„Wehe euch, Schriftgelehrte
und Pharisäer ...“


Gemäß Matthäus 23; Markus 12:41-44; Lukas 20:45-47; Lukas 21:1-4.

Es war der letzte Tag, den Jesus im Tempel lehrte. Die Aufmerksamkeit der riesigen Menschenmenge, die in Jerusalem versammelt war, hatte sich ihm zugewandt. Das Volk füllte die Höfe des Tempels und beobachtete den Streit, der im Gange war. Begierig fingen sie jedes Wort auf, das aus dem Munde Jesu kam. Nie zuvor hatte man solches gesehen. Da stand der junge Galiläer, ohne irdischen Glanz und ohne königliche Würde, umgeben von den Priestern in ihren reichen Gewändern, den Obersten in ihrer Amtskleidung mit den Zeichen ihrer Würde, die ihre erhöhte Stellung erkennen ließen, und den Schriftgelehrten mit den Pergamentrollen in den Händen, auf die sie häufig verwiesen. Gelassen, mit königlicher Erhabenheit stand Jesus vor ihnen. Ausgestattet mit der Vollmacht des Himmels, blickte er unentwegt auf seine Widersacher, die seine Lehren verworfen und verachtet hatten und ihm nach dem Leben trachteten. Sie hatten ihn häufig angegriffen, doch ihre Anschläge, ihn zu fangen und zu verurteilen, waren vergebens gewesen. Herausforderung auf Herausforderung war er entgegengetreten, indem er die reine, leuchtende Wahrheit im Gegensatz zu der geistlichen Unwissenheit und den Irrtümern der Priester und Pharisäer darstellte. Er hatte diesen Führern des Volkes ihren wahren Zustand vor Augen geführt und auch die mit Sicherheit folgende Vergeltung, wenn sie in ihren bösen Taten beharrten. Sie waren gewissenhaft gewarnt worden. Jetzt blieb ihm etwas anderes zu tun; ein anderes Ziel galt es noch zu erreichen.

Die Anteilnahme des Volkes an Christus und seiner Tätigkeit hatte ständig zugenommen. Die Juden waren von seinen Lehren begeistert, gleichzeitig fühlten sie sich auch sehr verwirrt. Bisher hatten sie die Priester und Rabbiner wegen ihrer Weisheit und augenscheinlichen Frömmigkeit geachtet und ihrer Autorität in allen religiösen Belangen stets blind vertraut. Doch jetzt sahen sie diese Männer bei dem Versuch, Jesus herabzuwürdigen, ihn, einen Lehrer, dessen Tugend und dessen Erkenntnis aus jedem Angriff um so glänzender hervorleuchteten. Sie blickten auf das Mienenspiel der Priester und Ältesten und sahen dort Verdruß und Verwirrung. Die meisten von ihnen wunderten sich, daß die Obersten nicht an Jesus glauben wollten, da seine Lehren doch so klar und einfach waren. Sie selbst wußten nicht, was sie tun sollten. Mit gespannter Sorge beobachteten sie die Reaktion jener, deren Rat sie stets gefolgt waren.

Mit seinen Gleichnissen verfolgte Jesus zweierlei: er wollte die Obersten warnen und gleichzeitig das Volk belehren, das willig war, sich belehren zu lassen. Dazu war es notwendig, noch deutlicher zu sprechen. Ihre Ehrfurcht vor der Tradition und ihr blinder Glaube an eine verderbte Priesterschaft hatte das Volk in sklavische Abhängigkeit gebracht. Diese Ketten mußte Christus zerbrechen. Das wahre Wesen der Priester, Obersten und Pharisäer mußte restlos enthüllt werden.

„Auf des Mose Stuhl", sagte Christus, „sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht tun; sie sagen's wohl, und tun's nicht." Matthäus 23:2,3. Die Schriftgelehrten und Pharisäer behaupteten, wie Mose mit göttlicher Vollmacht ausgerüstet zu sein. Sie maßten sich an, seinen Platz als Ausleger des Gesetzes und Richter des Volkes einzunehmen. Als solche forderten sie vom Volk größte Ehrerbietung und völligen Gehorsam. Der Herr gebot den Zuhörern, alles zu tun, was die Rabbiner in Übereinstimmung mit dem Gesetz lehrten, niemals aber ihrem Beispiel zu folgen, da diese selbst nicht nach ihrer Lehre handelten.

Sie verkündigten vieles, was den heiligen Schriften entgegen war. Jesus sagte: „Sie binden schwere Bürden und legen sie den Menschen auf den Hals; aber sie selbst wollen sie nicht mit einem Finger anrühren." Matthäus 23:4. Die Pharisäer hatten eine Fülle von Vorschriften eingeführt, die sich lediglich auf Überlieferungen gründeten und die die persönliche Freiheit auf eine unvernünftige Art beschränkten. Bestimmte Teile des Gesetzes erklärten sie so, daß dem Volk Pflichten auferlegt wurden, die sie selbst insgeheim unbeachtet ließen und von denen entbunden zu sein sie behaupteten, wenn es ihren Absichten nutzte.

Sie waren stets darauf aus, ihre Frömmigkeit zur Schau zu stellen. Nichts war ihnen zu heilig, um nicht diesem Ziele zu dienen. Im Hinblick auf die Beachtung seiner Gebote hatte Gott zu Mose gesagt: „Du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein." 5.Mose 6:8. In diesen Worten liegt eine tiefe Bedeutung. Der ganze Mensch wird zum Guten hin verändert, wenn er über das Wort Gottes nachdenkt und es befolgt. Seine Hände werden durch rechtschaffene und barmherzige Taten die Grundzüge des göttlichen Gesetzes öffentlich besiegeln. Sie werden weder durch Bestechung noch durch irgend etwas anderes, das verderblich und betrügerisch ist, befleckt werden. Statt dessen werden sie Werke der Liebe und des Mitgefühls vollbringen. Die Augen, die auf ein edles Ziel gerichtet sind, werden klar und wahr blicken. Die Gesichtszüge, der Blick, werden den makellosen Charakter eines Menschen widerspiegeln, der das Wort Gottes liebt und ehrt. Aber an den Juden in den Tagen Christi konnte man dies alles nicht feststellen. Die dem Mose erteilte Weisung wurde dahingehend ausgelegt, daß die Gebote der Schrift buchstäblich am Leibe getragen werden sollten. Zu diesem Zweck schrieb man sie auf Pergamentstreifen, die man in auffälliger Weise um Kopf und Handgelenke band. Dadurch konnte das Gesetz Gottes jedoch keinen nachhaltigeren Einfluß auf Geist und Herz ausüben; denn diese Pergamente wurden lediglich als eine Art Abzeichen getragen, eben um Aufsehen zu erregen. Sie sollten den Träger mit einem Nimbus der Weihe umgeben und die Ehrfurcht der Leute herausfordern. Solcher eitlen Vorspiegelung versetzte Jesus mit den folgenden Worten einen schweren Schlag:

„Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. Sie sitzen gerne obenan bei Tisch und in den Synagogen und haben's gerne, daß sie gegrüßt werden auf dem Markt und von den Menschen Rabbi genannt werden. Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. Und ihr sollt niemand euren Vater heißen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. Und ihr sollt euch nicht lassen Lehrer nennen; denn einer ist euer Lehrer, Christus." Matthäus 23:5-10. Mit diesen deutlichen Worten brandmarkte der Heiland das selbstsüchtige, immer auf Macht und Ansehen bedachte Streben, das sich scheinbar demütig gibt, tatsächlich aber voll Geiz und Neid ist. Wenn zum Beispiel Leute zu einem Fest eingeladen wurden, setzte man die Gäste gemäß ihrer sozialen Stellung. Wem der ehrenvollste Platz eingeräumt wurde, dem erwies man erhöhte Aufmerksamkeit und besonderes Wohlwollen. Die Pharisäer waren stets besorgt, sich derartige Ehrungen zu sichern. Dieses Verhalten tadelte Jesus.

Er verurteilte ebenso den Stolz, der sich in der Vorliebe für die Anrede „Rabbi" oder „Herr" äußerte. Solch ein Titel, so sagte er, komme Menschen nicht zu, sondern nur Christus. Priester, Schriftgelehrte und Oberste, Ausleger und Treuhänder des Gesetzes, sie alle seien Brüder, Kinder eines Vaters. Jesus verlangte von den Leuten nachdrücklich, daß sie keinem Menschen einen Ehrentitel verleihen sollten, der anzeigen könnte, sein Träger dürfe ihr Gewissen oder ihren Glauben beherrschen.

Lebte Christus heute auf Erden, umgeben von Menschen, die den Titel Ehrwürden oder Hochwürden trügen, wiederholte er bestimmt das Wort: „Ihr sollt euch nicht lassen Lehrer nennen; denn einer ist euer Lehrer, Christus." Matthäus 23:5-10. Die Heilige Schrift sagt über Gott: „Heilig und hehr ist sein Name." Psalm 111:9. Auf welchen Menschen träfe wohl solch eine Ehrenbezeichnung zu? Wie wenig offenbaren Menschen doch von der Weisheit und Gerechtigkeit, die dafür erforderlich wären! Und wie viele von denen, die diesen Titel annehmen, stellen den Namen und das Wesen Gottes falsch dar! Ja, wie oft verbergen sich unter dem reich geschmückten Äußeren eines hohen und heiligen Amtes weltlicher Ehrgeiz, Gewalttat und niedrigste Sünden!

Der Heiland fuhr fort: „Der Größte unter euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht." Matthäus 23:11,12. Christus wurde nicht müde zu lehren, daß wahre Größe an sittlichen Maßstäben gemessen werden muß. In der Beurteilung des Himmels besteht charakterliche Größe darin, zum Wohle der Mitmenschen zu leben und Taten der Liebe und Barmherzigkeit zu vollbringen. Christus, der König der Herrlichkeit, war selbst ein Diener des gefallen Menschen.

„Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließet vor den Menschen! Ihr gehet nicht hinein, und die hinein wollen, lasset ihr nicht hineingehen." Matthäus 23:13. Durch die falsche Auslegung der Heiligen Schriften verblendeten die Priester und Schriftgelehrten die Sinne derer, die sonst die Erkenntnis über das Reich Gottes empfangen hätten sowie jenes innere, göttliche Leben, das zur wahren Heiligkeit unbedingt notwendig ist.

„Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, die ihr der Witwen Häuser fresset und verrichtet zum Schein lange Gebete! Darum werdet ihr ein desto schwereres Urteil empfangen." Matthäus 23:14. Die Pharisäer übten großen Einfluß auf das Volk aus und zogen daraus Vorteile für ihre eigenen Interessen. Sie gewannen das Vertrauen frommer Witwen und stellten es diesen als eine Pflicht dar, ihr Eigentum religiösen Zielen zu weihen. Verfügten sie dann über das Vermögen dieser Frauen, verwandten die verschlagenen Ränkeschmiede es zu ihrem eigenen Nutzen. Um ihren Betrug zu vertuschen, sprachen sie öffentlich lange Gebete und trugen eine betonte Frömmigkeit zur Schau. Diese Heuchelei würde ihnen, wie Jesus sagte, eine um so schwerere Verurteilung einbringen. In gleicher Weise müssen aber auch in unseren Tagen viele getadelt werden, die ihre Frömmigkeit wer weiß wie groß herausstellen. Ihr Leben ist von Selbstsucht und Habgier verunreinigt. Trotzdem überdecken sie alles mit dem Gewand scheinbarer Reinheit und können so eine Zeitlang ihre Mitmenschen täuschen. Doch Gott können sie nicht hinters Licht führen. Er kennt jede im Herzen verborgene Absicht und wird jeden Menschen nach seinen Taten richten.

Schonungslos verurteilte Jesus alle Mißbräuche, ohne dabei die Verpflichtungen zu verringern, die das Gesetz dem Gläubigen auferlegt. Er tadelte die Selbstsucht, die der Witwen Gaben erpreßte und falsch verwendete, gleichzeitig lobte er die Witwe, die ihre Gaben in die Schatzkammer Gottes brachte. Der Mißbrauch der Opfergaben vermochte dem Geber den Segen Gottes nicht zu rauben.

Der Heiland stand im Vorhof in der Nähe des Gotteskastens und beobachtete, wie die Gläubigen ihre Gaben darbrachten. Viele der wohlhabenden brachten große Summen, die sie auffällig in den Kasten legten. Der Herr sah sie traurig an, sagte jedoch nichts zu ihrem großzügigen Opfer. Als aber eine arme Witwe sich zögernd näherte, als fürchte sie, beobachtet zu werden, erhellte sich sein Angesicht. Als die Reichen und Hochmütigen vorübereilten, um ihre Gaben in den Kasten zu legen, schreckte sie zurück, als ob es großen Mut kostete, sich weiter heranzuwagen. Dennoch verlangte es sie, für die Sache, die sie liebte, ebenfalls etwas zu geben, sei es auch noch so gering. Die Frau schaute auf die Münzen in ihrer Hand. Es war wenig im Vergleich zu den Gaben der anderen; doch es war alles, was sie besaß. Sie paßte eine günstige Gelegenheit ab, warf rasch ihre zwei Scherflein in den Kasten und ging eilends davon. Dabei begegnete sie dem Blick Jesu, der mit großem Ernst auf ihr ruhte.

Jesus rief seine Jünger zu sich und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Armut der Witwe. Dann sprach er die lobenden Worte: „Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die eingelegt haben." Markus 12:43. Freudentränen standen bei diesen Worten in den Augen der armen Frau; sie fühlte ihre Tat verstanden und gewürdigt. Viele würden ihr geraten haben, ihre kleine Gabe für sich zu behalten, da sie in den Händen der wohlgenährten Priester unter den vielen reichen Gaben, die in die Schatzkammer gebracht wurden, nichts bedeutete. Aber Jesus kannte ihr Herz. Sie glaubte, daß der Tempeldienst von Gott eingesetzt war, und sie zeigte sich eifrig bestrebt, alles ihr mögliche zu tun, um ihn zu unterstützen. Weil sie tat, was sie konnte, wurde ihr Handeln für alle Zeit ein Denkmal zu ihrem Gedächtnis. Sie hatte ihr Herz sprechen lassen. Ihre Gabe wurde nicht nach dem Wert der Münze beurteilt, sondern vielmehr nach der Liebe zu Gott und der Anteilnahme an seinem Werk, die sie ja zu jener Gabe veranlaßt hatte.

Jesus sagte von der armen Witwe, daß sie mehr als sie alle eingelegt habe. Die Reichen hatten von ihrem Überfluß gegeben, viele sogar lediglich aus dem Grunde, um von andern gesehen und geehrt zu werden. Ihre große Gabe hatte weder ihrer Bequemlichkeit noch ihrem Überfluß Abbruch getan. Es war für sie kein wirkliches Opfer, und ihre Gabe hielt keinen Vergleich aus mit dem Scherflein der Witwe.

Das Motiv ist es, das für unsere Handlungen maßgebend ist; es bestimmt ihren Wert oder Unwert. Nicht die großen Dinge, die jedes Auge sieht und jede Zunge lobt, nennt Gott die köstlichsten, sondern es sind die kleinen, freudig erfüllten Pflichten, geringe, unauffällige Gaben, die menschlichen Augen wertlos dünken mögen, welche Gott oft am höchsten bewertet. Ein Herz voll Glauben und Liebe ist dem Herrn mehr wert als die kostbarste Gabe. Die arme Witwe gab mit dem wenigen, das sie brachte, „alles, wovon sie lebte". Markus 12:44. Sie verzichtete auf ihre Speise, um jene zwei Scherflein der Sache beizusteuern, die sie liebte, und sie tat es im Glauben, darauf vertrauend, daß der himmlische Vater sie in ihrer Armut nicht übersehen werde. Dieser selbstlose Geist und dieser kindliche Glaube fanden das Lob des Heilandes.

Es gibt viele Arme, die Gott gern ihre Dankbarkeit für seine Gnade und Wahrheit zum Ausdruck bringen wollen. Mit ihren wohlhabenden Brüdern vereinigen sie sich in dem Verlangen, das Werk Gottes zu unterstützen. Diese Seelen sollten nicht zurückgewiesen werden. Laßt sie ihre Scherflein in der Bank des Himmels anlegen. Wird aus einem liebevollen, gotterfüllten Herzen gegeben, dann werden diese scheinbaren Kleinigkeiten geheiligte, unschätzbare Opfergaben, die Gott wohlgefällig sind und die er segnet.

Als Jesus von der Witwe sagte, daß sie „mehr als sie alle eingelegt" (Lukas 21:3) habe, waren seine Worte doppelt wahr. Nicht nur der Beweggrund hatte das Opfer aufgewertet, sondern auch die Wirkung der Gabe. Die zwei Scherflein, die einen Heller ausmachten, brachten eine viel größere Summe in den Gotteskasten als alle Beiträge der reichen Juden. Der Einfluß jener kleinen Gabe ist wie ein Strom gewesen, der, klein im Anfang, immer breiter und tiefer wurde, je länger er durch die Zeitalter dahinfloß. Auf vielerlei Weise hat das Beispiel der selbstlosen Witwe zur Unterstützung der Armen und zur Ausbreitung des Evangeliums beigetragen und seine Wirkung und Rückwirkung auf Tausende Herzen in allen Landen zu allen Zeiten gehabt. Sie hat Reiche und Arme beeinflußt, und deren Opfer haben den Wert ihrer Gabe anwachsen lassen. Der Segen Gottes, der auf dem Scherflein der Witwe ruhte, hat die kleine Gabe zu einer reichen Quelle gemacht. So ist es mit jeder Gabe, die gegeben, und mit jeder Handlung, die getan wird in dem aufrichtigen Verlangen, die Ehre Gottes zu mehren; denn sie entsprechen den Absichten des Allmächtigen, und ihre segensreichen Folgen kann kein Mensch ermessen.

Mit folgenden Worten setzte der Herr seine Anklagen gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer fort: „Weh euch, ihr blinden Führer, die ihr sagt: Wenn einer schwört bei dem Tempel, das gilt nicht; wenn aber einer schwört bei dem Gold am Tempel, das bindet. Ihr Narren und Blinden! Was ist größer: das Gold oder der Tempel, der das Gold heiligt? Oder: Wenn einer schwört bei dem Altar, das gilt nicht; wenn aber einer schwört bei dem Opfer, das darauf ist, das bindet. Ihr Blinden! Was ist größer: das Opfer oder der Altar, der das Opfer heiligt?" Matthäus 23:16-19. Die Priester legten Gottes Forderungen nach ihren eigenen falschen und beengten Begriffen aus. So erkühnten sie sich, spitzfindige Unterschiede im Hinblick auf die jeweilige Höhe der Schuld bei verschiedenen Sünden aufzustellen. Dabei gingen sie über einige Sünden leicht hinweg und stellten andere, die mitunter weniger verderbliche Folgen zeitigten, als unvergebbar hin. Für eine finanzielle Gegenleistung entbanden sie zum Beispiel jemanden von einem bereits geleisteten Eid. Für entsprechend höhere Geldsummen waren sie manchmal sogar bereit, weit schlimmere Verbrechen zu dulden. Zur gleichen Zeit aber verhängten dieselben Priester und Obersten in anderen Fällen harte Strafen für unbedeutende Übertretungen.

„Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr verzehntet Minze, Dill und Kümmel und lasset dahinten das Wichtigste im Gesetz, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Dies sollte man tun und jenes nicht lassen." Matthäus 23:23. Der Heiland verurteilt hier noch einmal den Mißbrauch heiliger Verpflichtungen. Die Verpflichtung selbst ließ er bestehen. Die Gabe des Zehnten war von Gott eingesetzt, sie ist von den frühesten Zeiten an eingehalten worden. Abraham, der Vater der Gläubigen, bezahlte den Zehnten von allem, was er hatte. Auch die jüdischen Obersten anerkannten zu Recht die Pflicht, den Zehnten zu geben; sie ließen jedoch das Volk nicht nach eigener Überzeugung handeln. Für jeden Fall hatten sie willkürlich Regeln aufgestellt, und die Forderungen waren so erschwert worden, daß es dem Volke unmöglich war, sie zu erfüllen; niemand wußte, wann er seinen Verpflichtungen nachkam. Gottes Gebot, wie er es gegeben hatte, war gerecht und vernünftig, aber die Priester und Rabbiner hatten es zu einer Last gemacht.

Jede göttliche Verordnung ist bedeutungsvoll. Jesus betrachtete das geben des Zehnten als selbstverständliche Verpflichtung, machte aber darauf aufmerksam, daß es keineswegs die Vernachlässigung anderer Pflichten entschuldige. Die Pharisäer waren sehr genau im Verzehnten der Gartenkräuter, wie Minze, Dill und Raute. Dies kostete sie wenig, verschaffte ihnen aber den Ruf der Genauigkeit und Frömmigkeit; gleichzeitig aber setzten sie das Volk mit ihren nutzlosen Einschränkungen unter Druck und zerstörten die Achtung vor der Heiligkeit der göttlichen Ordnung. Sie beschäftigten die Sinne der Menschen mit unbedeutenden Unterscheidungen und lenkten dadurch die Aufmerksamkeit von wichtigen Wahrheiten ab. Die schwerwiegendsten Dinge des Gesetzes — Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glaube — wurden übersehen. Darum sagte Jesus mit Recht, das eine solle man tun und das andere nicht lassen.

Noch andere Gesetze waren von den Rabbinern in ähnlicher Weise entstellt worden. So war es in den durch Mose gegebenen Verordnungen verboten, etwas unreines zu essen. Darunter fiel der Genuß des Fleisches von Schweinen und bestimmten anderen Tieren, da dadurch offenbar das Blut verunreinigt und das Leben verkürzt würde. Die Pharisäer beließen es aber nicht bei den Beschränkungen, die Gott ihnen geboten hatte, sondern übertrieben die Erfüllung der göttlichen Verordnungen in ungerechtfertigter Weise. Unter anderem mußten die Leute alles Wasser vor dem Gebrauch seihen, damit nicht das kleinste Ungeziefer darin verbliebe, das eventuell zu den unreinen Tieren gehöre. Der Heiland verglich diese Kleinlichkeitskrämerei mit der Größe ihrer wirklichen Sünden und sagte zu den Pharisäern: „Ihr blinden Führer, die ihr Mücken seihet und Kamele verschluckt!" Matthäus 23:24.

„Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr seid gleichwie die übertünchten Gräber, welche von außen hübsch erscheinen, aber inwendig sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat!" Matthäus 23:27. Wie die übertünchten und schön geschmückten Gräber die verwesenden Überreste verbargen, so lag hinter der äußeren Heiligkeit der Priester und Obersten ihre Sündhaftigkeit verborgen.

Jesus fuhr fort: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler bauet und schmücket der Gerechten Gräber und sprecht: Wären wir zu unsrer Väter Zeiten gewesen, so wären wir nicht mit ihnen schuldig geworden an der Propheten Blut! So gebt ihr über euch selbst Zeugnis, daß ihr Kinder seid derer, die die Propheten getötet haben." Matthäus 23:29-31. Um ihre Wertschätzung der verstorbenen Propheten zu zeigen, waren die Juden eifrig bemüht, deren Gräber zu verschönern; dabei beherzigten sie weder ihre Lehren, noch beachteten sie ihre Zurechtweisungen.

Zur Zeit Christi zollte man den Ruhestätten der Toten eine abergläubische Achtung; große Geldsummen wurden für ihre Ausschmückung verwendet. Vor Gott war das Götzendienst; denn in ihrer übertriebenen Verehrung der Toten zeigten die Menschen, daß sie Gott nicht über alles liebten noch ihren Nächsten wie sich selbst. Solche Übertreibungen in der Totenverehrung finden wir in noch größerem Umfang auch heute. Viele vernachlässigen die Witwen und Waisen, die Kranken und Armen, nur um den Toten kostbare Gedenksteine setzen zu können. Zeit, Geld und Arbeit werden hierfür bereitwillig gegeben, während die Pflichten gegen die Lebenden — Aufgaben, die Christus deutlich eingeschärft hatte — versäumt werden.

Die Pharisäer bauten der Propheten Grabstätten, schmückten deren Gräber und sagten zueinander: Wenn wir in den Tagen unserer Väter gelebt hätten, würden wir uns nicht mit ihnen vereint haben, das Blut der Diener Gottes zu vergießen. Und doch planten sie zur gleichen Zeit, das Leben des Sohnes Gottes zu vernichten. Das sollte uns eine Lehre sein und uns die Augen öffnen, die Macht Satans zu erkennen, welche alle Menschen täuscht, die sich von dem Licht der Wahrheit abwenden. Viele folgen den Wegen der Pharisäer. Sie ehren die Menschen, die um ihres Glaubens willen gestorben sind; sie wundern sich über die Blindheit der Juden, die Jesus verwarfen, und erklären: Hätten wir zu seiner Zeit gelebt, würden wir seine Lehren mit Freuden angenommen haben; wir wären niemals mit jenen schuldig geworden, die ihn verwarfen. Wenn aber der Gehorsam gegen Gott Demütigung und Selbstverleugnung erfordert, dann sind es gerade diese Menschen, die ihre Überzeugung verleugnen und den Gehorsam verweigern und dadurch den gleichen Geist bekunden wie einst die Pharisäer, die Christus verurteilten.

Wie wenig erkannten die Juden die furchtbare Verantwortung, die sie mit der Verwerfung Jesu auf sich nahmen! Seit der Zeit, da erstmals unschuldiges Blut vergossen wurde, als der gerechte Abel durch die Hand Kains fiel, hat sich das gleiche Geschehen mit wachsender Schuld wiederholt. Zu jeder Zeit haben treue Verkündiger Gottes ihre Stimme gegen die Sünden der Könige, der Obersten und des Volkes erhoben, indem sie sprachen, was Gott ihnen geboten hatte. Unter Einsatz ihres Lebens gehorchten sie seinem Willen. Von Geschlecht zu Geschlecht hat sich das schreckliche Strafmaß über die Verleugner des Lichtes und der Wahrheit angehäuft. Dies wurde von den Feinden Christi nun auf sie selbst herabbeschworen. Die Sünde der Priester und Obersten war größer als die irgendeines anderen Geschlechtes; denn durch die Verwerfung Jesu hafteten sie für das Blut aller erschlagenen Gerechten von Abel bis zu Christus. Sie standen im Begriff, den Kelch ihrer Missetaten zum Überlaufen zu bringen. Bald würde dieser in vergeltender Gerechtigkeit über ihrem Haupt ausgegossen werden. Jesus warnte sie davor:

„Auf daß über euch komme all das gerechte Blut, das vergossen ist auf Erden, von dem Blut des gerechten Abel an bis auf das Blut des Zacharias, des Sohnes Barachjas, welchen ihr getötet habt zwischen Tempel und Altar. Wahrlich, ich sage euch, daß solches alles wird über dies Geschlecht kommen." Matthäus 23:35,36.

Die Schriftgelehrten und Pharisäer, die dem Herrn zuhörten, wußten, daß er die Wahrheit sprach. Sie wußten, wie der Prophet Zacharias getötet worden war. Während er die Warnungsbotschaft Gottes verkündigte, ergriff den abtrünnigen König satanische Wut, und auf seinen Befehl hin wurde der Prophet getötet. Sein Blut hatte auf den Steinen des Tempelhofes unaustilgbare Spuren hinterlassen und zeugte gegen das abgefallene Israel. Solange der Tempel stände, würden die Spuren des Blutes dieses Gerechten zu Gott um Rache schreien. Als Jesus auf die schrecklichen Folgen dieser Sünden hinwies, wurde die Menge von Schauder ergriffen.

Der Heiland aber weissagte ferner, daß die Unbußfertigkeit der Juden und ihre Unduldsamkeit gegen die Diener Gottes unverändert fortbestehen würden. Er sagte: „Darum siehe, ich sende zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte; und deren werdet ihr etliche töten und kreuzigen, und etliche werdet ihr geißeln in euren Synagogen und werdet sie verfolgen von einer Stadt zu der andern." Matthäus 23:34. Propheten und weise Männer, voll Glaubens und voll Heiligen Geistes — Stephanus, Jakobus und viele andere —, würden verurteilt und getötet werden. Mit zum Himmel emporgestreckter Hand sprach Christus, von göttlichem Licht umhüllt, als Richter zu jenen, die vor ihm standen. Die Stimme, die so oft gütig und bittend geklungen hatte, sprach jetzt tadelnd und verurteilend, so daß die Zuhörer angstvoll erbebten. Niemals würden sie den Eindruck seiner Worte und seinen Flammenblick aus ihrem Gedächtnis auslöschen können!

Die Entrüstung des Heilandes richtete sich gegen die Heuchelei, die groben Sünden, durch die die Menschen ihre Seele verdarben, das Volk verführten und Gott entehrten. Er erkannte in den nur auf Scheingründen beruhenden, trügerischen Beweisführungen der Priester und Obersten das Wirken satanischer Kräfte. Scharf und durchdringend prangerte er die Sünde an, ohne ein Wort von Vergeltung zu sprechen. Er hatte einen heiligen Zorn gegen den Fürsten der Finsternis; aber er zeigte sich nicht in gereizter Stimmung. So wird auch der Christ, der in Einklang mit Gott lebt und Liebe und Barmherzigkeit besitzt, eine gerechte Entrüstung gegen die Sünde empfinden; aber er wird sich nicht aufreizen lassen, jene zu schelten, die ihn schmähen. Selbst wenn er mit solchen Menschen zusammentrifft, die von einer satanischen Macht bewegt werden und der Lüge dienen, wird er noch immer Ruhe und Selbstbeherrschung bewahren.

Göttliches Mitleid überwältigte den Heiland, als er seinen Blick über den Tempel und über seine Zuhörer gleiten ließ. Mit vor tiefer Herzensangst und bitteren Tränen fast erstickter Stimme rief er aus: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!" Matthäus 23:37. Aus Christi Klage spricht Gottes Barmherzigkeit. Sie ist das geheimnisvolle Abschiedswort seiner langmütigen Liebe.

Die Pharisäer und Sadduzäer waren zum Schweigen gebracht. Der Herr rief seine Jünger und verließ den Tempel. Er ging nicht als besiegter oder als ein durch die Gegenwart seiner Widersacher Bezwungener, sondern als einer, dessen Werk vollendet war. Er verließ als Sieger diesen Streit.

Die Perlen der Wahrheit, die Jesus an jenem ereignisreichen Tag ausgeteilt hatte, wurden in manchem Herzen treu bewahrt. Neue Gedanken bildeten sich, neues Streben wurde erweckt, und ein neues Erleben begann. Diese Bekenner Jesu traten nach der Kreuzigung und Auferstehung Christi öffentlich hervor und erfüllten ihren göttlichen Auftrag mit einer Weisheit und einem Eifer, die der Größe ihrer Aufgabe entsprachen. Sie trugen eine Botschaft, die zu den Herzen der Menschen sprach und die die alten abergläubischen Gewohnheiten schwächte, welche das Leben Tausender lange Zeit niedergehalten hatten. Vor ihrem Zeugnis wurden menschliche Lehren und Philosophien eitle Fabeln. Machtvoll wirkten die Worte des Heilandes, die er zu jener verwunderten und erschütterten Menge im Tempel zu Jerusalem gesprochen hatte.

Israel als Volk aber hatte sich von Gott getrennt. Die natürlichen Zweige des Ölbaumes waren abgebrochen. Indem er einen letzten Blick in das Innere des Tempels warf, sprach Jesus mit trauriger Stimme: „Siehe, euer Haus soll euch wüste gelassen werden. Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!" Matthäus 23:38,39. Bisher hatte er den Tempel seines Vaters Haus genannt; doch jetzt, da er als der Sohn Gottes jene Mauern verlassen sollte, würde sich Gottes Gegenwart für immer von dem zu seiner Herrlichkeit erbauten Tempel zurückziehen. Künftig würden seine Zeremonien ohne Bedeutung sein und seine Gottesdienste nur noch Schein.


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