Freude am christlichen Leben


13. Kapitel

Freude im Herzen

Die Kinder Gottes sind zu Stellvertretern Christi berufen, um die Güte und Barmherzigkeit Gottes
ihren Mitmenschen vor Augen zu stellen. Wie Jesus uns den Charakter des Vaters offenbart hat, so sollen wir Christus der Welt offenbar machen, die noch nichts von seiner innigen, barmherzigen Liebe weiß. „Gleichwie du mich gesandt hast in die Welt," sagte Jesus, „so sende ich sie auch in die Welt." „Ich in ihnen, und du in mir, ... daß die Welt erkenne, daß du mich gesandt hast." (Joh. 17, 18. 23.)  Der Apostel Paulus spricht zu den Jüngern Jesu: „Die ihr offenbar geworden seid, daß ihr ein Brief Christi seid," „der erkannt und gelesen wird von allen Menschen." (2. Kor. 3, 3. 2.) In jedem seiner Kinder sendet Jesus der Welt einen Brief. Seid ihr Christi Nachfolger, so sendet er durch euch einen Brief an die Familie, die Stadt und die Straße, in der ihr lebt. Indem Jesus seinen Wohnsitz in euch aufgeschlagen, wünscht er sehnlichst durch euch mit denen zu reden, die ihn noch nicht kennen, die vielleicht die Bibel nicht lesen, die seine Stimme, die aus jeder Seite seines Wortes zu ihnen spricht, nicht hören, oder die Liebe Gottes, die aus seinem Wirken spricht, noch nicht vernehmen. Seid ihr jedoch wahre Jünger Jesu, so mögen sie vielleicht zum Verständnis seiner Güte geleitet und gewonnen werden, Gott zu lieben und ihm zu dienen.

Christen sind dazu bestimmt, Lichtträger auf dem Wege zum Himmel zu sein. Sie sollten einen Abglanz des Lichtes, welches sie von Jesus erhalten, auf die Welt fallen lassen. Ihr Leben und ihr Charakter sollten so beschaffen sein, daß durch sie andere ein rechtes Verständnis von Christus und seinem Dienste bekommen.

Sind wir wahre Nachfolger Christi, dann sollten wir unseren Gottesdienst so anziehend erscheinen lassen, wie er wirklich ist. Christen, die Traurigkeit und Betrübnis in ihren Herzen ansammeln, die murren und klagen, geben ihren Mitmenschen eine falsche Vorstellung von Gott und dem Leben in Christus. Sie erwecken den Eindruck, daß Gott seine Kinder nicht glücklich sehen will, und legen damit ein falsches Zeugnis von unseren himmlischen Vater ab.

Satan frohlockt, wenn er Gottes Kinder zum Unglauben und zur Verzweiflung verleiten kann. Es ist seine Freude, wenn wir Gott mißtrauen, oder an seiner Willigkeit und Macht, uns zu erlösen, zweifeln; es ist seine Lust, wenn wir meinen, Gott wolle uns durch seine väterliche Fürsorge Schaden zufügen. Es ist Satans Werk, uns Gott so vor Augen zu stellen, als habe er für uns kein Mitleid und kein Erbarmen. Er verdreht die Wahrheit in allem, was sich auf Gott bezieht; er erfüllt unsere Herzen mit falschen Vorstellungen von Gott. Anstatt daß wir die göttliche Wahrheit in uns aufnehmen, denken wir nur zu oft an die falschen Vorspiegelungen Satans und entehren Gott, indem wir ihm mißtrauen und gegen ihn murren. Satan versucht unser religiöses Leben zu einem Leben der Traurigkeit zu machen; er versucht es, uns dasselbe als voller Mühsale und Beschwerden hinzustellen. Wenn ein Christ dieser Religionsanschauung in seinem eigenen Leben huldigt, so unterstützt er durch diesen Unglauben den Betrug Satans.

Viele Menschen beschäftigen sich in ihrem Leben gern mit ihren Fehlern, Schwächen, Gebrechen und Enttäuschungen, und ihre Herzen werden mit Trauer und Entmutigung erfüllt. Während meines Verweilens in Europa schrieb eine Schwester, welche ein solches Leben führte, an mich und bat um einige Worte der Ermutigung. Nachts darauf, nachdem ich ihren Brief erhalten hatte, hatte ich einen Traum. Ich befand mich in einem Garten, und der Eigentümer desselben führte mich hindurch. Ich pflückte Blumen und ergötzte mich an ihrem Wohlgeruch, als die Schwester, welche mir den Brief geschrieben und welche an meiner Seite ging, meine Aufmerksamkeit auf häßliche Disteln lenkte, welche auf ihrem Weg standen. Da stand sie betrübt und klagte. Sie folgte nicht ihrem Führer auf dem richtigen Pfad, sondern wanderte umher unter Dornen und Disteln. „O," klagte sie, „ist es nicht traurig, daß dieser herrliche Garten so von dem Unkraut verunziert wird?" Doch ihr Begleiter antwortete: „Kümmere dich nicht um die Dornen, sie stechen und verwunden dich nur. Pflücke die Rosen, Lilien und Nelken." Habt ihr nicht auch in eurem Leben solche Erfahrungen gesammelt? Durchlebtet ihr nicht solch' köstliche Augenblicke, in denen eure Herzen dem Geiste Gottes freudig entgegenschlugen? Finden sich beim Rückblick auf eure Lebenserfahrungen nicht auch köstliche und herrliche Erinnerungen und Erfahrungen aufgezeichnet? Stehen nicht Gottes Verheißungen gleich den blühenden Blumen überall auf eurem Lebensweg? Wollt ihr nicht eure Herzen durch ihre Schönheit und Pracht mit Freude erfüllen lassen?

Die Dornen und Disteln werden euch nur verwunden und Schmerzen bereiten; und wenn ihr sie sammelt und anderen gebt, dann verachtet ihr nicht nur selbst Gottes Güte, sondern haltet auch andere von dem Pfad des Lebens fern.

Es ist nicht die beste Weisheit, nur der trüben und bitteren Erinnnerung der Vergangenheit zu gedenken, nur über die Ungerechtigkeiten und Enttäuschungen des Lebens nachzugrübeln, von denselben zu reden, über diese zu klagen, bis wir von Entmutigung übermannt werden. Eine verzagte Seele ist mit Finsternis erfüllt; sie schließt das Licht Gottes aus dem eigenen Herzen und wirft einen Schatten auf den Lebensweg anderer Menschen.

Danket unserem Goot für die hellen fröhlichen Bilder, die er uns vor Augen gestellt hat. Lasset uns die Segensverheißungen seiner Liebe so zusammenstellen, daß wir diese allezeit vor Augen haben. Der Sohn Gottes, der seines Vaters Thron verläßt, seine Gottheit mit der Menschheit bekleidend, damit er die Menschen von der Gewalt Satans erlösen könnte; sein Triumph, den er für uns errungen, indem er den Menschen den Himmel erschließt und uns einen Einblick in das Reich göttlicher Herrlichkeit tun läßt; das gefallene Menschengeschlecht, errettet von dem Verderben, in welches die Sünde es gebracht hat, wie es wiederhergestellt wird in Gemeinschaft mit Gott, wie es die göttliche Prüfung durch den Glauben an unseren Erlöser und Heiland bestanden, mit der Gerechtigkeit Christi bekleidet und zu seinem Thron erhöht wird, - dies sind Bilder, welche Gott uns vor Augen stellt, damit wir darüber nachdenken sollen.

Wenn wir Gottes Liebe bezweifeln oder seinen Verheißungen mißtrauen, dann entehren wir ihn und betrüben seinen Heiligen Geist. Welches würden die Gefühle einer Mutter sein, wenn ihre Kinder fortwährend über sie klagten, als meinte sie es nicht gut mit ihnen, wenn doch ihr ganzes Leben in dem Bestreben aufginge, die Interessen ihrer Kinder zu fördern, und sie mit allen Bequemlichkeiten zu umgeben? Angenommen, solche Kinder würden die Liebe der Mutter bezweifeln, würde dies nicht ihr Herz brechen? Wie würde irgendein Vater fühlen, würde er so von seinen Kindern behandelt? Was soll unser himmlischer Vater von uns denken, wenn wir seiner Liebe nicht vertrauen, die ihn bewog, seinen eingeborenen Sohn für uns in den Tod zu geben, damit wir das ewige Leben erlangen möchten? Der Apostel schreibt darüber: „Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben; wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?" (Röm. 8, 32.)  Und doch, wie viele sprechen, wenn auch nicht mit Worten, so doch durch ihre Handlungen: „Gott hat dies nicht für mich gemeint. Er liebt vielleicht andere, aber nicht mich."

Solche Gedanken sind ein Schaden für eure Seelen, denn jedes geäußerte Wort des Zweifels ist eine Einladung für Satans Versuchungen; es bestärkt in euch den Hang zum Zweifel und treibt die dienenden Engel von euch hinweg. Wenn Satan euch versucht, so äußert nicht ein Wort des Zweifels oder Unglaubens. Wenn ihr seinen Einflüsterungen Gehör schenkt, dann werden Mißtrauen und rebellische Gedanken in eure Herzen einziehen. Wenn eure Gefühle zum Ausdruck kommen, dann wird jeder Zweifel, den ihr aussprecht, nicht nur auf euch selbst zurückwirken, sondern als Samen auch in den Herzen anderer Wurzel schlagen und schädliche Früchte tragen; und es mag unmöglich sein, dem Einfluß eurer Worte entgegenzuarbeiten. Vielleicht könnt ihr von den Versuchungen wieder genesen und euch von dem Fallstrick Satans losmachen, andere aber, angesteckt von eurem bösen Einfluß, können vielleicht nicht von dem Unglauben loskommen, den eure Worte ihnen eingeflößt haben. Wie wichtig ist deshalb, daß wir nur von solchen Dingen reden, welche geistliche Stärke und Leben verleihen!

Engel hören zu um zu erfahren, welchen Bericht ihr der Welt von eurem himmlischen Meister gebt. Laßt eure Unterhaltungen von dem handeln, der euch vor dem Vater vertritt! Wenn ihr einem Freund die Hand zum Gruß reicht, dann laßt das Lob Gottes auf euren Lippen und in euren Herzen sein. Dies wird auch seine Gedanken auf Jesus lenken.

Alle haben Prüfungen, Schmerz und Trauer, welche schwer zu ertragen sind, Versuchungen, denen schwer zu widerstehen ist. Klagt eure Sorgen nicht euren Mitmenschen; sondern bringt sie im Gebet vor Gott. Macht es euch zur Regel nie ein Wort des Zweifels oder der Niedergeschlagenheit auszusprechen. Ihr könnt viel dazu beitragen, das Leben anderer zu erheitern, und sie in ihren Bestrebungen durch Worte der Hoffnung und heiliger Aufmunterung zu stärken.

Viele mutige Seelen werden oft und bitter von Versuchungen gepeinigt, sie sind nahe daran, im Kampf mit sich selbst und den Mächten Satans zu unterliegen. Entmutigt solche nicht in ihren schweren Kämpfen. Ermutigt sie mit Worten der Hoffnung und Stärke, die sie auf ihrem Weg anspornen. Wenn ihr so handelt, dann wird Chriti Licht von euch ausstrahlen; „denn unser keiner lebt sich selber." (Röm. 14, 7.)  Unser Einfluß, der unbewußt von uns ausgeht, wird entweder andere ermutigen und stärken, oder sie entmutigen und von Christus und seiner Wahrheit wegtreiben. Viele Menschen haben eine irrige Vorstellung von dem Leben und Charakter Christi. Sie meinen, daß demselben Wärme und Sonnenschein mangelte und daß Jesus ernst, streng und freudlos gewesen sei. In vielen Fällen erhält die ganze christliche Erfahrung durch so dunkle Bilder einen trüben Anstrich.

Man hört es oft, daß Jesus geweint habe, aber es ist nichts davon bekannt, daß er jemals gelächelt habe. Unser Heiland war wohl ein Mann der Schmerzen; Kummer und Betrübnis waren ihm nicht unbekannt, denn sein Herz stand dem Schmerz und den Sorgen aller offen. Aber obgleich sein Leben ein Leben der Selbstverleugnung und mit Schmerzen und Sorgen umschattet war, so konnten doch dieselben ihn nicht niederdrücken. Sein Antlitz trug nicht den Ausdruck von Gram und Verdruß, sondern war stets heiter und voller Frieden. Sein Herz war die tiefe Lebensquelle, und wohin er auch ging, brachte er Ruhe, Frieden, Freude und Wonne mit sich.

Das Leben unseres Heilandes atmete stets den tiefsten und heiligsten Ernst, niemals aber Melancholie oder trübe Laune. Das Leben derer, die ihn zum Vorbild nehmen, wird von heiligen und ernsten Vorsätzen erfüllt sein; sie werden ein tiefes Verständnis persönlicher Verantwortlichkeit haben. Der Leichtsinn wird schwinden; es ist keine Rede mehr von lärmenden Vergnügungen und Freuden, keine rohen, ungeziemenden Scherze kommen mehr über ihre Lippen. Die Religion Jesu Christi verleiht dem Leben Frieden gleich einem Wasserstrom. Sie löscht das Licht der Freude nicht aus, sie unterdrückt nicht Frohsinn und Heiterkeit, sie verdunkelt nicht das sonnige Lächeln auf den Gesichtern. Christus kam nicht in die Welt, daß er sich dienen lasse, sondern vielmehr, daß er diene; und wenn seine Liebe in unseren Herzen regiert, werden wir seinem Beispiel folgen.

Solange wir nur immer an die lieblosen, ungerechten Handlungen unserer Mitmenschen gegen uns denken, werden wir es auch unmöglich finden, sie so zu lieben, wie Christus uns geliebt hat. Wenn aber die wunderbare Liebe und Barmherzigkeit Christi in unseren Herzen wohnt, dann wird sich derselbe Geist auch über andere ergießen. Wir sollten einander lieben und achten, ungeachtet der Fehler und UnvolIkommenheiten, die wir nicht übersehen können. Demut und Mißtrauen in unsere eigene Kraft sowie geduldiges Tragen der Schwächen anderer sollten gepflegt werden. Dies wird alle engherzige Selbstsucht töten, und uns edelmütig und großherzig machen.

Der Psalmist singt: „Hoffe auf den Herrn und tue Gutes; so wirst du im Lande wohnen und sollst wahrlich gespeist werden." (Ps. 37, 3. Englische Übersetzung) Gott Vertrauen! Jeder Tag hat seine Lasten, Sorgen und Schwierigkeiten; und wie leicht sind wir dann bereit, über dieselben zu reden! Wie viele sogenannte geborgte Sorgen drängen sich ein; wie viel und unnötige Furcht überkommt uns, wie oft erdrückt uns die Last und Bürde unserer Sorgen, daß man meinen sollte, wir hätten keinen barmherzigen, liebevollen Heiland, der stets bereit ist, unsere Bitten zu hören und uns zu jeglicher Zeit, in jeder Not hilfreich beizustehen.

Es gibt Menschen, die in steter Furcht leben und nach Sorgen haschen. Jeden Tag haben sie handgreifliche Beweise der Liebe Gottes, erfreuen sich der Gnadengeschenke seiner väterlichen Fürsorge, aber sie übersehen alle diese Segnungen. Ihre Gedanken verweilen stets bei unangenehmen Dingen, deren Kommen sie befürchten. Und mögen auch wirklich Schwierigkeiten vorhanden sein, so machen diese, obgleich an und für sich klein, sie blind gegen die vielen Dinge, für welche sie dankbar sein sollten. Anstatt daß solche Schwierigkeiten im Leben sie zu Gott treiben, der einzigen Quelle ihrer Hilfe, lassen sie sich dadurch von Gott trennen, weil sie Unruhe und Murren in ihren Herzen wachrufen.

Es ist nicht gut mit solchem Unglauben dahinzuleben.  Weshalb sollten wir so undankbar und mißtrauisch sein? Jesus ist unser Freund; der ganze Himmel nimmt ein Interesse an unserem Wohlergehen. Wir sollten nicht zulassen, daß die Lasten und Beschwerden des täglichen Lebens unser Gemüt beunruhigen und unsere Stirn verdüstern. Lassen wir es zu, so werden wir stets etwas finden, das uns peinigt und quält. Wir sollten nicht die Einsamkeit aufsuchen, die uns nur aufreibt und unser Leben verzehrt, uns aber nicht hilft, unsere Bürden zu tragen.

Geschäftsschwierigkeiten mögen über euch kommen, die Zukunft mag trübe und dunkel vor euch liegen, Verluste mögen euch bedrohen, - werdet deshalb nicht mutlos; werft eure Sorgen auf Gott, bleibt ruhigen und gelassenen Herzens. Betet um Weisheit und Verstand, eure Geschäfte in rechter Weise abzuwickeln, um dadurch Verlust und Schaden fern zu halten. Tut, was in euren Kräften steht, um günstige Ergebnisse zu erzielen. Jesus hat euch seinen Beistand verheißen, aber nur dann, wenn ihr selbst euren Teil tut. Wenn ihr, euch auf euren himmlischen Helfer verlassend, alles getan habt, was ihr tun konntet, dann dürft ihr der Zukunft ruhig ins Auge sehen.

Es ist nicht die Absicht und der Wille Gottes, daß seine Kinder mit Sorgen beladen dahinwandeln. Aber unser Herr täuscht uns auch nicht. Er sagt uns nicht: „Fürchtet euch nicht; auf euren Lebenswegen gibt es keine Gefahren." Er weiß, daß Prüfungen und Gefahren vorhanden sind, und er handelt mit uns demgemäß. Es liegt nicht in seiner Absicht, uns aus einer Welt von Sünde und Übel zu entrücken, aber er weist hin auf die Hilfe, die uns nie im Stich läßt. Er betet für seine Jünger: „Ich bitte nicht, daß du sie von der Welt nehmest, sondern daß du sie bewahrest vor dem Übel." (Joh. 17, 15.) „In der Welt," spricht er, „habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." (Joh. 16, 33.)

In seiner Bergpredigt unterwies Christus seine Jünger in gar köstlichen Lehren über die Notwendigkeit, auf Gott allein zu vertrauen. Diese Lehren waren dazu bestimmt, die Kinder Gottes aller Zeiten zu ermutigen, und sie sind auch uns gegeben zur Lehre und zum Trost. Der Heiland weist seine Nachfolger auf die Vöglein unter dem Himmel hin, die ohne Sorgen ihre Loblieder erschallen lassen, denn „sie säen nicht, sie ernten nicht; und doch sorgt der große Vater im Himmel für alle ihre Bedürfnisse. Der Heiland fragt uns: „Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?" (Matth. 6, 26.)  Der allmächtige Versorger der Menschen und Tiere öffnet seine Hand und sorgt für alle seine Geschöpfe. Er läßt die Vögel unter dem Himmel nicht unbeachtet; er legt ihnen ihre Nahrung zwar nicht in ihre Schnäbel, aber er sorgt für ihre Bedürfnisse. Sie müssen die Körner selbst sammeln, die er für sie ausstreut, sie müssen das Material suchen, um ihre Nestlein zu bauen, sie müssen ihre Jungen füttern. Sie gehen mit einem Lobgesang an ihre Arbeit, denn „euer himmlischer Vater nährt sie" ja. „Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?" Seid ihr als vernünftige Wesen denn nicht von größerem Wert als die Vögel des Himmels? Will nicht der Schöpfer unseres Daseins ‚ der Erhalter unseres Lebens, der uns nach seinem Bild geschaffen hat, auch für unsere Bedürfnisse sorgen, wenn wir ihm vertrauen?

Christus wies seine Jünger auf die Blumen des Feldes hin, die in reicher Mannigfaltigkeit, in ihrer einfachen Schönheit, die ihnen der himmlische Vater als einen Ausdruck seiner Liebe zu uns Menschen gegeben hat, wachsen und blühen. Er sprach: „Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen." (Matth. 6, 28.)  Die Schönheit und Einfachheit dieser natürlichen Blumen übertreffen weit die Pracht und Herrlichkeit Salomos. Das kostbarste Gewand, welches menschliche Kunst und Geschicklichkeit zu schaffen imstande sind, hält keinen Vergleich aus mit der natürlichen Anmut und der strahlenden Schönheit der Blumen, die Gott geschaffen hat. Jesus fragt: „So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute stehet und morgen in den Ofen geworfen wird; sollte er das nicht vielmehr euch tun, o ihr Kleingläubigen?" (Matth. 6, 30.)  Wenn Gott, der göttliche Künstler, den einfachen Blumen, die doch in einem Tag verwelken, ihre zarten und mannigfachen Farben verleiht, wie viel größere Sorge wird er nicht um die tragen, die er nach seinem Bilde geschaffen hat? Diese Lehre Christi ist ein Tadel für die ängstlichen Gedanken, die Sorgen und den Zweifel der ungläubigen Herzen.

Der Schöpfer möchte gern alle seine Söhne und Töchter glücklich, friedevoll und gehorsam sehen. Jesus sagt: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. ... Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht." (Joh. 14, 27.)  Und an anderer Stelle spricht er: „Solches rede ich zu euch, auf daß meine Freude in euch bleibe, und eure Freude vollkommen werde." (Joh. 15, 11.)

Ein Glück, das wir aus selbstsüchtigen Beweggründen zu erjagen suchen, das nicht auf dem Pfade der Pflicht liegt, ist unbeständig, mit Zufällen behaftet und vergänglich; es schwindet bald und erfüllt die Seele mit Einsamkeit und Schmerz. Im Dienste Gottes aber ist Freude und volle Genüge; ein Christ wandelt nicht auf ungewissen Pfaden, er ist nicht eitlem Gram, Kummer und Enttäuschungen unterworfen. Wenn wir auch die Freuden und Vergnügungen dieses Lebens nicht genießen, so dürfen wir doch freudig und getrost in das jenseitige, ewige Leben blicken.

Jedoch auch hier auf Erden schon darf sich ein Christ in der Gemeinschaft mit Christus ergötzen; er darf das Licht seiner Liebe erblicken und den unaufhörlichen Trost seiner Gegenwart genießen. Jeder Schritt im Leben bringt uns in engere Gemeinschaft mit Jesus, gibt uns eine tiefere Erfahrung in seiner Liebe und bringt uns immer näher zu der herrlichen Heimat des Friedens. Darum laßt uns unser Gottvertrauen nicht wegwerfen, sondern vielmehr ein festeres Vertrauen haben, als je zuvor. „Bis hierher hat uns der Herr geholfen"(1. Sam . 7, 12), – und er wird uns auch
bis ans Ende helfen. Lasset uns auf die Gedenksäulen schauen als Beweise von dem, was der Herr für uns getan hat, um uns zu trösten und aus der Hand des Widersachers zu erretten. Lasset uns stets eingedenk sein der vielen Gnadenbeweise, mit denen Gott uns überhäuft hat, der Tränen, die er getrocknet, der Schmerzen, die er gestillt hat, eingedenk der Schwierigkeiten, die er gelöst, der Furcht, die er verscheucht, der Bedürfnisse, für die er gesorgt, der Segnungen, die er über uns ausgeschüttet hat. Lasset uns öffnen, um den Kindern Gottes Eintritt zu gewähren, und von den Lippen des Königs der Herrlichkeit wird wie die schönste Musik die Stimme an ihre Ohren erschallen: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt." (Matth. 25, 34.)

Dann werden die Erlösten in der Heimat, welche Jesus für sie bereitet, willkommen geheißen werden. Ihre Genossen werden dann andere sein als auf der sündigen Erde; sie werden dann nicht verkehren mit Lügnern und Götzendienern, mit Unreinen und Ungläubigen, sondern sie werden Umgang pflegen mit denen, welche Satan und Sünde überwunden haben, und durch die göttliche Gnade zur Vollkommenheit hindurchgedrungen sind. Jede Neigung zur Sünde, jede Unvollkommenheit, welche auf Erden an ihnen klebte, ist durch das Blut Christi hinweggewaschen, und der Glanz seiner Herrlichkeit, der bei weitem den Glanz der Sonne übertrifft, wird ihnen zuteil. Die Schönheit und Vollkommenheit des Charakters Christi, von viel größerem Wert und größerer Bedeutung als all der äußere Glanz, wird aus ihnen leuchten. Als sündlose Wesen umstehen sie den großen, weißen Thron und haben teil an der Herrlichkeit und den Vorrechten der Engel.

Im Hinblick auf dieses glorreiche Erbteil, das seiner wartet, „was kann der Mensch geben, damit er seine Seele wieder löse?" (Matth. 16,26) Mag er auch arm sein, er besitzt einen Reichtum und eine Würde, welche die Welt ihm nicht geben kann. Die erlöste und von Sünden gereinigte Seele, mit allen ihren edlen Kräften dem Dienste Gottes geweiht, ist von unübertrefflichem Wert. Freude herrscht im Himmel in der Gegenwart Gottesund seiner heiligen Engel über eine erlöste Seele, eineFreude, die in Gesängen und lieblichen Triumphliedern ihren Widerhall findet.


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