Ein Werk der Erneuerung


26. Kapitel

Die Bibel ist ein Schatzhaus voller kostbarer Wahrheiten. Wir können nur dankbar sein, daß wir sie studieren dürfen. In diesem Kapitel lernen Sie einen Teil von Gottes Plan kennen. Er will lang vergessene Wahrheiten erneuern, um seinem Volk zu helfen, für das wunderbare, ewige Heim bereit zu werden.
 

Erneuerte Grundlagen

Das Werk der Sabbatreform, welches in den letzten Tagen vollbracht werden soll, wird in der Weissagung Jesajas vorhergesagt: „So spricht der Herr: Haltet das Recht und tut Gerechtigkeit; denn mein Heil ist nahe, daß es komme, und meine Gerechtigkeit, daß sie offenbart werde. Wohl dem Menschen, der solches tut, und dem Menschenkind, der es festhält, daß er den Sabbat halte und nicht entheilige und halte seine Hand, daß er kein Arges tue!" „Und die Fremden, die sich zum Herrn getan haben, daß sie ihm dienen und seinen Namen lieben, auf daß sie seine Knechte seien, ein jeglicher, der den Sabbat hält, daß er ihn nicht entweihe, und meinen Bund festhält, die will ich zu meinem heiligen Berge bringen und will sie erfreuen in meinem Bethause." (Jes. 56, 1. 2. 6. 7.)

Diese Worte beziehen sich auf das christliche Zeitalter, wie durch den Zusammenhang gezeigt wird: „Der Herr Herr, der die Verstoßenen aus Israel sammelt, spricht: Ich will noch mehr zu dem Haufen, die versammelt sind, sammeln." (Jes. 56, 8.) Hier wird die Versammlung der Heiden durch das Evangelium dargestellt. Und über die, welche dann den Sabbat ehren, ist ein Segen ausgesprochen. Auf diese Weise erstreckt sich die Verbindlichkeit des vierten Gebots weit über die Kreuzigung, die Auferstehung und die Himmelfahrt Christi hinaus, bis auf die Zeit, da seine Knechte allen Völkern die frohe Kunde predigen sollen.

Der Herr befiehlt durch denselben Propheten: „Binde zu das Zeugnis, versiegle das Gesetz meinen Jüngern." (Jes. 8, 16.) Das Siegel des Gesetzes Gottes wird im vierten Gebot gefunden. Dieses allein von allen zehn zeigt sowohl den Namen als auch den Titel des Gesetzgebers an. Es erklärt Gott als den Schöpfer des Himmels und der Erde und rechtfertigt auf diese Weise seinen Anspruch auf Verehrung und Anbetung vor allen anderen. Außer dieser Vorschrift ist nichts in den Zehn Geboten, das anzeigt, durch wessen Autorität das Gesetz gegeben wurde. Als die päpstliche Macht den Sabbat veränderte, wurde das Gesetz des Siegels beraubt. Die Nachfolger Jesu sind berufen, es wieder herzustellen, indem sie den Sabbat des vierten Gebots zu seiner rechtmäßigen Stellung als Gedächtnistag des Schöpfers und Zeichen seiner Autorität erheben.

„Nach dem Gesetz und Zeugnis." Während widerstreitende Lehren und Theorien im Überfluß vorhanden sind, ist das Gesetz Gottes die einzige untrügliche Richtschnur, nach welcher alle Meinungen, Lehren und Theorien geprüft werden sollen. So sagt der Prophet: „Werden sie das nicht sagen, so werden sie die Morgenröte [d. h. das Licht der Wahrheit] nicht haben." (Jes. 8, 20.)
Wiederum wird das Gebot gegeben: „Rufe getrost, schone nicht, erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk ihr Übertreten und dem Hause Jakob ihre Sünden." Es ist nicht die gottlose Welt, sondern es sind jene, die der Herr als „mein Volk" bezeichnet, die um ihrer Übertretungen willen zurechtgewiesen werden sollen. Er sagt weiter: „Sie suchen mich täglich und wollen meine Wege wissen wie ein Volk, das Gerechtigkeit schon getan und das Recht ihres Gottes nicht verlassen hätte." (Jes. 58, 1. 2.) Hier werden uns Menschen gezeigt, die sich gerecht dünken und großen Eifer für Gottes Sache an den Tag zu legen scheinen; aber der ernste und feierliche Tadel dessen, der die Herzen erforscht, beweist, daß sie die göttlichen Vorschriften mit Füßen treten.

Der Prophet bezeichnet die unbeachtet gelassene Verordnung wie folgt: „Und soll durch dich gebaut werden, was lange wüst gelegen ist; und wirst Grund legen, der für und für bleibe; und sollst heißen: Der die Lücken verzäunt und die Wege bessert, daß man da wohnen möge. So du deinen Fuß von dem Sabbat kehrst, daß du nicht tust, was dir gefällt an meinem heiligen Tage, und den Sabbat eine Lust heißest und den Tag, der dem Herrn heilig ist, ehrest, so du ihn also ehrest, daß du nicht tust deine Wege, noch darin erfunden werde, was die gefällt, oder leeres Geschwätz: alsdann wirst du Lust haben am Herrn." (Jes. 58,12.13.) Diese Weissagung bezieht sich ebenfalls auf unsere Zeit. Die Lücke wurde in das Gesetz Gottes gemacht, als der Sabbat von der römischen Macht verändert wurde. Aber die Zeit ist gekommen, da jene göttliche Einrichtung wieder hergestellt werden soll. Die Lücke soll verzäunt und Grund gelegt werden, der für und für bleibe.

Diesen durch des Schöpfers Ruhe und Segen geheiligten Sabbat feierte Adam in seiner Unschuld im Garten Eden und auch, als er, gefallen aber reumütig, aus seiner glücklichen Heimat vertrieben war. Alle Patriarchen von Abel bis auf den gerechten Noah, Abraham und Jakob beobachteten ihn. Als das auserwählte Volk in der Knechtschaft in Ägypten war, verloren viele unter der herrschenden Abgötterei ihre Kenntnis des göttlichen Gesetzes; aber als der Herr Israel erlöste, verkündigte er der versammelten Menge unter feierlicher Machtentfaltung sein Gesetz, damit alle seinen Willen wissen, ihn fürchten und ihm auf ewig gehorchen möchten.
Von jenem Tage bis auf den heutigen ist die Kenntnis des göttlichen Gesetzes auf Erden bewahrt und der Sabbat des vierten Gebots beachtet worden. Und obgleich es dem „Menschen der Sünde" gelang, Gottes heiligen Tag mit Füßen zu treten, so waren doch, selbst in der Zeit der päpstlichen Oberherrschaft an geheimen Orten treue Seelen, die den Sabbat ehrten. Seit der Reformation hat es stets Seelen gegeben, die ihn feierten. Wenngleich oft unter Schmach und Verfolgung wurde doch ein ununterbrochenes Zeugnis abgelegt für die Fortdauer des Gesetzes Gottes und der feierlichen

Verpflichtung gegen den Sabbat der Schöpfung.
Diese Wahrheiten, wie sie Offenbarung 14 im Zusammenhang mit dem „ewigen Evangelium" vorführt, werden die Gemeinde Christi zur Zeit seines Erscheinens kennzeichnen. Denn als die Folge der dreifachen Botschaft heißt es: „Hier sind, die da halten die Gebote Gottes und den Glauben an Jesum." Und diese Botschaft ist die letzte, welche vor der Wiederkunft des Herrn verkündigt werden soll. Unmittelbar nach ihrer Verkündigung sieht der Prophet des Menschen Sohn kommen in Herrlichkeit, um die Ernte der Erde einzuheimsen.

Alle, welche das Licht betreffs des Heiligtums und der Unveränderlichkeit des göttlichen Gesetzes annahmen, wurden mit Freude und Staunen erfüllt, als sie die Schönheit und die Übereinstimmung der Wahrheiten erkannten, welche sich ihrem Verständnis erschlossen. Sie wünschten, daß das Licht, welches ihnen so köstlich schien, allen Christen zuteil werde, und sie glaubten zuversichtlich, daß sie es mit Freuden annehmen würden. Aber Wahrheiten, die sie in Widerspruch mit der Welt brachten, waren vielen vorgeblichen Nachfolgern Christi nicht willkommen. Der Gehorsam gegen das vierte Gebot forderte ein Opfer, vor dem die große Menge zurückschreckte.

Als die Ansprüche des Sabbats vorgebracht wurden, urteilten viele nach weltlichem Ermessen und sagten: „Wir haben immer den Sonntag gehalten, unsere Väter hielten ihn, und viele gute und fromme Leute sind selig gestorben, obgleich sie Sonntag feierten. Die Feier dieses neuen Sabbats würde uns in Widerspruch mit der Welt bringen, und wir würden keinen Einfluß auf sie ausüben. Was vermag ein kleines Häuflein, welches den siebenten Tag hält, gegen die ganze Welt, die den Sonntag feiert?" Durch ähnliche Schlußfolgerungen versuchten die Juden ihre Verwerfung Christi zu rechtfertigen. Ihre Väter waren von Gott angenommen worden, da sie die Opfer darbrachten, und warum konnten nicht die Kinder Heil finden, indem sie denselben Weg verfolgten? Auf gleiche Weise beruhigten viele Menschen zur Zeit Luthers ihr Gewissen, daß treue Christen im katholischen Glauben gestorben seien, und daß deshalb diese Religion zur Seligkeit genüge. Dergleichen Behauptungen ließen sich als ein wirksames Hindernis gegen jeglichen Fortschritt in Glaubenssachen und Gewohnheiten aufstellen.

Viele schoben vor, daß die Sonntagsfeier eine fest begründete Lehre und ein seit vielen Jahrhunderten weitverbreiteter Brauch der Kirche gewesen sei. Es ließ sich jedoch beweisen, daß der Sabbat und seine Feier weit älter, ja sogar ebenso alt wie die Welt selber sei und die Bestätigung Gottes und der Engel habe. Als der Erde Grund gelegt wurde, die Morgensterne miteinander sangen und alle Kinder Gottes vor Freuden jauchzten, da wurde auch die Grundlage des Sabbats gelegt. (Hiob 38, 6. 7; 1. Mose 2, 1-3.) Wohl mag diese Einrichtung unsere Ehrfurcht erheischen: sie wurde von keiner menschlichen Autorität eingesetzt und beruht nicht auf menschlichen Überlieferungen; sie wurde von „dem alten Gott" gegründet und durch sein ewiges Wort geboten.

Als die Aufmerksamkeit des Volkes auf die Sabbatreform gelenkt wurde, verdrehten beim Volke beliebte Prediger das Wort Gottes und legten sein Zeugnis so aus, wie man am besten die fragenden Gemüter beruhigen konnte. Wer die Heilige Schrift nicht für sich selbst forschte, gab sich mit Ansichten zufrieden, die mit seinen Wünschen übereinstimmten. Durch Behauptungen, Spitzfindigkeiten, Überlieferungen der Väter und die Autorität der Kirche versuchten viele, die Wahrheit zu verwerfen. Ihre Verteidiger wurden zu ihren Bibeln getrieben, um die Gültigkeit des vierten Gebots zu beweisen. Demütige, allein mit dem Worte Gottes ausgerüstete Männer widerstanden den Angriffen der Gelehrten, welche erstaunt und zornig erkannten, daß ihre beredten Spitzfindigkeiten machtlos waren gegenüber der einfachen, getreuen Darstellungsweise von Männern, die in der Schrift mehr als in der Schulweisheit unterrichtet waren.

In Ermangelung günstiger biblischer Belege machten viele, die vergaßen, daß dieselben Einwände gegen Christum und seine Jünger vorgebracht worden waren, mit unermüdlicher Beharrlichkeit geltend: „Warum verstehen unsere Großen diese Sabbatfrage nicht? Nur wenige glauben ihr. Es kann nicht sein, daß ihr recht habt, und alle Gelehrten der Welt unrecht haben."

Um solche Beweisgründe zu widerlegen, war es nur erforderlich, die Lehren der Heiligen Schrift anzuführen und darauf zu verweisen, wie der Herr mit seinem Volk in allen Zeitaltern verfahren hat. Gott wirkt durch die, welche seine Stimme hören, ihr gehorchen, nötigenfalls unangenehme Wahrheiten aussprechen und sich nicht fürchten, volkstümliche Sünden zu rügen. Gott bedient sich nicht oft gelehrter und hochgestellter Männer zur Leitung in Reformbewegungen, weil diese auf ihre Glaubensbekenntnisse, Theorien und theologischen Lehrgebäude vertrauen und nicht das Bedürfnis fühlen, von Gott gelehrt zu werden. Nur wer eine persönliche Verbindung mit der Quelle der Weisheit hat, kann die Schrift verstehen oder auslegen. Manchmal werden Männer von geringer Schulbildung berufen, die Wahrheit zu verkündigen, nicht etwa weil sie ungelehrt sind, sondern weil sie nicht zu dünkelhaft sind, um sich von Gott belehren zu lassen. Sie lernen in der Schule Christi, und ihre Demut und ihr Gehorsam machen sie groß. Indem Gott ihnen die Kenntnis seiner Wahrheit anvertraut, erweist er ihnen eine Ehre, der gegenüber irdische Ehre und menschliche Größe in Nichts versinkt.

Die Mehrzahl der Adventisten verwarf die Wahrheiten betreffs des Heiligtums und des göttlichen Gesetzes, und viele ließen auch ihr Vertrauen in die Adventbewegung fahren und nahmen irrige und sich widersprechende Ansichten über die Weissagungen an, die sich auf dies Werk bezogen. Einige verfielen in den Irrtum, wiederholt eine bestimmte Zeit für die Zukunft Christi festzusetzen. Das Licht, welches nun über den Gegenstand des Heiligtums schien, hätte ihnen zeigen können, daß keine prophetische Zeitperiode bis zur Wiederkunft reicht, und daß die genaue Zeit dieses Ereignisses nicht angegeben ist. Doch indem sie sich von dem Licht abwandten, fuhren sie fort, wieder und wieder die Zeit festzusetzen, wann der Herr kommen sollte, und wurden ebenso oft enttäuscht.

Als die Gemeinde zu Thessalonich irrige Ansichten von Christi Wiederkunft annahm, gab der Apostel Paulus ihr den Rat, ihre Hoffnungen und Erwartungen vorsichtig nach dem Worte Gottes zu prüfen. Er verwies sie auf die Weissagungen, welche die Ereignisse offenbarten, die vor der Wiederkunft Christi stattfinden sollten, und zeigte, daß sie keinen Grund hatte, den Heiland in ihren Tagen zu erwarten. „Lasset euch niemand verführen, in keinerlei Weise!" (2. Thess. 2, 3) lauteten seine warnenden Worte. Würde sie aber Erwartungen hegen, wozu die Schrift nicht berechtigt, so würde sie zu verkehrten Handlungsweisen angeleitet werden, Enttäuschung würde sie dem Spott der Ungläubigen aussetzen; sie würde Gefahr laufen, entmutigt und versucht zu werden, die zu ihrem Seelenheil wesentlichen Wahrheiten zu bezweifeln. Des Apostels Ermahnung an die Thessalonicher enthält eine wichtige Lehre für die, welche in den letzten Tagen leben. Viele Adventisten glauben, nicht eifrig und fleißig in dem Werk der Vorbereitung sein zu können, wenn sie ihren Glauben nicht auf eine bestimmte Zeit für die Wiederkunft des Herrn richten. Wenn aber ihre Hoffnung immer wieder erregt wird, nur um vernichtet zu werden, dann erhält ihr Glaube dadurch eine solche Erschütterung, daß es beinahe unmöglich ist, daß die großen Wahrheiten der Weissagungen Eindruck machen.

Die Verkündigung einer bestimmten Zeit für das Gericht durch die Verbreitung der ersten Engelsbotschaft geschah auf Gottes Befehl. Die Berechnung der prophetischen Perioden, welche die Grundlage jener Botschaft war und den Ablauf der 2300 Tage in den Herbst des Jahres 1844 festsetzte, steht unbestritten da. Wiederholte Versuche, neue Daten für den Anfang und das Ende der prophetischen Zeitangaben zu finden, und unbegründete Behauptungen, die notwendig werden, um den eingenommenen Standpunkt zu verteidigen, leiten die Gedanken nicht nur von der gegenwärtigen Wahrheit ab, sondern häufen auch Verachtung auf jeglichen Versuch, die Weissagungen zu erklären. Je häufiger eine bestimmte Zeit für die Wiederkunft festgesetzt und je weiter sie verbreitet wird, desto besser paßt es den Zwecken Satans. Ist dann die Zeit verstrichen, so erregt er Spott und Hohn über ihre Vertreter und bringt dadurch Schmach auf die große Adventbewegung von 1843 und 1844. Die in diesem Irrtum beharren, werden schließlich eine zu weit in die Zukunft greifende Zeit für die Wiederkunft Christi festsetzen. Sie werden in einer falschen Sicherheit ruhen, und viele werden erst aufgeklärt werden, wenn es zu spät ist.

Die Geschichte Israels vor alters ist eine treffliche Veranschaulichung der vergangenen Erfahrung der Adventisten. Gott leitete sein Volk in der Adventbewegung, gleichwie er die Kinder Israel bei ihrem Auszug aus Ägypten führte. In der großen Enttäuschung wurde ihr Glaube geprüft wie jener der Hebräer am Roten Meer. Hätten sie immer der leitenden Hand vertraut, die in ihrer vergangenen Erfahrung mit ihnen gewesen war, so würden sie das Heil Gottes gesehen haben. Wenn alle, die in der Bewegung des Jahres 1844 vereint arbeiteten, die dritte Engelsbotschaft angenommen und sie in der Kraft des Heiligen Geistes verkündigt hätten, so würde der Herr mächtig durch ihre Bemühungen gewirkt haben. Eine Flut von Licht hätte sich über die Welt ergossen, die Bewohner der Erde wären schon vor Jahren gewarnt, das Schlußwerk vollendet worden und Christus wäre zur Erlösung seines Volkes gekommen.

Es lag nicht in dem Willen Gottes, daß Israel vierzig Jahre in der Wüste umherziehen sollte; er wollte sie direkt in das Land Kanaan führen und sie dort als ein heiliges und glückliches Volk pflanzen. Aber „wir sehen, daß sie nicht haben können hineinkommen um des Unglaubens willen." (Hebr. 3, 19.) Infolge ihres beständigen Abfalls kamen sie in der Wüste um, und andere wurden erweckt, um in das gelobte Land einzuziehen. Gleicherweise war es nicht der Wille Gottes, daß die Wiederkunft Christi solange verzogen werden und sein Volk so viele Jahre in dieser Sünden Und Sorgen beladenen Welt verweilen sollte. Aber der Unglaube trennte die Menschen von Gott. Als sie sich weigerten, das Werk zu verrichten, das er ihnen angewiesen hatte, wurden andere berufen, die Botschaft zu verkündigen. Aus Barmherzigkeit gegen die Welt verzieht Christus sein Kommen, auf daß den Sündern Gelegenheit geboten werde, die Warnung zu vernehmen und in ihm Zuflucht zu finden vor dem Zorn Gottes, der ausgegossen werden soll.

Heute wie ehemals erregt die Verkündigung einer Wahrheit, welche die Sünden und Irrtümer der Zeit rügt, Widerstand. „Wer Arges tut, der hasset das Licht und kommt nicht an das Licht, auf daß seine Werke nicht gestraft werden." (Joh. 3, 20.) Wenn Menschen sehen, daß sie ihre Stellung nicht durch die Heilige Schrift begründen können, entschließen sich viele, ihren Standpunkt auf alle Fälle zu verteidigen und greifen mit boshaftem Geist den Charakter und die Beweggründe derer an, die zur Verteidigung unvolkstümlicher Wahrheiten auftreten. Dieselbe Verfahrensweise ist in allen Zeiten verfolgt worden. Elia wurde angeschuldigt, daß er Israel verwirre; Jeremia, daß er es verrate; Paulus, daß er den Tempel schände. Von jener Zeit bis auf den heutigen Tag sind die, welche der Wahrheit treu bleiben wollten, als Empörer, Ketzer und Abtrünnige hingestellt worden. Die vielen, welche zu ungläubig sind, das feste prophetische Wort anzunehmen, werden mit einer Leichtgläubigkeit, die keinen Zweifel zuläßt, den Anklagen gegen die, welche es wagen, volkstümliche Sünden zu rügen, Glauben schenken. Dieser Geist wird beständig zunehmen. Und die Bibel lehrt deutlich, daß sich eine Zeit naht, in der die Gesetze des Staates dermaßen mit den Gesetzen Gottes in Widerspruch treten werden, daß jeder, der alle göttlichen Vorschriften halten will, Schmach und Strafe wie ein Übeltäter erleiden muß.

Was ist in Anbetracht von alledem die Pflicht des Boten der Wahrheit? Soll er annehmen, daß die Wahrheit nicht vorgetragen werden darf, da ihre einzige Wirkung oft nur die ist, die Leute aufzustacheln, ihren Ansprüchen auszuweichen oder ihnen zu widerstehen? Nein; er hat nicht mehr Grund, das Zeugnis des Wortes Gottes vorzuenthalten, weil es Widerstand erweckt, als die früheren Reformatoren hatten. Das Bekenntnis des Glaubens, welches Heilige und Märtyrer ablegten, wurde zum Nutzen der nachfolgenden Geschlechter berichtet. Diese lebendigen Beispiele der Heiligkeit und unwandelbaren Aufrichtigkeit sind uns aufbewahrt worden, um alle, welche jetzt berufen sind, als Zeugen für den Herrn aufzutreten, mit Mut zu beseelen. Sie empfingen nicht nur Gnade und Wahrheit um ihretwillen, sondern damit durch sie die Erde von der Erkenntnis Gottes erleuchtet werde. Hat Gott seinen Knechten in diesem Geschlecht Licht gegeben? Dann sollten sie es vor der Welt leuchten lassen.

Vor alters erklärte der Herr einem, der in seinem Namen redete: „Aber. das Haus Israel will dich nicht hören, denn sie wollen mich selbst nicht hören." Nichtsdestoweniger sagte er: „Du sollst ihnen meine Worte sagen, sie gehorchen oder lassen's." (Hes. 3, 7; 2, 7.) An den Diener Gottes in der jetzigen Zeit ergeht das Gebot: „Rufe getrost, schone nicht, erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk ihr Übertreten und dem Hause Jakob ihre Sünden." (Jes. 58, 1.)

So weit die Gelegenheiten reichen, steht ein jeglicher, dem das Licht der Wahrheit geworden ist, unter der nämlichen feierlichen und furchtbaren Verantwortung wie der Prophet Israels, dem das Wort des Herrn geschah: „Du Menschenkind, ich habe dich zu einem Wächter gesetzt über das Haus Israel, wenn du etwas aus meinem Munde hörst, daß du sie von meinetwegen warnen sollst. Wenn ich nun zu dem Gottlosen sage: Du Gottloser mußt des Todes sterben! und du sagst ihm solches nicht, daß sich der Gottlose warnen lasse vor seinem Wesen, so wird wohl der Gottlose um seines gottlosen Wesens willen sterben; aber sein Blut will ich von deiner Hand fordern. Warnst du aber den Gottlosen vor seinem Wesen, daß er sich davon bekehre, und er will sich nicht von seinem Wesen bekehren, so wird er um seiner Sünde willen sterben, und du hast deine Seele errettet." (Hes. 33, 7–9.)

Was die Annahme und die Verbreitung der Wahrheit am meisten hindert, ist die Tatsache, daß sie mit Unannehmlichkeit und Schmach verbunden ist. Dies ist der einzige Beweis gegen die Wahrheit, den ihre Verteidiger nie zu widerlegen vermochten. Das vermag aber die wahren Nachfolger Christi nicht abzuhalten. Sie warten nicht darauf, daß die Wahrheit volkstümlich werde. Überzeugt von ihrer Pflicht nehmen sie mit Vorbedacht das Kreuz auf und erachten mit dem Apostel Paulus, daß „unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit" (2. Kor. 4, 17), und halten, gleich jenen vor alters, „die Schmach Christi für größeren Reichtum denn die Schätze Ägyptens." (Hebr. 11, 26.)

Was auch das Bekenntnis sein mag, es werden nur solche, die im Herzen Weltdiener sind, in religiösen Dingen mehr aus Weltklugheit als nach richtigen Grundsätzen handeln. Wir müssen das Rechte wählen, weil es das Rechte ist, und die Folgen Gott anheimstellen. Männern von Grundsatz, Glauben und Mut schuldet die Welt ihre großen Reformen. Von solchen Männern muß das Reformationswerk für diese Zeit weitergeführt werden.

So spricht der Herr: „Höret mir zu, die ihr die Gerechtigkeit kennt, du Volk, in dessen Herzen mein Gesetz ist! Fürchtet euch nicht, wenn euch die Leute schmähen; und wenn sie euch lästern, verzagt nicht! Denn die Motten werden sie fressen wie ein Kleid, und Würmer werden sie fressen wie wollenes Tuch; aber meine Gerechtigkeit bleibt ewiglich und mein Heil für und für." (Jes. 51, 7. 8.)


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