie ausschließlich ihren Untergebenen zu überlassen; sie hatten sich der Tempelwache und dem lärmenden Pöbel angeschlossen und waren Judas nach Gethsemane gefolgt. Welch eine Gesellschaft für jene Würdenträger! Eine wilde, ungeordnete Horde, die nach Sensationen hungerte und mit allerlei Werkzeugen bewaffnet war, als wollte sie einem wilden Tier nachstellen.

Christus wandte sich den Priestern und Ältesten zu und blickte sie durchdringend an. Die Worte, die er zu ihnen sprach, würden sie ihr Leben lang nicht vergessen. Sie wirkten wie scharfe Pfeile aus der Hand des Allmächtigen. Er sagte: Ihr seid ausgegangen wie zu einem Mörder mit Schwertern und mit Stangen, mich zu fangen. Ich bin täglich bei euch gewesen und habe im Tempel gelehrt, und ihr habt mich nicht gegriffen. Die Nacht eignet sich besser für euer Werk, jetzt ist eure Stunde und die Macht der Finsternis! Lukas 22:52,53; Markus 14:48,49.

Die Jünger waren sehr erschrocken, als sie sahen, daß Jesus sich seinen Feinden auslieferte. Sie ärgerten sich, daß er diese Demütigung über sich und über sie brachte; sie konnten sein Verhalten nicht verstehen und tadelten ihn, daß er sich dem Mob unterwarf. In ihrer Furcht und Entrüstung schlug Petrus vor, daß sie sich selbst retteten, und auf seine Eingebung hin „verließen ihn alle und flohen." Markus 14:50. Doch Jesus hatte ihre Flucht vorausgesehen. „Siehe", so hatte er gesagt, „es kommt die Stunde und ist schon gekommen, daß ihr zerstreut werdet, ein jeglicher in das Seine, und mich allein lasset. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir." Johannes 16:32.


[vorheriges Kapitel] [Inhaltsverzeichnis] [nächstes Kapitel]


 

Übersicht - Hauptseite

[ der große kosmische Konflikt ] [ inneren Frieden finden ]
[
Universalsystem der erzwungenen Anbetung ]
[
ist die Jungfrau Maria tot oder lebt sie? ]
[ bevor wir in den Himmel kommen ]

[
das Leben Jesu ]
 

Worum geht es denn im herkömmlichen Christentum?
 

Wie wird das denn weitergehen?
 

Es ist wohl kaum möglich die Böswilligkeit und das Übel in dieser Welt
zu erfassen ohne dieses Buch gelesen zu haben - download.:

von Babylon nach Rom

 

Wer weiß denn mit Gewißheit was das Malzeichen ist?
 

Empfohlene Links zum Englischen Bereich dieser Domäne
[
Cosmic Conflict]  [Universal System of forced Worship]  [Principles and Doctrines]
[the other Godhead] [Health Care without Prescription Drugs] [finding Peace within]
[godhead of Nicea[is the Virgin Mary dead or alive]  [invitation to Bible Studies]
[
High Points of the New Age] [Love & Passion of Christ] [New Age Adventures]
[is there Death after Life]
[Healthful Living] [early writings of  Ellen G. White]
[True Protestantism is dying because?]
[Truth and Spiritual Knowledge]
[
New Age Bible Versions ]
[ What happened 508 CE? ]
[ bibles with less about Jesus ] [ global power elite ]
 

Unterstützen Sie bitte diese Website

 



alles anbetung babylon biest botschaft braut daniel donner engel gerechtigkeit jerusalem jungfrau lebt lüge maria marienbewegung mensch merkmal neue niederlande papsttum prophezeiung sakramente satan siegel skandinavien spiritualismus stunde Tier tot tödliche sünde unsterblichkeit verheilt vollbringen warum wunde


[ wichtige Erkenntnisse für die Zeit in der wir leben ]

[ wehe dem, der mehr wissen will, als erlaubt ist ]

[ es verlangt Mut diese Dinge zu untersuchen ]

Was der Spatz mit der Spätzin macht     Max & Moritz
.