Kapitel 19  -  Am Jakobsbrunnen


Auf der Grundlage von Johannes 4:1-42.

Auf dem Wege nach Galiläa gelangte Jesus auch nach Samaria. Es war mittags, als er das schöne Tal Sichem erreichte, an dessen Eingang der Jakobsbrunnen lag. Ermüdet von der Reise, ließ sich der Heiland zur Rast nieder, während die Jünger hingingen, um Speise zu kaufen.

Die Juden und die Samariter waren bittere Feinde und vermieden es, so gut es möglich war, miteinander in Berührung zu kommen. Die Rabbiner erlaubten nur für den Notfall, in Handelsverbindung mit den Samaritern zu treten; jeder gesellige Umgang mit ihnen aber war verpönt. Jede Freundlichkeit oder gefällige Handlung, selbst einen Trunk Wasser oder ein Stück Brot, lehnte der Jude ab. Durchaus in Übereinstimmung mit dieser Sitte ihres Volkes kauften die Jünger lediglich die notwendige Speise. Weiter gingen sie nicht. Von einem Samariter irgendeine Gunst zu erbitten oder nach einer Wohltat zu trachten, lag selbst den Jüngern Christi fern.

Jesus saß durch Hunger und Durst ermattet am Brunnen. Er hatte mit seinen Jüngern seit dem Morgen eine lange Wanderung hinter sich, dazu schien jetzt die heiße Mittagssonne voll hernieder. Sein Durstgefühl verstärkte sich bei dem Gedanken, daß kühles, erfrischendes Wasser ihm so nahe und doch unerreichbar war, da er weder Strick noch Krug hatte und der Brunnen eine erhebliche Tiefe besaß. Er teilte das Los aller menschlichen Kreatur, und er wartete, bis jemand käme, um Wasser zu schöpfen.

Da kam eine Frau aus Samaria zum Brunnen und füllte ihren Krug mit Wasser; aber sie schien Jesu Gegenwart nicht zu bemerken. Als sie sich wieder zum Gehen wandte, bat der Heiland sie um einen Trunk. Eine solche Bitte würde kein Orientale abschlagen. Im Morgenland galt das Wasser als Gottesgabe. Dem durstigen Wanderer einen Trunk zu reichen, wurde als eine so heilige Pflicht angesehen, daß die Araber der Wüste keine Mühe scheuten, um sie zu erfüllen. Die Feindschaft, die zwischen Juden und Samaritern bestand, hielt jedoch die Frau davon ab, Jesus eine Freundlichkeit zu erweisen; doch der Heiland suchte das Herz dieser Frau zu gewinnen, indem er mit allem Feingefühl, aus göttlicher Liebe heraus, um eine Gunst bat, statt eine zu gewähren. Ein Anerbieten hätte abgeschlagen werden können, Zutrauen aber erweckt Zutrauen. Der König des Himmels kam zu dieser ausgestoßenen Seele und bat um einen Dienst von ihrer Hand. Er, der den Ozean werden ließ, der dem Wasser der großen Tiefe gebot; er, der die Quellen der Erde öffnete, ruhte müde am Jakobsbrunnen und war selbst um einen Trunk Wasser auf die Freundlichkeit einer Fremden angewiesen.

Die Frau sah, daß Jesus ein Jude war. In ihrer Überraschung vergaß sie, den Wunsch des Heilandes zu erfüllen, versuchte jedoch, dessen Ursache zu erfahren. „Wie bittest du von mir zu trinken, der du ein Jude bist, und ich ein samaritisch Weib?"

Jesus antwortete: „Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser." Johannes 4:9,10. Du wunderst dich, daß ich dich um eine so geringe Gunst wie um einen Trunk Wasser aus dem Brunnen zu unsern Füßen bitte; hättest du mich gebeten, würde ich dir von dem Wasser des ewigen Lebens gegeben haben.

Das Weib verstand Jesu Worte nicht; aber sie fühlte deren ernste Bedeutung. Ihr leichtes, herausforderndes Wesen änderte sich. Sie sagte, in der Annahme, Jesus spräche von dem Wasser dieses Brunnens: „Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfest, und der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges Wasser? Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken ..." Johannes 4:11,12. Sie sah nur einen müden Wanderer vor sich, verstaubt und durstig, und verglich ihn in Gedanken mit dem verehrten Patriarchen Jakob. Sie glaubte, und das ist ja ein ganz natürliches Gefühl, daß kein anderer Brunnen dem gleichen könnte, den die Vorväter gebaut hatten. Sie sah zurück in die Zeit der Väter und schaute vorwärts auf das Kommen des Messias. Und dabei stand die Hoffnung der Väter — der Messias — bei ihr, und sie kannte ihn nicht. Wie viele durstige Seelen befinden sich heute in unmittelbarer Nähe der lebendigen Quelle, dennoch suchen sie die Lebensquelle in der Ferne! „Sprich nicht in deinem Herzen: ‚Wer will hinauf gen Himmel fahren?' — nämlich Christus herabzuholen — oder: ‚Wer will hinab in die Tiefe fahren?' — nämlich Christus von den Toten heraufzuholen —, sondern was sagt sie: ‚Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen.' Denn so du mit deinem Munde bekennst Jesus, daß er der Herr sei, und glaubst in deinem Herzen, daß ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet." Römer 10:6-9.

Jesus beantwortete die ihn betreffende Frage nicht sofort, sondern sagte mit feierlichem Ernst: „Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt." Johannes 4:13,14.

Wer seinen Durst an den Quellen dieser Welt stillen will, wird immer wieder durstig werden; die Menschen bleiben unbefriedigt. Es verlangt sie nach etwas, das ihre Seele beruhigt. Dieses Verlangen kann nur einer stillen. Christus ist das Bedürfnis der Welt und die Sehnsucht der Völker. Die göttliche Gnade, die er allein mitteilen kann, ist wie lebendiges Wasser, das die Seele belebt, reinigt und erfrischt.

Jesus sagte nicht, daß ein einziger Trunk von dem Wasser des Lebens genügte. Wer von der Liebe Jesu schmeckt, verlangt beständig nach mehr; er sucht nichts anderes. Die Reichtümer, Ehren und Vergnügungen der Welt haben keinerlei Anziehungskraft mehr für ihn, sondern der beständige Ruf seines Herzens lautet: Mehr von dir! Und er, der der Seele ihre Bedürftigkeit offenbart, wartet darauf, den geistlichen Hunger und Durst zu stillen; denn menschliche Mittel und Wege vermögen es nicht. Die Wasserbehälter können leer werden, die Teiche austrocknen, aber unser Erlöser ist eine unversiegbare Quelle. Wir können trinken und immer wieder schöpfen und finden beständig frischen Vorrat. Wer in Christus wohnt, hat die Quelle des Segens in sich, hat „Brunnen des Wassers ... das in das ewige Leben quillt". Aus dieser Quelle kann er genügend Kraft und Gnade schöpfen, um alle Bedürfnisse zu befriedigen.

Als Jesus von dem lebendigen Wasser sprach, sah ihn das Weib verwundert an. Er erregte ihre Teilnahme und erweckte in ihr ein Verlangen nach jener Gabe, von der er sprach. Sie erkannte, daß er nicht das Wasser des Jakobsbrunnens meinte; denn davon trank sie täglich und wurde doch immer wieder durstig. „Herr", sagte sie zu ihm, „gib mir solches Wasser, auf daß mich nicht dürste!"

Plötzlich gab der Herr der Unterhaltung eine andere Wendung. Ehe diese Frau die Gabe empfangen konnte, die er ihr gern schenken wollte, mußte sie nicht nur ihre Sünde bekennen, sondern auch ihren Heiland erkennen. Er sprach zu ihr: „Gehe hin, rufe deinen Mann und komm her!" Sie sprach: „Ich habe keinen Mann." Mit dieser Antwort hoffte sie alle weiteren Fragen zu umgehen. Doch der Heiland fuhr fort: „Du hast recht gesagt: Ich habe keinen Mann. Fünf Männer hast du gehabt, und den du hast, der ist nicht dein Mann; da hast du recht gesagt." Johannes 4:15-18.

Die Samariterin zitterte. Eine geheimnisvolle Hand wendete die Blätter ihrer Lebensgeschichte um und brachte das zum Vorschein, was sie für immer zu verbergen gehofft hatte. Wer war dieser Mann, der die Geheimnisse ihres Lebens so genau kannte? Sie mußte zwangsläufig an die Ewigkeit denken, an das zukünftige Gericht, da alles, was jetzt verborgen ist, offenbar werden wird. In diesem Bewußtsein erwachte das Gewissen.

Leugnen konnte sie nicht, aber sie versuchte, diesem unangenehmen Gesprächsstoff auszuweichen. Mit großer Ehrerbietung sagte sie: „Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist." Johannes 4:19. Dann brachte sie die Rede auf religiöse Streitfragen, um ihr Gewissen zu beruhigen. Wenn dieser Mann ein Prophet war, dann konnte er ihr auch sicherlich alles erklären, was ihr bisher so strittig schien.

Geduldig ließ der Heiland der Samariterin bei der Führung des Gesprächs völlig freie Hand. Inzwischen wartete er auf eine Gelegenheit, ihrem Herzen aufs neue die Wahrheit nahezubringen. „Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet", sprach die samaritische Frau, „und ihr sagt, zu Jerusalem sei die Stätte, da man anbeten solle." Vor ihren Blicken lag der Berg Garizim, dessen Tempel verwüstet war. Nur der Altar stand noch. Um den Ort der Anbetung hatte es zwischen Juden und Samaritern Streit gegeben. Einige der samaritischen Vorfahren waren einst zu Israel gezählt worden; aber ihrer Sünden wegen hatte es der Herr zugelassen, daß sie von einem heidnischen Volk überwunden wurden. Schon viele Generationen hindurch lebten sie mit Götzenanbetern zusammen, deren Religion ihre eigene allmählich entstellt hatte. Sie behaupteten allerdings, daß ihre Götzen sie nur an den lebendigen Gott, den Herrscher des ganzen Weltalls, erinnern sollten, nichtsdestoweniger waren sie soweit gekommen, sich vor Götzenbildern zu beugen.

Als der Tempel in Jerusalem zur Zeit Esras wieder gebaut wurde, wollten sich die Samariter den Juden bei seinem Aufbau anschließen. Dieses Vorrecht wurde ihnen aber verweigert, und es entstand bittere Feindschaft zwischen beiden Völkern. Die Samariter bauten sich deshalb ihren Tempel auf dem Berge Garizim. Hier beteten sie Gott an in Übereinstimmung mit den mosaischen Gebräuchen, obgleich sie den Götzendienst nicht völlig aufgegeben hatten. Aber das Unglück verfolgte sie. Ihr Tempel wurde von Feinden zerstört; sie schienen unter einem Fluch zu stehen. Dennoch hielten sie an ihren Überlieferungen und an ihrer Form des Gottesdienstes fest. Sie wollten den Tempel zu Jerusalem nicht als Haus Gottes anerkennen und auch nicht zugeben, daß die jüdische Religion der ihren überlegen war.

Auf die Frage der Samariterin antwortete Jesus: „Glaube mir, es kommt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge noch zu Jerusalem werdet den Vater anbeten. Ihr wisset nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden." Johannes 4:21,22. Jesus hatte damit bewiesen, daß er frei war von dem jüdischen Vorurteil gegen die Samariter. Er versuchte sogar das Vorurteil der Samariterin gegen die Juden zu beseitigen. Während er darauf verwies, daß der Glaube der Samariter durch den Götzendienst verdorben war, erklärte er, daß die großen Wahrheiten über die Erlösung den Juden anvertraut seien und daß aus ihrem Volk auch der Messias kommen sollte. In den heiligen Schriften hatten sie eine klare Darstellung vom Wesen Gottes und von den Grundsätzen seiner Regierung. Jesus rechnete sich selbst zu den Juden, denen Gott die Erkenntnis über seine Person gegeben hatte.

Er wünschte die Gedanken seiner Zuhörerin über alles Äußere und über alle Streitfragen hinauszuheben. „Es kommt die Zeit und ist schon jetzt, daß die wahrhaftigen Anbeter werden den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit; denn der Vater will haben, die ihn also anbeten. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten." Johannes 4:23,24.

Mit diesen Worten ist die gleiche Wahrheit ausgesprochen, die Jesus schon Nikodemus offenbart hatte, als er sagte: „Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen." Johannes 3:3. Menschen werden dem Himmel nicht nähergebracht, indem sie einen heiligen Berg oder einen geweihten Tempel aufsuchen. Die Religion ist nicht auf lediglich äußere Formen und Handlungen beschränkt. Die Religion, die von Gott kommt, ist auch die einzige Religion, die zu Gott führt. Um ihm in der richtigen Weise zu dienen, müssen wir durch den Geist Gottes neu geboren werden. Dieser wird unsere Herzen reinigen und unseren Sinn erneuern und uns die Fähigkeit schenken, Gott zu erkennen und zu lieben. Er wird in uns die Bereitschaft wecken, allen seinen Anforderungen gehorsam zu sein. Dies allein ist wahre Anbetung. Sie ist die Frucht der Wirksamkeit des Geistes Gottes. Jedes aufrichtige Gebet ist durch den Geist eingegeben, und ein solches Gebet ist Gott angenehm. Wo immer eine Seele nach Gott verlangt, dort bekundet sich das Wirken des Geistes, und Gott wird sich jener Seele offenbaren. Nach solchen Anbetern sucht er. Er wartet darauf, sie anzunehmen und sie zu seinen Söhnen und Töchtern zu machen.

Jesu Worte machten schon während ihrer Unterhaltung großen Eindruck auf die Samariterin. Weder von den Priestern ihres Volkes noch von den Juden hatte sie jemals solche Gedanken gehört. Als der Heiland ihr vergangenes Leben vor ihr enthüllt hatte, war sie sich ihres großen Mangels bewußt geworden. Sie erkannte den Durst ihrer Seele, den die Wasser des Brunnens von Sichar nimmer zu stillen vermochten. Sie war bisher nie mit etwas in Berührung gekommen, das ihr Verlangen nach Höherem geweckt hatte. Jesus hatte sie überzeugt, daß er ihr Leben genau kannte. Dennoch fühlte sie, daß er ihr Freund war, der Mitleid mit ihr hatte und der sie liebte. Obgleich sie sich durch seine reine Gegenwart in ihrer Sünde verdammt fühlte, hatte er kein Wort des Tadels gesprochen, sondern ihr von seiner Gnade erzählt, die ihre Seele erneuern könnte. Sie wurde von seinem Charakter überzeugt, und sie fragte sich, ob dieser Mann nicht der langersehnte Messias sei. Sie sagte zu ihm: „Ich weiß, daß der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn derselbe kommen wird, so wird er's uns alles verkündigen. Jesus spricht zu ihr: Ich bin's, der mit dir redet." Johannes 4:25,26.

Als sie diese Worte hörte, glaubte sie in ihrem Herzen; sie nahm die wunderbare Verkündigung aus dem Munde des göttlichen Lehrers an.

Das Gemüt dieser Frau war empfänglich; sie war bereit, diese herrliche Offenbarung zu erfassen. Die heiligen Schriften waren ihr lieb und wert, und der Heilige Geist hatte ihre Seele auf eine größere Erkenntnis vorbereitet. Sie kannte die Verheißung des Alten Testamentes: „Einen Propheten wie mich wird dir der Herr, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen." 5.Mose 18:15. Sie hatte sich immer schon danach gesehnt, diese Verheißung zu verstehen. Nun fiel ein Lichtstrahl in ihre Seele. Das Wasser des Lebens — das geistliche Leben — das Christus jeder dürstenden Seele gibt, war ihrem Herzen geschenkt worden. Gottes Geist wirkte an ihr.

Die schlichte Darstellung, die Jesus dieser Frau gab, hätte er den selbstgerechten Juden nicht geben können. Christus war zurückhaltender, wenn er mit ihnen sprach. Was den Juden vorenthalten wurde, was auch die Jünger mit Zurückhaltung behandeln sollten, offenbarte er dieser Samariterin. Jesus sah, daß sie diese Erkenntnis benutzen würde, andere an seiner Gnade teilhaben zu lassen.

Die von ihrem Auftrag zurückkommenden Jünger waren überrascht, ihren Meister im Gespräch mit der Samariterin zu finden. Er hatte den erfrischenden und so sehr begehrten Trunk nicht genommen und fand auch nicht die Zeit, die von den Jüngern gebrachte Speise zu sich zu nehmen. Nach dem Fortgang der Frau baten die Jünger ihn, zu essen. Der Heiland aber saß still und nachdenklich; sein Angesicht strahlte von einem inneren Licht, und sie fürchteten, seine Gemeinschaft mit Gott zu stören. Sie wußten, daß er hungrig und matt war, und sie fühlten sich verpflichtet, ihn an seine leiblichen Bedürfnisse zu erinnern. Jesus anerkannte ihre liebevolle Fürsorge und sagte: „Ich habe eine Speise zu essen, von der ihr nicht wisset."

Verwundert fragten sich die Jünger, wer ihm Speise gebracht haben konnte. Doch der Herr erklärte ihnen: „Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk." Johannes 4:34. Jesus freute sich, daß seine Worte das Gewissen der Samariterin geweckt hatten. Er sah, daß diese Seele von dem Wasser des Lebens gläubig trank, und sein eigener Hunger und Durst waren gestillt. Die Erfüllung seiner Aufgabe, um derentwillen er den Himmel verlassen hatte, stärkte ihn für seine Arbeit und erhob ihn über die menschlichen Bedürfnisse. Es war ihm wichtiger, einer hungernden und dürstenden Seele mit der Wahrheit zu dienen, als selbst leibliche Nahrung zu genießen. Wohlzutun war sein Leben!

Unser Heiland dürstet danach, angenommen zu werden; er hungert nach dem Mitgefühl und der Liebe derer, die er mit seinem eigenen Blut erkauft hat. Mit innigem Verlangen sehnt er sich danach, daß sie zu ihm kommen und das Wasser des Lebens empfangen. Wie eine Mutter auf das erste erkennende Lächeln ihres Kindes achtet, das dadurch sein erwachendes Verständnis anzeigt, so wartet Christus auf den Ausdruck dankbarer Liebe, der ihm zeigt, daß das geistliche Leben in den Herzen der Menschen erwacht ist.

Die Worte Jesu hatten die Samariterin mit Freude erfüllt. Die wunderbare Offenbarung überwältigte sie fast. Sie ließ ihren Krug stehen und eilte in die Stadt, um den andern diese Botschaft zu bringen. Jesus wußte, warum sie gegangen war; der zurückgelassene Wasserkrug sprach unmißverständlich von der Wirkung seiner Worte. Das samaritische Weib verlangte nach dem lebendigen Wasser. Sie vergaß den Zweck ihres Kommens, vergaß auch des Heilandes Durst, den sie doch stillen wollte. Sie eilte mit freudig erregtem Herzen in die Stadt zurück, um den andern das köstliche Licht mitzuteilen, das sie empfangen hatte.

„Kommt, sehet einen Menschen, der mir gesagt hat alles, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei!" So rief sie den Leuten in der Stadt zu. Und ihre Worte machten tiefen Eindruck; die Gesichter hellten sich auf und bekamen einen anderen Ausdruck, ihre ganze Erscheinung veränderte sich. Sie verlangten danach, Jesus zu sehen, und sie gingen „aus der Stadt und kamen zu ihm". Johannes 4:29,30.

Jesus saß noch auf dem Brunnenrand; sein Blick wanderte über die sich vor ihm ausbreitenden reifenden Kornfelder, auf denen die leuchtende Sonne lag. Er machte seine Jünger auf dieses Bild aufmerksam und knüpfte eine Belehrung daran: „Saget ihr nicht: Es sind noch vier Monate, dann kommt die Ernte? Siehe, ich sage euch: Hebet eure Augen auf und sehet in das Feld, denn es ist weiß zur Ernte." Johannes 4:35. Während er so sprach, blickte er auf die Schar, die raschen Schrittes dem Brunnen zueilte. Es waren noch vier Monate bis zur Erntezeit des Getreides; aber hier war schon eine Ernte reif für den Schnitter.

„Schon empfängt Lohn", sagte er, „der da schneidet, und sammelt Frucht zum ewigen Leben, auf daß sich miteinander freuen, der da sät und der da schneidet. Denn hier ist der Spruch wahr: Dieser sät, der andere schneidet." Johannes 4:36,37. Hiermit kennzeichnete Jesus die hohe Aufgabe, die die Verkündiger des Evangeliums Gott gegenüber zu erfüllen haben. Sie sollen seine lebendigen Werkzeuge sein; denn Gott verlangt ihren persönlichen Dienst. Ob wir nun säen oder ernten, wir arbeiten für den Herrn. Einer streut den Samen aus, der andere birgt die Ernte; beide aber empfangen ihren Lohn. Sie erfreuen sich gemeinsam des Erfolges ihrer Arbeit.

Jesus sprach zu den Jüngern: „Ich habe euch gesandt, zu schneiden, was ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet, und ihr seid in ihre Arbeit gekommen." Johannes 4:38. Der Heiland schaute hier schon voraus auf die große Ernte am Pfingsttage. Die Jünger sollten dies keineswegs als Ergebnis ihrer eigenen Bemühungen betrachten. Sie setzten lediglich die Arbeit anderer fort. Seit dem Fall Adams hatte Christus fortwährend die Saat des Wortes an seine erwählten Diener weitergegeben, damit sie in die Herzen der Menschen gesenkt würde. Und ein unsichtbarer Mittler, ja eine allgegenwärtige Macht war in aller Stille, aber wirksam tätig gewesen, um die Ernte hervorzubringen. Der Tau, der Regen und der Sonnenschein der Gnade Gottes waren gegeben worden, um die ausgestreute Saat zu erfrischen und zu hegen. Christus war nun im Begriff, die Saat mit seinem eigenen Blut zu tränken. Seinen Jüngern wurde das Vorrecht eingeräumt, mit Gott zusammenzuarbeiten. Sie waren Mitarbeiter Christi und darin Nachfolger der heiligen Männer von alters her. Durch die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten wurden Tausende an einem Tag gläubig. Das war das Ergebnis der Aussaat Christi, die Ernte seines Wirkens.

Jesu Worte, die er zur Samariterin am Brunnen gesprochen hatte, waren auf fruchtbaren Boden gefallen. Wie schnell reifte die Ernte heran! Die Samariter kamen, hörten Jesus und glaubten an ihn. Sie scharten sich um ihn, überhäuften ihn mit Fragen und nahmen seine Erklärungen über alles, was ihnen bisher unverständlich gewesen war, aufmerksam entgegen. Während sie ihm lauschten, begann ihre Unruhe zu weichen. Sie waren gleich einem Volke, das in großer Dunkelheit einem plötzlich aufleuchtenden Lichte nachging, bis es den hellen Tag fand. Sie wurden nicht müde, dem Herrn zuzuhören, und wollten sich nicht mit einem kurzen Gespräch begnügen. Sie wollten mehr hören und wünschten auch, daß ihre Freunde in der Stadt diesen wunderbaren Lehrer hören möchten. So luden sie den Herrn ein, mit ihnen zu kommen und in ihrer Stadt zu bleiben. Zwei Tage weilte Jesus in Samarien, und viele Samariter wurden gläubig.

Die Pharisäer verachteten die Einfachheit Jesu. Sie leugneten seine Wunder, forderten aber ein Zeichen, daß er der Sohn Gottes sei. Die Samariter forderten kein Zeichen. Jesus wirkte auch keine Wunder unter ihnen — nur der Samariterin hatte er am Brunnen das Geheimnis ihres Lebens offenbart —, und doch erkannten viele in ihm ihren Heiland. In großer Freude sagten sie zum Weibe: „Wir glauben hinfort nicht um deiner Rede willen; wir haben selber gehört und erkannt, daß dieser ist wahrlich der Welt Heiland." Johannes 4:42.

Die Samariter glaubten, daß der Messias als Erlöser nicht nur der Juden, sondern der ganzen Welt gekommen war. Der Heilige Geist hatte ihn durch Mose als einen von Gott gesandten Propheten vorausgesagt. Jakob hatte erklärt, daß diesem alle Völker anhangen werden, und Abraham ließ erkennen, daß in jenem Einen alle Völker gesegnet werden sollen. 1.Mose 49:10; 1.Mose 22:18; 1.Mose 12:3; 1.Mose 26:4; Galater 3:16. Auf diese Schriften gründeten die Samariter ihren Glauben an den Messias. Die Tatsache, daß die Juden die späteren Propheten mißdeutet haben, indem sie dem ersten Kommen Jesu allen Glanz und alle Herrlichkeit seines zweiten Kommens zuschrieben, hatte die Samariter veranlaßt, alle heiligen Schriften bis auf die von Mose gegebenen beiseite zu legen. Doch als der Heiland diese falschen Auslegungen hinwegwischte, nahmen viele die späteren Weissagungen an und auch die Worte von Christus selbst, die sich auf das Reich Gottes bezogen.

Jesus hatte begonnen, die Scheidewand zwischen Juden und Heiden niederzureißen und der ganzen Welt die Heilsbotschaft zu verkünden. Obgleich er ein Jude war, verkehrte er unbefangen mit den Samaritern und beachtete nicht im geringsten den pharisäischen Brauch seines Volkes. Trotz aller Vorurteile nahm er die Gastfreundschaft dieser verachteten Menschen an. Er schlief unter ihrem Dach, aß mit ihnen an ihrem Tisch die Speise, die ihre Hände bereitet und aufgetragen hatten, lehrte auf ihren Straßen und behandelte sie äußerst freundlich und höflich.

Im Tempel zu Jerusalem trennte eine niedrige Mauer den äußeren Hof von allen anderen Teilen der geweihten Stätte. An dieser Mauer stand in mehreren Sprachen zu lesen, daß es nur den Juden erlaubt sei, diese Abgrenzung zu überschreiten. Würde ein Heide es gewagt haben, den umgrenzten Bereich zu betreten, hätte er den Tempel entweiht und diesen Frevel mit seinem Leben bezahlen müssen. Doch Jesus, der Schöpfer des Tempels und zugleich auch dessen Diener, zog die Heiden zu sich durch das Band seiner Zuneigung, während seine göttliche Gnade ihnen das Heil brachte, das die Juden verwarfen.

Der Aufenthalt in Samaria sollte für seine Jünger, die noch unter dem Einfluß des jüdischen Fanatismus standen, ein besonderer Segen sein. Sie waren der Auffassung, daß die Treue zum eigenen Volk von ihnen verlangte, Feindschaft gegen die Samariter zu hegen. Sie wunderten sich deshalb über das Verhalten Jesu. Sie konnten es jedoch nicht ablehnen, seinem Beispiel zu folgen, und während der beiden Tage in Samaria trug ihre Loyalität ihm gegenüber dazu bei, daß sie mit ihren Vorurteilen zurückhielten; dennoch waren sie in ihrem Herzen unversöhnt. Nur langsam lernten sie, daß ihre Verachtung und ihre Feindseligkeit der Barmherzigkeit und dem Mitgefühl weichen mußten. Doch nach der Himmelfahrt des Herrn sahen sie seine Lehren unter völlig neuem Vorzeichen. Nach der Ausgießung des Heiligen Geistes erinnerten sie sich der Blicke des Heilandes, seiner Worte, seines achtungsvollen und besorgten Verhaltens gegenüber diesen verachteten Fremden. Als Petrus nach Samaria ging, das Wort zu verkündigen, war sein Wirken von dem gleichen Geist erfüllt. Als Johannes nach Ephesus und Smyrna gerufen wurde, erinnerte er sich der Erfahrung am Brunnen zu Sichem, und er war voller Dankbarkeit gegenüber dem göttlichen Lehrer, der, die Schwierigkeiten, die ihnen begegnen würden, voraussehend, ihnen durch sein eigenes Vorbild geholfen hatte.

Der Heiland tut heute noch das gleiche wie damals, als er der Samariterin das Wasser des Lebens anbot. Jene, die sich seine Nachfolger nennen, mögen die Ausgestoßenen verachten und meiden; aber keinerlei Umstände der Herkunft oder Nationalität, keinerlei Lebensumstände können den Menschenkindern seine Liebe entziehen. Einer jeden Seele, wie sündig sie auch sein mag, sagt der Herr: Hättest du mich gebeten, ich würde dir lebendiges Wasser gegeben haben.

Die Einladung des Evangeliums soll nicht beschränkt oder nur wenigen Auserwählten mitgeteilt werden, die uns durch seine Annahme zu ehren vermeinen. Die Botschaft soll allen Menschen zuteil werden. Wo immer Herzen für die Wahrheit offen stehen, ist Christus bereit, sie zu belehren. Er offenbart ihnen den Vater und die Art der Anbetung, die dem Herrn, der in aller Menschen Herzen liest, angenehm ist. Zu ihnen spricht er nicht in Gleichnissen; zu ihnen spricht er wie damals zur Samariterin am Brunnen bei Sichar: „Ich bin's, der mit dir redet."

Als Jesus sich am Jakobsbrunnen niederließ, um zu ruhen, kam er aus Judäa, wo sein Wirken nur wenig Frucht gebracht hatte. Er war von den Priestern und Rabbinern verworfen worden, und selbst jene, die seine Jünger sein wollten, hatten seinen göttlichen Charakter nicht erkannt. Obgleich der Heiland müde und matt war, benutzte er doch die Gelegenheit, mit der Samariterin zu reden, einer Fremden und Abtrünnigen von Israel, die dazu in offenkundiger Sünde lebte.

Der Heiland wartete nicht, bis sich eine ganze Schar von Zuhörern versammelt hatte. Oft begann er auch vor nur wenigen zu lehren; doch die Vorübergehenden blieben einer nach dem andern stehen und hörten zu, bis eine große Menge verwundert und ehrfürchtig zugleich den Worten des göttlichen Lehrers lauschte. Der Diener Gottes darf nicht glauben, zu wenigen Menschen nicht mit demselben Eifer reden zu können wie zu einer großen Versammlung. Es mag nur eine Seele die Botschaft hören; doch wer kann sagen, wie weitreichend ihr Einfluß sein wird? Selbst die Jünger hielten es nicht für lohnend, daß sich der Heiland mit der Samariterin beschäftigte. Jesus aber sprach mit dieser Frau ernster und eifriger als mit Königen, Räten oder Hohenpriestern. Die Lehren, die er ihr mitteilte, sind bis an die entferntesten Enden der Erde gedrungen.

Sobald die Samariterin den Heiland gefunden hatte, brachte sie andere Seelen zu ihm. Sie war in ihrer Missionsarbeit wirksamer als die Jünger des Herrn. Diese erblickten in Samaria kein versprechendes Arbeitsfeld, sondern ihre Gedanken waren auf eine große Aufgabe gerichtet, die in der Zukunft geschehen sollte. Darum sahen sie auch nicht die Ernte, die um sie herum zu bergen war. Durch das samaritische Weib, das sie verachteten, waren die Einwohner einer ganzen Stadt zum Heiland gekommen, um von ihm zu hören; sie brachte das empfangene Licht unverzüglich ihren Landsleuten.

Diese Frau versinnbildet das Wirken des praktischen Glaubens. Jeder wahre Jünger wird für das Reich Gottes geboren, um ein Missionar zu sein. Wer von dem lebendigen Wasser trinkt, wird selbst eine Quelle des Lebens; der Empfänger wird zum Geber. Die Gnade Christi in der Seele ist gleich einer Quelle in der Wüste, die hervorsprudelt, um alle zu erfrischen, und die in allen, die dem Verschmachten nahe sind, das Verlangen nach dem Lebenswasser weckt.


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