Der Abfall


3. Kapitel

Drei Jahrhunderte lang wurde die christliche Gemeinde verfolgt - bis zum Jahre 321 n. Chr. Aus politischen Gründen schloß dann der römische Kaiser Konstantin Freundschaft mit der Kirche. Das brachte tiefgreifende Änderungen.
Kompromisse, Anpassung und Verfolgungen breiteten sich in der wachsenden Kirche aus. Schritt für Schritt ging es abwärts. Lesen Sie, wie das alles kam.


Schritt für Schritt abwärts

Der Apostel Paulus erklärte in seinem Zweiten Brief an die Thessalonicher, daß der Tag Christi nicht kommen werde, „es sei denn, daß zuvor der Abfall komme und offenbart werde der Mensch der Sünde, das Kind des Verderbens, der da ist der Widersacher und sich überhebt über alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, also daß er sich setzt in den Tempel Gottes als ein Gott und gibt sich aus, er sei Gott. " Und weiter warnt der Apostel seine Brüder: „Es regt sich bereits das Geheimnis der Bosheit." (2. Thess. 2, 3.4.7). Schon zu jener frühen Zeit sah er, daß sich Irrtümer in die Kirche schlichen, welche den Weg für die Entwicklung des geweissagten Abfalls vorbereiteten.

Das Geheimnis der Bosheit führte nach und nach, erst verstohlen und stillschweigend, dann, als es an Kraft zunahm und die Herrschaft über die Gemüter der Menschen gewann, offener sein betrügerisches und verderbliches Werk aus. Beinahe unmerklich fanden heidnische Gebräuche ihren Weg in die christliche Gemeinde. Zwar wurde der Geist des Nachgebens und der Zustimmung eine Zeitlang durch die heftige Verfolgung, welche die Gemeinde Gottes unter dem Heidentum erduldete, zurückgehalten; als aber die Verfolgung aufhörte und das Christentum die Höfe und Paläste der Könige betrat, vertauschte es die demütige Einfachheit Christi und seiner Apostel mit dem Gepränge und dem Stolz der heidnischen Priester und Herrscher und setzte an die Stelle der Forderungen Gottes menschliche Theorien und Überlieferungen. Die angebliche Bekehrung Konstantins, früh im vierten Jahrhundert, verursachte große Freude, und die Welt zog, angetan mit dem Schein der Gerechtigkeit, in die Kirche ein. Jetzt machte das Verderben schnellen Fortschritt. Das Heidentum wurde, während es besiegt zu sein schien, zum Sieger. Sein Geist beherrschte die Kirche. Seine Lehren, sein Gepränge und sein Aberglaube wurden dem Glauben und der Gottesverehrung der bekenntlichen Nachfolger Christi einverleibt.

Dieser Ausgleich zwischen Heidentum und Christentum hatte die Entwicklung des „Menschen der Sünde" zur Folge, von dem die Prophezeiung voraussagte, daß er der Widersacher sei und sich über alles, was Gott heißt, überheben werde. Jenes riesenhafte System falscher Religion ist ein Meisterstück der Macht Satans - ein Denkmal seiner Anstrengungen, sich selbst auf den Thron zu setzen und die Erde nach seinem Willen zu beherrschen.

Satan versuchte es einmal, sich mit Christo zu einigen. Er kam zum Sohne Gottes in der Wüste der Versuchung, zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und machte ihm das Anerbieten, alles in seine Hände zu geben, falls er nur die Oberherrschaft des Fürsten der Finsternis anerkennen wollte. Christus schalt den verwegenen Versucher und zwang ihn, sich zu entfernen. Satan hat aber größeren Erfolg, wenn er mit denselben Versuchungen an die Menschen herantritt. Um sich irdischen Gewinn und weltliche Ehren zu sichern, wurde die Kirche dazu verleitet, die Gunst und den Beistand der Großen dieser Erde zu suchen und indem sie auf diese Weise das Christum verwarf, gelangte sie dahin, mit dem Stellvertreter Satans - dem Bischof von Rom - ein Treuebündnis einzugehen.

Es ist eine der Hauptlehren der römischen Kirche, daß der Papst das sichtbare Haupt der allgemeinen Kirche Christi sei, angetan mit höchster Autorität über Bischöfe und Geistliche in allen Teilen der Welt. Mehr als das, man hat dem Papst sogar die Titel der Gottheit beigelegt. Er ist „der Herr Gott Papst" (s. Anhang, Anm. 1) genannt und als unfehlbar erklärt worden. Er verlangt, daß alle Menschen ihm Verehrung zollen. Somit werden dieselben Ansprüche, welche Satan in der Wüste der Versuchung vorbrachte, von ihm noch durch die Kirche von Rom gemacht, und viele sind bereit, ihm Huldigung zu gewähren.

Diejenigen aber, welche Gott fürchten und ihn verehren, treten dieser den Himmel herausfordernden Anmaßung gegenüber, wie Christus den Verlockungen des verschlagenen Feindes gegenübertrat: „Du sollst Gott deinen Herrn, anbeten, und ihm allein dienen. " (Luk. 4,8.) Gott hat in seinem Worte nie einen Wink gegeben, daß er irgend einen Menschen bestimmt hat, das Oberhaupt der Gemeinde zu sein. Die Lehre von der päpstlichen Oberherrschaft ist den Aussprüchen der Heiligen Schrift geradezu entgegen. Der Papst kann keine Macht haben über die Gemeinde Christi, außer durch unrechtmäßige Aneignung.

Die Römlinge haben darauf beharrt, die Protestanten der Ketzerei und der eigenwilligen Trennung von der wahren Kirche zu beschuldigen. Aber diese Anklagen lassen sich eher auf sie selber anwenden. Sie sind diejenigen, welche das Banner Christi niederlegten und von dem Glauben abwichen, „der einmal den Heiligen übergeben ist." (Judas 3.)

Satan wußte gar wohl, daß die Heilige Schrift die Menschen befähigen würde, seine Täuschungen zu erkennen und seiner Macht zu widerstehen; hatte doch selbst der Heiland der Welt seinen Angriffen durch das Wort Gottes widerstanden. Bei jedem Ansturm hielt Christus ihm den Schild der ewigen Wahrheit entgegen und sagte: „Es steht geschrieben". Jeder Einflüsterung des Feindes widerstand er durch die Weisheit und Macht des Wortes. Um die Herrschaft über die Menschen aufrechtzuerhalten und seine Autorität zu befestigen, mußte Satan das Volk in bezug auf die Heilige Schrift in Unwissenheit halten. Die Bibel würde Gott erheben und den sterblichen Menschen ihre wahre Stellung anweisen; deshalb mußten ihre heiligen Wahrheiten geheim gehalten und unterdrückt werden. Dieser Plan wurde von der Kirche angenommen. Jahrhundertelang war die Verbreitung der Bibel (in der Volkssprache) verboten; das Volk durfte sie nicht lesen noch im Hause haben, und Geistliche legten ihre Lehren zur Begründung ihrer eigenen Anmaßungen aus. Auf diese Weise wurde das Kirchenoberhaupt beinahe allgemein anerkannt als Statthalter Gottes auf Erden, der mit Autorität über Kirche und Staat ausgestattet worden sei.

Da das einzig zuverlässige Mittel zur Entdeckung des Irrtums auf die Seite geschafft worden war, wirkte Satan ganz nach Willkür. Die Prophezeiung hatte erklärt, das Papsttum werde „sich unterstehen, Zeit und Gesetz zu ändern." (Dan. 7, 25.) Dieses Werk zu versuchen war es nicht müßig. Um den vom Heidentum Bekehrten ein Ersatzmittel für die Verehrung von Götzen zu bieten und so ihre äußerliche Annahme des Christentums zu befördern, wurde stufenweise die Anbetung von Bildern und Reliquien in den christlichen Gottesdienst eingeführt. Das Dekret einer allgemeinen Kirchenversammlung richtete schließlich dieses System der Abgötterei auf. (Das zweite nicänische Konzil, im Jahre 787.) Um das gotteslästerliche Werk zu vollenden, maßte sich Rom an, aus dem Gesetze Gottes das zweite Gebot, welches die Bilderverehrung (s. Anhang, Anm. 2) verbietet, auszulassen, und das zehnte in zwei zu teilen, um die Zahl beizubehalten.

Der Geist des Zugeständnisses dem Heidentum gegenüber öffnete den Weg für eine noch größere Mißachtung der Autorität des Himmels. Satan tastete durch ungeheiligte Männer auch das vierte Gebot an und versuchte, den alten Sabbat, den Tag, welchen Gott gesegnet und geheiligt hatte (l. Mose 2, 2.3.) beiseite zusetzen und anstatt seiner den von den Heiden als „ehrwürdigen Tag der Sonne" beobachteten Festtag zu erheben. Diese Veränderung wurde anfangs nicht offen versucht. In den ersten Jahrhunderten war der wahre Sabbat von allen Christen gehalten worden. Sie eiferten für die Ehre Gottes, und da sie glaubten, daß sein Gesetz unveränderlich sei, wahrten sie eifrig die Heiligkeit seiner Vorschriften. Aber mit großer Schlauheit wirkte Satan durch seine Werkzeuge, um seinen Zweck zu erreichen. Um die Aufmerksamkeit des Volkes auf den Sonntag zu richten, wurde er zu einem Festtag zu Ehren der Auferstehung Christi gemacht und an ihm Gottesdienst gehalten; doch betrachtete man ihn nur als einen Tag der Erholung und hielt den Sabbat noch immer heilig.

Um den Weg für das von ihm beabsichtigte Werk vorzubereiten, hatte Satan die Juden vor der Ankunft Christi verleitet, den Sabbat mit höchst strengen Anforderungen zu belasten, so daß seine Feier eine Bürde wurde. Jetzt benutzte er das falsche Licht, in welchem er ihn auf diese Weise hatte erscheinen lassen, um auf ihn, als auf eine jüdische Einrichtung, Verachtung zu häufen. Während die Christen im allgemeinen fortfuhren, den Sonntag als einen Freudentag zu beobachten, veranlaßte er sie, um ihren Haß gegen alles Jüdische zu zeigen, den Sabbat zu einem Fasttag, einem Tag der Trauer und des Trübsinns, zu gestalten.

Am Anfang des vierten Jahrhunderts erließ Kaiser Konstantin ein Dekret (s. Anhang, Anm. 3) im ganzen Römischen Reich, demzufolge der Sonntag als ein öffentlicher Festtag eingesetzt wurde. Der Tag der Sonne wurde von den heidnischen Untertanen verehrt und von den Christen geachtet, und der Kaiser verfolgte die Absicht, die widerstreitenden Ansichten des Christentums mit denen des Heidentums zu vereinen. Er wurde dazu von den Bischöfen der Kirche gedrängt, die, von Ehrgeiz und Durst nach Macht beseelt, einsahen, daß den Heiden die äußerliche Annahme des Christentums erleichtert und somit die Macht und Herrlichkeit der Kirche gefördert würde, wenn sowohl von den Christen als auch von den Heiden der nämliche Tag beobachtet würde. Aber während viele fromme Christen allmählich dahin kamen, dem Sonntag einen gewissen Grad von Heiligkeit beizumessen, hielten sie doch den wahren Sabbat als dem Herrn heilig und beobachteten ihn im Gehorsam gegen das vierte Gebot.

Der Erzbetrüger hatte sein Werk nicht vollendet. Er war entschlossen, die ganze christliche Welt unter sein Banner zu sammeln, und durch seinen Statthalter, den stolzen Oberpriester, der behauptete, der Stellvertreter Christi zu sein, seine Macht geltend zu machen. Durch halb bekehrte Heiden, ehrgeizige Prälaten und weltliebende Geistliche erreichte er seinen Zweck. Von Zeit zu Zeit wurden große Kirchenversammlungen gehalten, zu welchen die Würdenträger der Kirche aus allen Weltgegenden zusammenkamen. Auf fast jedem Konzil wurde der von Gott eingesetzte Sabbat etwas mehr erniedrigt und der Sonntag dementsprechend erhöht. So wurde der heidnische Festtag schließlich als eine göttliche Einrichtung verehrt, während der Bibelsabbat als Überbleibsel des Judentums verschrieen und seine Beobachter als verflucht erklärt wurden.

Dem großen Abtrünnigen war es gelungen, sich über „alles, was Gott oder Gottesdienst heißt," (2. Thess. 2, 4.) zu erheben. Er hatte sich erkühnt, die einzige Vorschrift des göttlichen Gesetzes, welche unverkennbar alle Menschen auf den wahren und lebendigen Gott hinweist, zu verändern. Im vierten Gebot wird Gott als der Schöpfer Himmels und der Erde offenbart und dadurch von allen falschen Göttern unterschieden. Zum Andenken an das Schöpfungswerk wurde der siebente Tag als Ruhetag für die Menschen geheiligt. Er war dazu bestimmt, dem Menschen den lebendigen Gott als die Quelle des Seins und den Gegenstand der Verehrung und Anbetung beständig vor Augen zu halten. Satan jedoch bestrebt sich, die Menschen von ihrer Treue zu Gott und vom Gehorsam gegen sein Gesetz abwendig zu machen, und deshalb richtet er seine Angriffe besonders gegen jenes Gebot, welches Gott als den Schöpfer kennzeichnet.

Die Protestanten machen jetzt geltend, daß die Auferstehung Christi am Sonntage diesen Tag zum Ruhetag der Christen mache; jedoch fehlen hierfür die Beweise aus der Heiligen Schrift. Weder Christus noch seine Apostel haben diesem Tage eine solche Ehre beigelegt. Die Beobachtung des Sonntags als eine christliche Einrichtung hat ihren Ursprung in jenem „Geheimnis der Bosheit.," welches schon in den Tagen Pauli sein Werk begonnen hatte. (2. Thess. 2, 7; Grundtext: „Geheimnis der Gesetzlosigkeit. ") Wo und wann aber hat der Herr dies Kind des Abfalls angenommen? Welcher rechtsgültige Grund kann für eine Veränderung gegeben werden, welche die Heilige Schrift nicht billigt?

Im sechsten Jahrhundert hatte das Papsttum bereits eine feste Grundlage gewonnen. Der Sitz seiner Macht war in der kaiserlichen Stadt aufgerichtet und der römische Bischof als Oberhaupt der ganzen Kirche erklärt worden. Das Heidentum hatte dem Papsttum Platz gemacht, der Drache dem Tiere „seine Kraft, seinen Stuhl und große Macht" (Offb. 13,2, s. auch Anhang, Anm. 4) gegeben. Und nun begannen die zwölfhundertsechzig Jahre der päpstlichen Unterdrückung, wie sie in den Prophezeiungen Daniels und der Offenbarung vorhergesagt sind. (Dan. 7, 25; Offb. 13, 5-7.) Die Christen waren gezwungen zu wählen, ob sie entweder ihre Rechtschaffenheit aufgeben und die päpstlichen Gebräuche und den päpstlichen Gottesdienst annehmen, oder ihr Leben in Kerkerzellen aufreiben oder auf der Folterbank, auf dem Scheiterhaufen oder durch das Henkerbeil den Tod erleiden wollten. Nun wurden die Worte Jesu erfüllt: „Ihr werdet aber überantwortet werden von den Eltern, Brüdern, Gefreunden und Freunden; und sie werden eurer etliche töten. Und ihr werdet gehaßt sein von jedermann, um meines Namens willen. " (Luk. 21, 16.17.) Verfolgung ergoß sich mit größerer Wut über die Gläubigen als je zuvor, und die Welt wurde ein weites Schlachtfeld. Für Hunderte von Jahren fand die Gemeinde Zuflucht in Zurückgezogenheit und Dunkelheit. So sagt der Prophet: „Und das Weib entfloh in die Wüste, da sie hatte einen Ort bereitet von Gott, daß sie daselbst ernährt würde tausendzweihundertsechzig Tage." (Offb. 12,6.)

Der Beginn des dunklen Mittelalters wurde dadurch gekennzeichnet, daß die römische Kirche zur Macht gelangte. Je mehr ihre Macht zunahm, desto dichter wurde die Finsternis. Der Glaube wurde von Christo, dem wahren Grund, auf den Papst von Rom übertragen. Statt für die Vergebung der Sünden und das ewige Heil auf den Sohn Gottes zu vertrauen, sah das Volk auf den Papst und auf die von ihm bevollmächtigten Priester und Prälaten. Es wurde gelehrt, daß der Papst der irdische Mittler sei und niemand sich Gott nähern könne, es sei denn durch ihn, und ferner, daß er für die Menschen an Gottes Stelle stehe und ihm deshalb unbedingt zu gehorchen sei. Ein Abweichen von seinen Anforderungen war hinreichende Ursache dafür, die härtesten Strafen an Leib und Seele über die Schuldigen zu verhängen. So wurden die Gemüter des Volkes von Gott ab und auf fehlbare, irrende und grausame Menschen gelenkt, ja noch mehr, auf den Fürsten der Finsternis selbst, der durch dieselben seine Macht ausübte. Die Sünde war unter einem Gewand von Heiligkeit verdeckt. Wenn die Heilige Schrift unterdrückt wird und die Menschen sich selbst als maßgebend betrachten, so dürfen wir nur Betrug, Täuschung und erniedrigende Ungerechtigkeit erwarten. Mit der Erhebung menschlicher Gesetze und Überlieferungen wurde die Verderbnis offenbar, welche immer aus der Verwerfung des Gesetzes Gottes hervorgeht.

Dies waren Tage der Gefahr für die Gemeinde Christi. Der treuen Fahnenträger waren wahrlich wenige. Obwohl die Wahrheit nicht ohne Zeugen gelassen wurde, schien es doch zuzeiten, als ob Irrtum und Aberglaube vollständig überhandnehmen wollten und die wahre Religion von der Erde verbannt werden würde. Das Evangelium wurde aus den Augen verloren, religiöse Gebräuche hingegen wurden vermehrt und die Leute mit strengen, harten Erpressungen belastet.

Nicht nur wurden sie gelehrt, den Papst als ihren Mittler zu betrachten, sondern auch zur Versöhnung ihrer Sünden auf ihre eigenen Werke zu vertrauen. Lange Pilgerfahrten, Bußübungen, die Errichtung von Kirchen, Kapellen und Altären, das Bezahlen großer Geldsummen an die Kirche - diese und viele ähnliche Lasten wurden auferlegt, um den Zorn Gottes zu besänftigen oder sich seiner Gunst zu versichern, als ob Gott, gleich einem Menschen, wegen Kleinigkeiten erzürnt oder durch Gaben und Bußübungen zufriedengestellt werden könnte.

Obwohl die Sünde selbst unter den Leitern der römischen Kirche überhandnahm, schien doch der Einfluß der Kirche beständig zu wachsen. Ungefähr am Schluß des achten Jahrhunderts erhoben die Verteidiger des Papsttums den Anspruch, daß im ersten Zeitalter der Kirche die Bischöfe von Rom dieselbe geistliche Macht besessen hätten, welche sie sich jetzt anmaßten. Um diesen Anspruch geltend zu machen, mußte irgendein Mittel angewendet werden, um ihm den Schein von Autorität zu verleihen, und dies wurde von dem Vater der Lügen bereitwillig ins Werk gesetzt. Alte Handschriften wurden von Mönchen nachgeahmt; bis dahin unbekannte Beschlüsse von Kirchenversammlungen wurden entdeckt, welche die allgemeine Oberherrschaft des Papstes von den frühesten Zeiten an bestätigten. Und eine Kirche, welche die Wahrheit verworfen hatte, nahm diese Fälschungen begierig an. (s. Anhang, Anm. 5.)

Die wenigen Getreuen, die auf den wahren Grund bauten (vgl. 1. Kor. 3, 10.11.), wurden verwirrt und gehindert, als der Schutt falscher Lehren das Werk lähmte. Gleich den Bauleuten auf den Mauern Jerusalems in den Tagen Nehemias, waren einige bereit zu sagen: „Die Kraft der Träger ist zu schwach, und des Schuttes ist zu viel, wir können an der Mauer nicht bauen." (Neh. 4, 4.) Ermüdet von dem beständigen Kampf gegen Verfolgung, Betrug, Ungerechtigkeit und jegliches andere Hindernis, welches Satan ersinnen konnte, um ihren Fortschritt zu hindern, wurden einige Bauleute, die treu gewesen waren, entmutigt, und um des Friedens, der Sicherheit ihres Eigentums und ihres Lebens willen wandten sie sich von dem wahren Grund ab. Andere, unerschrocken bei dem Widerstand ihrer Feinde, erklärten furchtlos: Fürchtet euch nicht vor ihnen; gedenket an den großen, schrecklichen Herrn," (Neh. 4,8.) und sie fuhren fort mit der Arbeit, ein jeglicher sein Schwert um seine Lenden gegürtet (vgl. Eph. 6,17.).

Derselbe Geist des Hasses und des Widerstandes gegen die Wahrheit hat zu jeder Zeit Gottes Feinde begeistert, und dieselbe Wachsamkeit und Treue ist von seinen Dienern verlangt worden. Die an die ersten Jünger gerichteten Worte Christi gelten allen seinen Nachfolgern bis ans Ende der Zeit: „Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!'" (Mark. 13,37.)

Die Finsternis schien dichter zu werden. Die Bilderverehrung wurde allgemeiner. Vor den Bildern wurden Kerzen angezündet und Gebete dargebracht. Der allerabgeschmacktesten und abergläubischsten Gebräuche nahmen überhand. Die Gemüter der Menschen wurden so vollständig von Aberglauben beherrscht, daß die Vernunft selbst ihre Herrschaft verloren zu haben schien. Während Priester und Bischöfe selbst vergnügungssüchtig, sinnlich und verdorben waren, konnte man nur erwarten, daß das Volk, welches um Leitung zu ihnen aufschaute, in Unwissenheit und Laster versinken würde.

Ein weiterer Schritt in der päpstlichen Anmaßung wurde gemacht, als im elften Jahrhundert Papst Gregor VII. die Vollkommenheit der römischen Kirche verkündete. Unter den von ihm vorgebrachten Anträgen war einer, der erklärte, daß die Kirche nie geirrt habe noch der Heiligen Schrift gemäß je irren werde; aber biblische Beweise begleiteten diese Behauptung nicht. Der stolze Oberpriester beanspruchte auch die Macht, Kaiser abzusetzen und erklärte, daß kein von ihm ausgesprochener Rechtsspruch von irgend jemand umgestoßen werden könne, während es sein Vorrecht sei, die Beschlüsse anderer aufzuheben. (s. Anhang, Anm. 6.)

Einen schlagenden Beweis seines Charakters lieferte dieser Befürworter der Unfehlbarkeit in der Behandlung des deutschen Kaisers Heinrich IV. Weil dieser Fürst gewagt hatte, die Macht des Papstes zu mißachten, wurde er in den Kirchenbann getan und als entthront erklärt. Erschreckt über die Untreue und die Drohungen seiner eigenen Fürsten, die in ihrer Empörung gegen ihn durch den päpstlichen Erlaß ermutigt wurden, hielt Heinrich es für notwendig, Frieden mit Rom zu machen. In Begleitung seiner Gemahlin und eines treuen Dieners überschritt er mitten im Winter die Alpen, damit er sich vor dem Papst demütige. Als er das Schloß, wohin Gregor sich zurückgezogen, erreicht hatte, wurde er ohne seine Leibwache in einen Vorhof geführt und dort erwartete er in der strengen Kälte des Winters, mit unbedecktem Haupte und nackten Füßen, in einem elenden Anzuge die Erlaubnis des Papstes, vor ihm erscheinen zu dürfen. Erst nachdem er drei Tage mit Fasten und Beichten zugebracht hatte, ließ sich der Papst herab, ihm Verzeihung zu gewähren, und selbst dann geschah es nur unter der Bedingung, daß der Kaiser seine Genehmigung abwarte, ehe er sich aufs neue mit dem Amtszeichen schmücke oder die Macht der Kaiserwürde ausübe. Gregor aber, durch seinen Sieg erkühnt, prahlte, daß es seine Pflicht sei, den Stolz der Könige zu demütigen.

Wie auffallend ist der Unterschied zwischen der Überhebung dieses Priesterfürsten und der Sanftmut und Milde Christi, der sich selbst darstellt als an der Tür des Herzens um Einlaß bittend, damit er einkehre, um Vergebung und Frieden zu bringen, der seine Jünger lehrt: „Wer da will der Vornehmste sein, der sei euer Knecht." (Matth., 20,27.)

Die nachfolgenden Jahrhunderte waren Zeugen einer beständigen Zunahme des Irrtums in den von Rom ausgehenden Lehren. Schon vor der Aufrichtung des Papsttums waren die Lehren heidnischer Philosophen beachtet worden und hatten einen Einfluß in der Kirche ausgeübt. Viele vorgeblich Bekehrte hingen noch immer an den Lehrsätzen ihrer heidnischen Philosophie und fuhren nicht nur fort, sie selbst zu erforschen, sondern drängten sie auch andern auf, um ihren Einfluß unter den Heiden auszudehnen. Auf diese Weise wurden bedenkliche Irrtümer in den christlichen Glauben eingeschleppt. Herausragend unter diesen war der Glaube an die natürliche Unsterblichkeit des Menschen und sein Bewußtsein nach dem Tode. Diese Lehre legte den Grund, auf den Rom die Anrufung der Heiligen und die Anbetung der Jungfrau Maria baute. Hieraus entsprang auch die Irrlehre von einer ewigen Qual für die bis zuletzt Unbußfertigen, die dem päpstlichen Glauben schon früh einverleibt wurde.

Damit war der Weg vorbereitet für die Einführung noch einer anderen Erfindung des Heidentums, welche Rom das Fegefeuer nannte und dann anwandte, um der leichtgläubigen und abergläubischen Menge Furcht einzujagen. Durch diese Lehre wird das Vorhandensein eines Ortes der Qual behauptet, an welchem die Seelen derer, die keine ewige Verdammnis verdient haben, für ihre Sünden bestraft werden und von wo aus sie, sobald sie frei von aller Unreinheit sind, in den Himmel zugelassen werden. (s. Anhang, Anm. 7.)

Noch eine andere Erdichtung war notwendig, um Rom in den Stand zu setzen, die Furcht und die Sünden seiner Anhänger für sich auszubeuten. Diese fand sich in der Ablaßlehre. Volle Vergebung der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Sünden und Erlaß aller sich dadurch zugezogenen Strafen und Qualen wurden allen zugesichert, die sich an den Kriegen des Papsttums beteiligten, sei es um seine weltliche Herrschaft zu erweitern, seine Feinde zu züchtigen oder die auszutilgen, welche sich erkühnten, seine geistliche Oberherrschaft zu bestreiten. Es wurde ferner gelehrt, daß man sich durch Bezahlen von Geld an die Kirche von Sünden befreien und auch die Seelen verstorbener Freunde, die in den quälenden Flammen gefangen gehalten wurden, erlösen könnte. Durch solche Mittel füllte Rom seine Kassen und unterhielt den Prunk, das Wohlleben und das Laster der vorgeblichen Vertreter dessen, der nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegte (s. Anhang, Anm. 8.)

Die schriftgemäße Verordnung des Abendmahls war durch das Meßopfer verdrängt worden. Die Priester behaupteten, einfaches Brot und Wein in den persönlichen Leib und das wirkliche Blut Christi zu verwandeln. Sie beanspruchten öffentlich die Macht, Gott, den Schöpfer aller Dinge, „zu schaffen." (s. Anhang, Anm. 9.) Von den Christen wurde bei Todesstrafe verlangt, ihren Glauben an diese Lehre zu bekennen. Scharenweise wurden solche, die sich weigerten, den Flammen übergeben.

Im dreizehnten Jahrhundert wurde jenes schrecklichste der Werkzeuge des Papsttums - die Inquisition - eingeführt. Der Fürst der Finsternis wirkte mit den Vorstehern der päpstlichen Priesterherrschaft. In ihren geheimen Beratungen beherrschten Satan und seine Engel die Gemüter der schlechten Menschen, während ungesehen ein Engel Gottes in ihrer Mitte stand und den furchtbaren Bericht ihrer gottlosen Beschlüsse aufnahm und die Geschichte von Taten niederschrieb, welche zu schrecklich sind, um vor menschlichen Augen zu erscheinen. „Babylon die große" war „trunken von dem BIute der Heiligen". Die verstümmelten Leiber und das Blut der Millionen von Märtyrer schrien zu Gott um Rache gegen jene abtrünnige Macht.

Das Papsttum war zum Zwingherrn der Welt geworden. Könige und Kaiser beugten sich vor den Erlassen des römischen Oberpriesters. Das Schicksal der Menschen, für Zeit und Ewigkeit, schien in seiner Gewalt zu sein. Jahrhunderte lang waren die Lehren Roms ausschließlich und unbedingt angenommen, seine Gebräuche ehrfurchtsvoll vollzogen, seine Feste allgemein beobachtet worden. Seine Geistlichkeit wurde geehrt und freigebig unterstützt. Nie seither hat die römische Kirche größere Würde, Herrlichkeit oder Macht erlangt.

Die Mittagszeit des Papsttums war die sittliche Mitternacht der Welt. Die Heilige Schrift war nicht nur dem Volke, sondern auch den Priestern beinahe unbekannt. Gleich den Pharisäern vor alters haßten die päpstlichen Anführer das Licht, welches ihre Sünden aufgedeckt hätte. Da Gottes Gesetz, die Richtschnur der Gerechtigkeit, weggetan worden war, übten sie Gewalt aus ohne Grenzen und begingen Laster ohne Einschränkung. Betrug, Geiz, Verworfenheit waren an der Tagesordnung. Die Menschen schreckten vor keinem Verbrechen zurück, durch welches sie Reichtum oder Stellung erlangen konnten. Die Paläste der Päpste und Prälaten waren der Schauplatz gemeinster Ausschweifungen. Einige der regierenden Päpste machten sich so empörender Verbrechen schuldig, daß weltliche Herrscher es versuchten, diese Würdenträger der Kirche, die zu niederträchtig waren, um geduldet zu werden, abzusetzen. Jahrhundertelang hatte Europa keinen Fortschritt in den Wissenschaften, der Kunst oder der Zivilisation gemacht. Eine sittliche und geistige Lähmung hatte das Christentum befallen.

Der Zustand der Welt unter der römischen Macht war eine furchtbare und auffallende Erfüllung der Worte des Propheten Hosea: „Mein Volk ist dahin, darum daß es nicht lernen will. Denn du verwirfst Gottes Wort, darum will ich dich auch verwerfen ... Du vergissest des Gesetzes deines Gottes, darum will ich auch deiner Kinder vergessen." „Denn es ist keine Treue, keine Liebe, kein Wort Gottes im Lande; sondern Gotteslästern, Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen hat überhand genommen, und kommt eine Blutschuld nach der andern." (Hosea 4, 6.1.2.) Solcher Art waren die Folgen der Verbannung des Wortes Gottes.
 

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