Kapitel 10 - Die Stimme in der Wüste


Aus der Schar der gläubigen Israeliten, die sehnsüchtig auf das Kommen des Messias warteten, erschien der Vorläufer Christi. Zacharias, ein betagter Priester, und sein Weib Elisabeth waren „beide fromm vor Gott" (Lukas 1,6); ihr ruhiger und heiliger Wandel offenbarte das Licht des Glaubens. Wie ein Stern leuchtete ihr Leben in der geistlichen Finsternis jener Tage. Dieses gottesfürchtige Paar empfing die Verheißung eines Sohnes, der vor dem Herrn hergehen und ihm den Weg bereiten sollte.

Zacharias wohnte „auf dem ... Gebirge Judäas", aber er war nach Jerusalem hinaufgegangen, um eine Woche lang im Tempel zu dienen. Die Priester jeder Ordnung waren verpflichtet, dies zweimal im Jahr zu tun. „Und es begab sich, da er des Priesteramts waltete vor Gott, als seine Ordnung an der Reihe war, traf ihn nach dem Brauch der Priesterschaft das Los, zu räuchern; und er ging in den Tempel des Herrn." Lukas 1,8.9.

Er stand vor dem goldenen Altar im Heiligen, der ersten Abteilung des Heiligtums. Die Weihrauchwolke mit den Gebeten Israels stieg zu Gott empor. Plötzlich wurde er sich der Gegenwart eines göttlichen Wesens bewußt. Ein Engel des Herrn „stand zur rechten Hand am Räucheraltar". Lukas 1,11. Die Stellung des Engels war ein Zeichen der Gunst, doch Zacharias nahm dies gar nicht wahr. Seit vielen Jahren hatte er um das Kommen des Erlösers gebetet; nun endlich sandte Gott einen Boten mit der Nachricht, daß seine Gebete Erhörung finden sollten. Aber diese Gnade erschien Zacharias zu groß, um an sie glauben zu können; Furcht und Selbstanklagen erfüllten ihn.

Ihm wurde die frohe Versicherung zugerufen: „Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört, und dein Weib Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, des Namen sollst du Johannes heißen. Und du wirst Freude und Wonne haben, und viele werden sich seiner Geburt freuen." Lukas 1,13.14. „Denn er wird groß sein vor dem Herrn; Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken und wird ... erfüllt werden mit dem heiligen Geist. Und er wird der Kinder Israel viele zu Gott, ihrem Herrn, bekehren. Und er wird vor ihm hergehen in Geist und Kraft des Elias, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein bereitet Volk. Und Zacharias sprach zu dem Engel: Woran soll ich das erkennen? Denn ich bin alt, und mein Weib ist betagt." Lukas 1,15-18.

Zacharias wußte sehr gut, wie dem Abraham noch in hohem Alter ein Kind geschenkt wurde, weil dieser dem aufrichtig vertraute, der es verheißen hatte. Doch der betagte Priester denkt einen Augenblick über die Schwachheit des Menschengeschlechts nach. Er vergißt, daß Gott das, was er verheißen hat, auch erfüllen kann. Welch ein Gegensatz zwischen diesem Unglauben und dem reinen kindlichen Glauben Marias, jenes Mädchens aus Nazareth, das dem Engel auf seine wunderbare Ankündigung antwortete: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast." Lukas 1,38.

Daß dem Zacharias, wie einst dem Abraham und auch der Maria, ein Sohn geboren wurde, darin liegt eine große geistliche Wahrheit: eine Lehre, die wir nur langsam lernen und so schnell wieder vergessen. Wir sind unfähig, aus uns selbst etwas Gutes hervorzubringen; doch was wir nicht tun können, wird durch die Macht Gottes in jeder demütigen und gläubigen Seele bewirkt. Durch den Glauben wurde das Kind der Verheißung gegeben; durch den Glauben wird auch geistliches Leben geboren, und wir werden befähigt, Werke der Gerechtigkeit zu tun.

Auf die Frage des Zacharias erwiderte der Engel: „Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und bin gesandt, um mit dir zu reden und dir diese frohe Botschaft zu bringen." Lukas 1,19 (Zürcher). Fünfhundert Jahre früher hatte Gabriel Daniel den prophetischen Zeitabschnitt angegeben, der bis zum Kommen Christi reichen sollte. Das Bewußtsein, daß das Ende dieses Zeitabschnitts bevorstand, hatte Zacharias veranlaßt, um die Ankunft des Messias zu beten. Und jetzt gerade war der Bote, der die Prophezeiung ausgesprochen hatte, gekommen, um deren Erfüllung anzukündigen.

Die Worte des Engels: „Ich bin Gabriel, der vor Gott steht", zeigen, daß er in den himmlischen Höfen eine hohe Stellung innehat. Als er mit einer Botschaft zu Daniel kam, sagte er: „Es ist keiner, der mir hilft gegen jene, außer eurem Engelfürsten Michael [Christus]." Daniel 10,21. Von Gabriel spricht der Heiland in der Offenbarung, indem er sagt: „Er [Christus]  hat sie durch seinen Engel gesandt und seinem Knecht Johannes kundgetan." Offenbarung 1,1. Und Johannes gegenüber erklärte der Engel: „Ich bin dein Mitknecht und der deiner Brüder, der Propheten." Offenbarung 22,9. Welch ein wunderbarer Gedanke — der Engel, der dem Sohn Gottes an Ansehen am nächsten steht, ist es, der berufen wurde, Gottes Absichten sündhaften Menschen zu offenbaren!

Zacharias hatte hinsichtlich der Worte des Engels Zweifel geäußert. Er sollte nichts mehr sprechen, bis sie erfüllt würden. „Siehe", sagte der Engel, „du wirst verstummen ... bis auf den Tag, da dies geschehen wird, darum daß du meinen Worten nicht geglaubt hast, welche sollen erfüllt werden zu ihrer Zeit." Lukas 1,20. Es war die Pflicht der Priester, in ihrem Dienst um Vergebung für allgemeine und nationale Sünden und für die Ankunft des Messias zu beten; doch als Zacharias dies tun wollte, brachte er kein Wort heraus.

Er erschien, um das Volk zu segnen, „und er winkte ihnen und blieb stumm". Lukas 1,22. Sie hatten lange gewartet und schon zu fürchten begonnen, er sei, von Gottes Gericht getroffen, umgekommen. Doch als er aus dem Heiligen heraustrat, leuchtete auf seinem Antlitz die Herrlichkeit Gottes, „und sie merkten, daß er ein Gesicht gesehen hatte im Tempel". Lukas 1,22. Zacharias teilte ihnen mit, was er gesehen und gehört hatte, und „da die Zeit seines Dienstes um war, ging er heim in sein Haus". Lukas 1,23.

Bald nach der Geburt des verheißenen Kindes konnte er wieder sprechen, „und er redete und lobte Gott. Und es kam eine Furcht über alle Nachbarn; und diese ganze Geschichte ward kund auf dem ganzen Gebirge Judäas. Und alle, die es hörten, nahmen es zu Herzen und sprachen: Was, meinest du, will aus dem Kindlein werden?" Lukas 1,64-66. Alles das trug dazu bei, die Aufmerksamkeit auf die Ankunft des Messias zu lenken, für den Johannes den Weg bereiten sollte.

Der Heilige Geist ruhte auf Zacharias, und in folgenden herrlichen Worten weissagte er von der Bestimmung seines Sohnes:

"Du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen.
Du wirst vor dem Herrn hergehen, daß du seinen Weg bereitest
und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk
in Vergebung ihrer Sünden,
durch die herzliche Barmherzigkeit unsres Gottes,
durch welche uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe,
auf daß er erscheine denen, die da sitzen in Finsternis und
Schatten des Todes,
und richte unsre Füße auf den Weg des Friedens."
Lukas 1,76-79.

"Und das Kindlein wuchs und ward stark im Geist. Und er war in der Wüste, bis daß er sollte hervortreten vor das Volk Israel." Lukas 1,80. Vor der Geburt des Johannes hatte der Engel gesagt: „Er wird groß sein vor dem Herrn; Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken und wird ... erfüllt werden mit dem heiligen Geist." Lukas 1,15. Gott hatte den Sohn des Zacharias zu einer großen Aufgabe berufen, zu der größten, die je einem Menschen anvertraut wurde. Um diese Aufgabe ausführen zu können, mußte der Herr mit ihm zusammenwirken. Und der Geist Gottes wollte bei ihm sein, wenn er den Anweisungen des Engels nachkäme.

Johannes sollte als ein Bote Gottes hinausgehen und das göttliche Licht zu den Menschen bringen. Es galt, die Gedanken der Menschen richtungändernd zu beeinflussen. Er mußte ihnen die Heiligkeit der Forderungen Gottes einprägen sowie die Notwendigkeit, seiner vollkommenen Gerechtigkeit zu bedürfen. Wer solch Botenamt ausführen wollte, mußte selbst heilig sein. Er mußte der Tempel des Geistes Gottes sein. Um seine Mission erfüllen zu können, brauchte er einen starken und gesunden Körper sowie große seelische und geistige Stärke. Deshalb mußte es für ihn notwendig sein, seine Neigungen und Leidenschaften zu beherrschen. Er mußte in der Lage sein, sich so in der Gewalt zu haben, daß er ungerührt von den ihn umgebenden Verhältnissen wie die Felsen und Berge in der Wildnis unter den Menschen bestehen konnte.

Zur Zeit Johannes des Täufers waren die Habsucht, die Liebe zu Luxus und Pomp weit verbreitet. Sinnenfrohe Vergnügen, Schwelgereien und Trinkgelage lösten körperliche Krankheit und Entartung aus, schwächten das geistliche Wahrnehmungsvermögen und verminderten die Fähigkeit, die Sünde als sündhaft zu empfinden. Johannes sollte ein Reformator sein. Durch sein asketisches Leben und seine einfache Kleidung sollte er die Ausschweifungen seiner Zeit tadeln. Darum wurden den Eltern des Johannes die entsprechenden Anweisungen gegeben — eine Lektion bezüglich der Mäßigkeit, erteilt durch einen Engel vom Thron des Himmels.

In der Kindheit und in der Jugend ist der Charakter am leichtesten zu beeinflussen. Die Fähigkeit, sich zu beherrschen, sollte in jener Zeit erlernt werden. Im häuslichen Kreis und am Familientisch wird ein Einfluß ausgeübt, dessen Auswirkungen bis in die Ewigkeit reichen. Die Gewohnheiten, die in den frühen Kinderjahren angenommen werden, entscheiden mehr als irgendeine natürliche Begabung darüber, ob ein Mensch im Lebenskampf siegen oder unterliegen wird. Das Jugendalter ist die Zeit des Säens. Sie bestimmt darüber, welcher Art die Ernte sein wird, sowohl in diesem als auch im zukünftigen Leben.

Als Prophet sollte Johannes „bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein bereitet Volk". Lukas 1,17. Indem er den Weg für Christi erstes Kommen bahnte, ist er allen jenen ein Vorbild, die ein Volk auf die Wiederkunft unseres Herrn vorbereiten sollen. Die Welt hat sich der Genußsucht hingegeben. Es wimmelt von Irrlehren und Unwahrheiten. Satans Fallstricke, um Seelen zugrunde zu richten, mehren sich. Alle Menschen, die in der Furcht Gottes die vollkommene Heiligkeit erlangen wollen, müssen Enthaltsamkeit und Selbstbeherrschung lernen. Die Lüste und Leidenschaften müssen den höheren Kräften des Geistes unterworfen bleiben. Diese Selbstdisziplin ist lebenswichtig, wenn wir die geistige Kraft und die geistliche Erkenntnis erhalten wollen, die uns befähigen, die geheiligten Wahrheiten des Wortes Gottes zu verstehen und in die Tat umzusetzen. Aus diesem Grund hat die Mäßigkeit ihren Platz bei der Vorbereitung auf die Wiederkunft Christi.

Hätten die Dinge ihren gewohnten Lauf genommen, dann wäre der Sohn des Zacharias als Priester ausgebildet worden. Aber die Ausbildung in den rabbinischen Schulen hätte ihn für seine Aufgabe untauglich gemacht. Gott sandte ihn nicht zu den Lehrern der Theologie, um die Auslegung der Schrift zu lernen. Er rief ihn in die Wüste, damit er von der Natur und dem Gott der Natur lerne.

Er fand seine Wohnstätte in einer einsamen Gegend inmitten von kahlen Hügeln, wilden Schluchten und felsigen Höhlen. Es war sein freiwilliger Entschluß, auf die Freuden und den Luxus des Lebens zugunsten der harten Schulung in der Wüste zu verzichten. Dort begünstigte die Umgebung das einfache Leben und die Selbstverleugnung. Da er vom Lärm der Welt nicht gestört wurde, konnte er dort die Lehren der Natur, der Offenbarung und der Vorsehung studieren. Seine gottesfürchtigen Eltern hatten ihm die an seinen Vater gerichteten Worte des Engels oft wiederholt. Schon von seiner Kindheit an war ihm seine Aufgabe vor Augen geführt worden, und er hatte den heiligen Auftrag angenommen. Für ihn war die Einsamkeit der Wüste eine willkommene Zuflucht vor einer Gesellschaft, die fast gänzlich von Mißtrauen, Unglaube und Unanständigkeit beherrscht war. Er vertraute nicht auf seine eigene Kraft, um der Versuchung zu widerstehen, und schreckte vor der anhaltenden Berührung mit der Sünde zurück, damit er nicht das Bewußtsein ihrer außerordentlichen Sündhaftigkeit verliere.

Johannes war von Geburt an ein Nasiräer, ein Gottgeweihter. Er hatte sich selbst später für sein ganzes Leben dem Herrn geweiht. Seine Kleidung glich derjenigen der alten Propheten: ein Gewand aus Kamelhaaren, gehalten von einem ledernen Gürtel. Er aß Heuschrecken und wilden Honig (Matthäus 3,4), wie die Wüste es ihm darbot. Dazu trank er das klare Wasser, das von den Hügeln floß.

Doch Johannes verbrachte sein Leben nicht in Untätigkeit, in asketischem Trübsinn oder in selbstsüchtiger Abgeschiedenheit. Von Zeit zu Zeit ging er hinaus, um sich unter die Menschen zu mischen, und stets war er ein aufmerksamer Beobachter dessen, was in der Welt vorging. Von seinem stillen Zufluchtsort aus beobachtete er, wie sich die Ereignisse entwickelten. Mit einem durch göttlichen Geist erleuchteten geistigen Sehvermögen studierte er die Charaktere der Menschen, um besser zu verstehen, wie er ihre Herzen mit der Botschaft des Himmels erreichen könnte. Er spürte die Last seines Auftrages und suchte sich in der Einsamkeit durch tiefes Nachdenken und durch das Gebet für sein vor ihm liegendes Lebenswerk innerlich zu sammeln.

Obgleich er in der Wüste lebte, blieb er nicht frei von Versuchungen. Nach bestem Vermögen verschloß er Satan jeden Zugang, ohne jedoch dessen Angriffe verhindern zu können. Sein geistliches Empfinden aber war rein; er hatte Charakterstärke und Entschiedenheit gelernt und war imstande, die Schleichwege Satans mit Hilfe des Heiligen Geistes aufzuspüren und der teuflischen Macht zu widerstehen.

In der Wüste fand Johannes seine Schule und seinen Tempel. Wie einst Mose von den Hügeln Midians, so war er eingeschlossen von der Gegenwart Gottes und umgeben von den Zeugnissen seiner Macht. Es war ihm nicht vergönnt, sich wie Israels großer Führer mitten in der erhabenen Majestät der einsamen Bergwelt aufzuhalten; doch vor ihm, auf der anderen Seite des Jordans, lagen die Höhen Moabs. Sie sprachen zu ihm von dem, der die Berge gegründet und sie stark gemacht hat. Was in seiner Wildnis düster und schrecklich aussah, veranschaulichte ihm auf lebendige Weise den Zustand Israels. Der fruchtbare Weinberg des Herrn war eine trostlose Einöde geworden. Aber über der Wüste spannte sich der klare, schöne Himmel. Die finsteren Wolken, die sich zum Gewitter sammelten, wurden durch den Regenbogen der Verheißung überwölbt. Gleicherweise strahlte über der Erniedrigung Israels die verheißene Herrlichkeit der Herrschaft des Messias. Die Wolken des Zornes waren vom Regenbogen seiner im Bunde verwirklichten Gnade umgeben.

In den stillen Stunden der Nacht las er die Verheißungen Gottes an Abraham, dessen Nachkommen zahllos sein sollten wie die Sterne. Und wenn das Licht des anbrechenden Morgens das Gebirge Moab vergoldete, wirkte es auf ihn wie der, von dem gesagt ist, daß er sei „wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, am Morgen ohne Wolken". 2.Samuel 23,4. Der helle Mittag verkündigte ihm den Glanz der Offenbarung Gottes; „denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen". Jesaja 40,5.

Ehrfürchtig und doch mit jubelnder Freude forschte er in den prophetischen Schriften nach den Offenbarungen über das Kommen des Messias — des verheißenen Samens, der der Schlange den Kopf zertreten sollte, des Helden, des Friedensbringers, der erscheinen sollte, ehe ein König aufhören würde, auf dem Thron Davids zu regieren. Jetzt war diese Zeit gekommen. Ein römischer Herrscher regierte im Palast auf dem Berge Zion. Gemäß dem untrüglichen Wort des Herrn war der Christus bereits geboren.

Die glanzvolle Schilderung des Jesaja von der Herrlichkeit des Messias war seine Lieblingsbetrachtung; immer wieder las er über den Zweig von der Wurzel Isais, von dem König, der in Gerechtigkeit regieren würde und ein „rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande" (Jesaja 11,4), der „ein Schutz vor dem Platzregen ... der Schatten eines großen Felsens im trockenen Lande" (Jesaja 32,2) wäre. Israel sollte nicht länger „die Verlassene" heißen noch sein Land „Einsame", sondern es sollte vom Herrn genannt werden „meine Lust" und sein Land „liebes Weib". Jesaja 62,4. Das Herz des einsamen Johannes war erfüllt von diesem großartigen Bild.

Er blickte auf den König in seiner Zierde und vergaß sich selbst. Er sah die Majestät der messianischen Heiligkeit und fühlte sich selbst kraftlos und unwürdig. Er war bereit, als Bote des Himmels hinauszugehen, ohne Scheu vor irdischen Dingen; denn er hatte das Göttliche geschaut. Er konnte aufrecht und ohne Furcht vor weltlichen Königen stehen; denn er hatte sich vor dem König aller Könige gebeugt.

Johannes verstand das Wesen des messianischen Reiches nicht völlig. Er erwartete zwar, daß Israel als Staat von seinen Feinden befreit würde; doch das Kommen eines Königs, der gerecht regieren würde, und die Aufrichtung Israels als eine heilige Nation war das große Ziel seiner Hoffnung. Er glaubte, daß auf diese Weise die bei seiner Geburt gegebene Prophezeiung erfüllt werden würde: „Und gedächte an seinen heiligen Bund ..., daß wir, erlöset aus der Hand unsrer Feinde, ihm dieneten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit." Lukas 1,72-75.

Er sah sein Volk betrogen, selbstzufrieden und in seinen Sünden eingeschlafen. Er sehnte sich danach, es zu einem heiligeren Leben aufzurütteln. Die Botschaft, die Gott ihm gegeben hatte, sollte die Israeliten aus ihrer Trägheit aufschrecken und sie wegen ihrer großen Bosheit erzittern lassen. Bevor der Same des Evangeliums Platz finden konnte, mußte erst der Herzensboden aufgebrochen werden. Bevor sie bei Jesus Heilung suchten, mußten sie sich ihrer Gefährdung durch die Wunden der Sünde bewußt werden.

Gott sendet seine Boten nicht, um dem Sünder zu schmeicheln. Er sendet keine Friedensbotschaft, um nicht die Ungeheiligten in tödliche Sicherheit zu wiegen. Er legt schwere Lasten auf das Gewissen des Missetäters und durchdringt die Seele mit Pfeilen, die ihm die Sünde bewußt machen. Die Engel weisen ihn auf die schrecklichen Gottesgerichte hin, um ihn die Notwendigkeit erkennen zu lassen, daß er Hilfe braucht, und ihn zu dem Ausruf zu bewegen: „Was muß ich tun, um gerettet zu werden?" Dann wird dieselbe Hand, die bis in den Staub demütigte, den Bußfertigen erhöhen. Die Stimme, die die Sünde tadelte und den Stolz und das selbstsüchtige Streben als unwürdig verurteilte, fragt nun mit liebevollster Teilnahme: „Was willst du, daß ich für dich tun soll?"

Als Johannes mit seiner Aufgabe begann, befand sich das ganze Volk in einem Zustand der Erregung und der Unzufriedenheit, der an Aufruhr grenzte. Mit der Amtsenthebung des Archelaus war Judäa unmittelbar unter die Herrschaft Roms gekommen. Die Tyrannei und Erpressung der römischen Statthalter und ihre entschlossenen Anstrengungen, heidnische Symbole und Sitten einzuführen, hatten Aufstände ausgelöst, die im Blut von Tausenden der Mutigsten in Israel erstickt worden waren. All dies verstärkte den nationalen Haß gegen Rom und erhöhte die Sehnsucht, von der Gewalt der Römer frei zu werden.

Inmitten von Zwietracht und Streit erscholl eine Stimme aus der Wüste, Aufsehen erregend und ernst, aber voller Hoffnung: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!" Matthäus 3,2. Alle, die diesen Ruf hörten, wurden von einer nie gekannten, zwingenden Macht bewegt. Die Propheten hatten die Ankunft des Messias als ein Ereignis vorhergesagt, das noch in weiter Ferne läge; hier aber erscholl die Botschaft, daß das große Ereignis nahe bevorstehe. Die eigenartige Erscheinung des Täufers erinnerte seine Zuhörer an die alten Seher. Er ähnelte in seinem Auftreten und in seiner Kleidung dem Propheten Elia, in dessen Geist und Kraft auch er das allgemeine Verderben ankündigte und die vorherrschenden Sünden verdammte. Seine Worte waren klar, bestimmt und überzeugend. Viele nahmen an, er sei einer der alten Propheten, auferstanden von den Toten. Das Volk war aufgerüttelt; scharenweise zog es hinaus in die Wüste.

Hier verkündigte Johannes das Kommen des Messias und rief die Menschen zur Buße. Er taufte die Gläubigen im Jordan als Sinnbild der Reinigung von der Sünde. So erklärte er anschaulich, daß diejenigen, die sich Gottes auserwähltes Volk nannten, mit Sünde befleckt waren und daß sie ohne Reinigung des Herzens keinen Anteil am Reich des Messias haben können.

Fürsten und Rabbiner, Soldaten, Zöllner und Bauern kamen, um dem Propheten zuzuhören. Eine Zeitlang beunruhigte sie die ernste Warnungsbotschaft Gottes. Viele taten Buße und ließen sich taufen. Menschen aus allen Schichten unterwarfen sich den Forderungen des Täufers, um an dem Königreich teilzuhaben, das er ankündigte.

Viele Schriftgelehrte und Pharisäer kamen, bekannten ihre Sünden und baten um Taufe. Sie hatten sich für besser gehalten als andere Menschen und das Volk dazu gebracht, von ihrer Frömmigkeit eine hohe Meinung zu haben; jetzt aber wurde die geheime Schuld ihres Lebens aufgedeckt. Doch Johannes wurde durch den Heiligen Geist gezeigt, daß viele von diesen Männern sich ihrer Sünde nicht wirklich bewußt waren. Sie waren nur Opportunisten. Sie hofften, daß sie als Freunde des Propheten beim kommenden Fürsten gut angeschrieben sein würden. Und sie dachten, sie vermehrten ihren Einfluß auf das Volk, indem sie sich von diesem beliebten jungen Lehrer taufen ließen.

Johannes begegnete ihnen mit der alles durchdringenden Frage: „Ihr Otterngezüchte, wer hat denn euch gewiesen, daß ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Sehet zu, tut rechtschaffene Frucht der Buße! Denket nur nicht, daß ihr bei euch wollt sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken." Matthäus 3,7-9.

Gott hatte Israel verheißen: „So spricht der Herr, der die Sonne dem Tage zum Licht gibt und den Mond und die Sterne der Nacht zum Licht bestellt; der das Meer bewegt, daß seine Wellen brausen — Herr Zebaoth ist sein Name —: Wenn jemals diese Ordnungen vor mir ins Wanken kämen, spricht der Herr, so müßte auch das Geschlecht Israels aufhören, ein Volk zu sein vor mir ewiglich. So spricht der Herr: Wenn man den Himmel oben messen könnte und den Grund der Erde unten erforschen, dann würde ich auch verwerfen das ganze Geschlecht Israels für all das, was sie getan haben, spricht der Herr." Jeremia 31,35-37. Diese Verheißung ewiger Gunst hatten die Juden falsch ausgelegt. Sie betrachteten ihre natürliche Herkunft von Abraham als Anspruch auf diese Verheißung. Doch sie übersahen die Bedingungen, die Gott gestellt hatte. Bevor er ihnen die Verheißung gab, hatte er gesagt: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein ... denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken." Jeremia 31,33.34.

Einem Volk, in dessen Herzen sein Gesetz geschrieben steht, ist das Wohlwollen Gottes zugesichert. Es ist eins mit ihm. Aber die Juden hatten sich von Gott getrennt. Wegen ihrer Sünden kam das göttliche Strafgericht über sie. Dies war auch die Ursache, daß sie unter die Knechtschaft einer heidnischen Nation gerieten. Ihre Sinne wurden durch Übertretung verdunkelt, und weil der Herr ihnen in der Vergangenheit solch große Gunst erwiesen hatte, beurteilten sie ihre Sünden nur milde. Sie bildeten sich ein, daß sie besser seien als andere Menschen und Gottes Segnungen verdienten.

Diese Dinge wurden „geschrieben uns zur Warnung, auf welche das Ende der Welt gekommen ist". 1.Korinther 10,11. Wie oft legen wir die Segnungen Gottes falsch aus und bilden uns ein, daß wir wegen irgendeiner Tugend begünstigt werden! Gott kann für uns nicht das tun, was er gerne tun möchte. Seine Gaben werden benutzt, um unsere Selbstzufriedenheit zu vergrößern und unsere Herzen in Unglaube und Sünde zu verhärten.

Johannes erklärte den Lehrern Israels, daß sie sich durch ihren Stolz, ihre Selbstsucht und Grausamkeit als Otterngezücht ausgewiesen hätten — als tödlichen Fluch für das Volk, statt Kinder des gerechten und gehorsamen Abraham zu sein. Angesichts des Lichtes, das sie von Gott empfangen hatten, waren sie noch schlimmer als die Heiden, über die sie sich so erhaben fühlten. Sie hatten den Felsen vergessen, aus dem sie gehauen, und des Brunnens Schacht, aus dem sie gegraben worden waren. Gott war nicht auf sie angewiesen, um seine Absicht zu verwirklichen. Wie er Abraham aus einem heidnischen Volk herausgerufen hatte, so konnte er auch andere zu seinem Dienst berufen. Ihre Herzen mochten jetzt so leblos erscheinen wie die Steine in der Wüste, aber sein Geist wäre imstande, sie neu zu beleben, daß sie nach seinem Willen handelten und die Erfüllung seiner Verheißung erlebten.

"Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt", sagt der Prophet. „Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen." Matthäus 3,10. Der Wert eines Baumes wird nicht nach seinem Namen bestimmt, sondern nach seinen Früchten. Wenn die Früchte nichts wert sind, dann kann der Name den Baum nicht davor bewahren, umgehauen zu werden. Johannes erklärte den Juden, daß ihr Ansehen vor Gott durch ihren Charakter und ihr Leben bestimmt würde. Ein Bekenntnis allein war wertlos. Wenn ihr Leben und ihr Charakter nicht mit Gottes Gesetz übereinstimmte, dann waren sie nicht sein Volk.

Seine herzbewegenden Worte überführten seine Zuhörer. Sie kamen zu ihm und fragten: „Was sollen wir denn tun?" Lukas 3,10. Er antwortete: „Wer zwei Röcke hat, der gebe dem, der keinen hat; und wer Speise hat, tue auch also." Lukas 3,11. Und er warnte die Zöllner, ungerecht zu handeln, und die Soldaten, gewalttätig zu sein.

Alle, die im Reiche Christi leben wollten, müßten Glauben und Reue beweisen. In ihrem Wandel müßten Güte, Rechtschaffenheit und Treue offenbar werden. Solche Gläubigen würden den Bedürftigen helfen und Gott ihre Gaben darbringen. Sie würden die Wehrlosen beschützen und ihrer Umgebung ein Beispiel praktischer Nächstenliebe sein. So werden auch die wahren Nachfolger Christi von der umgestaltenden Macht des Heiligen Geistes Zeugnis geben. In ihrem täglichen Leben werden sie Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und göttliche Liebe zeigen; andernfalls glichen sie der Spreu, die dem Feuer übergeben werden wird.

"Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht genug, ihm die Schuhe abzunehmen; der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen." Matthäus 3,11. Der Prophet Jesaja hatte erklärt, der Herr werde sein Volk „durch den Geist, der richten und ein Feuer anzünden wird", von seinen Übertretungen reinigen. Das Wort des Herrn an Israel lautete: „Und will meine Hand wider dich kehren und wie mit Lauge ausschmelzen, was Schlacke ist, und all dein Zinn ausscheiden." Jesaja 4,4; Jesaja 1,25. Für die Sünde ist „unser Gott ... ein verzehrend Feuer" (Hebräer 12,29), ganz gleich, wo sie vorgefunden wird. In allen, die sich ihm unterwerfen, wird der Geist Gottes die Sünde verzehren. Aber wenn Menschen an der Sünde hängen, identifizieren sie sich mit ihr. Dann wird die Herrlichkeit Gottes, welche die Sünde vernichtet, sie selbst vernichten. Jakob rief nach der Nacht des Ringens mit dem Engel: „Ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet." 1.Mose 32,31. Jakob hatte sich an Esau schwer versündigt; doch er hatte Reue gezeigt. Seine Übertretung war vergeben und seine Sünde gesühnt; darum war er imstande, die Offenbarung der Gegenwart Gottes zu ertragen. Aber wo immer Menschen vor Gott traten, während sie absichtlich an Bösem festhielten, mußten sie sterben. Bei der Wiederkunft Christi werden die sündigen Menschen verzehrt werden „mit dem Hauch seines Mundes", und er wird mit ihnen „ein Ende machen durch seine Erscheinung, wenn er kommt". 2.Thessalonicher 2,8. Das Licht der göttlichen Herrlichkeit, das den Gerechten Leben gibt, wird die Sünder töten.

Zur Zeit Johannes des Täufers stand Jesus im Begriff, als der zu erscheinen, der das Wesen Gottes offenbart. Schon durch seine Gegenwart würden die Menschen ihrer Sünden bewußt werden. Aber nur, wer willens war, sich von seiner Sündhaftigkeit reinigen zu lassen, konnte in seine Gemeinschaft aufgenommen werden. Nur wer reines Herzens war, vermochte in seiner Gegenwart zu bestehen.

So erklärte der Täufer die Botschaft Gottes an Israel. Viele achteten auf seine Lehre. Sie opferten alles, um der Botschaft gehorsam zu sein. In Scharen folgten sie Johannes von Ort zu Ort; es waren sogar etliche unter ihnen, die hofften, daß er der Messias sei. Als Johannes bemerkte, daß sich die Herzen seiner Zuhörer ihm zuwandten, benutzte er jede Gelegenheit, ihren Glauben auf den zu lenken, dessen Kommen er vorbereitete.


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